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Girls’ Day in Frankfurt : Von Mädchen und Robotern

Karl der Kleine: Die Schülerinnen lernen, einen Roboter zu programmieren. Bild: Wolfgang Eilmes

Der Girls’ Day versucht, was bisher nur selten gelingen will: Schülerinnen für Technik zu begeistern. Ein Besuch bei den „Female Future Leaders“ in Frankfurt.

          Dot ist verloren gegangen. Nicht irgendwo, sondern während einer Safari. Der einzige, der den Weg zu ihm finden kann, ist Karl. Doch Karl ist im Moment noch damit beschäftigt, laut „Hey“ und „Hallo“ zu rufen und sich mit seinem kugeligen Kopf um die eigene Achse zu drehen, anstatt sich auf den verwinkelten Weg, vorbei an Löwen, Elefanten und Zebras zu machen. Denn noch hat niemand Karl, dem Roboter mit dem großen Auge, Befehle gegeben.

          Tana und Mathilda sitzen in den Räumen des Social Start-Ups „Female Future Leaders“ in Frankfurt und sind dabei, genau das zu ändern. Sie programmieren Karl für seine Route. Wie das geht, wissen sie erst seit fünf Minuten, doch die Blockprogrammierung, auf die der Roboter hört, lässt sich intuitiv bedienen. Über ein Tablet werden feste Befehle in einer Kette angeordnet. Das Ziel, zu Dot zu gelangen, wird auf kleine Einzelschritte heruntergebrochen, und so programmieren die beiden Mädchen bei diesem Girls’ Day ihren ersten Algorithmus.

          Die Aktionstage des Girls’ und des Boys’ Day gibt es seit 2001 für Schüler von der fünften Klasse an. Anstatt an diesem Tag in die Schule zu gehen, können die Kinder Berufe kennenlernen, in denen Jungen oder Mädchen bisher unterrepräsentiert sind. Bei den Mädchen sind das vor allem naturwissenschaftliche Fächer sowie Informatik und Ingenieurswissenschaften – und das trotz bundesweiter Förderprogramme. Seit mehr als zehn Jahren etwa investiert das Bildungsministerium jährlich rund drei Millionen Euro in Projekte, die Frauen in MINT-Fächern fördern sollen. Fünf Prozent mehr Studienanfängerinnen, mehr Frauen in Führungspositionen und eine familienfreundlichere Kultur in den Unternehmen – eigentlich bescheidene Ziele, doch so richtig voran geht es nicht. Der Frauenanteil unter den Programmierern liegt meist nicht über 15 Prozent.

          Ein Grund sind Stereotype

          An den Leistungen der Mädchen liegt es nicht. Vergleicht man ihre Schulnoten in naturwissenschaftlichen Fächern mit denen der Jungs, so schneiden beide Geschlechter gleich gut ab. Wenn es einen Unterschied gibt, dann den, dass Schülerinnen in sprachlichen Fächern sogar noch etwas besser sind. In der Forschung wird das als ein möglicher Grund betrachtet, warum sich Frauen trotz guter Noten gegen ein MINT-Fach und für ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Studium entscheiden. Dazu kommen Stereotype: Wissenschaftler der Universität New York fanden 2017 in einer Studie heraus, dass nicht Mathematik oder Physik Frauen etwa an einem Informatikstudium abschrecken, sondern die Frage, wie sehr sie sich in diesem Fach wegen ihres Geschlechts benachteiligt und unterschätzt fühlen. Das Ergebnis der Studie scheint auch deshalb valide, weil nicht ausschließlich nach MINT-Fächern gefragt wurde, sondern nach allen, in denen Frauen unterrepräsentiert sind. Es gilt also für Maschinenbau wie für Philosophie.

          Auch Julia Sitzenstuhl und Christina Joho sind nicht über ein technisches Studium in die Digitalbranche gekommen, sondern über betriebswirtschaftliche Berufe. Die beiden Gründerinnen veranstalten den Workshop zum Girls’ Day und versuchen das, was sie in ihrem Unternehmen sonst auch tun: Mädchen für Technologie zu begeistern und mit weiblichen Vorbildern zusammenzubringen. „Es wird heute sehr viel Technik konsumiert“, sagt Joho, „aber sehr wenig selbst gemacht.“ Gerade bei Mädchen seien die Berührungsängste groß. Bauten sich diese nicht in der Kindheit oder Jugend ab, werde es später schwierig. Das zeige allein schon der Vergleich mit den Eltern, die im Umgang mit der Technik ängstlicher als ihre Kinder sind. Obwohl sie findet, dass jeder ein Grundverständnis von digitaler Technik haben sollte, macht Joho aber auch deutlich: „Nicht jeder muss deshalb Programmierer werden.“

          Von den neun Teilnehmerinnen, die zwischen elf und 14 Jahre alt sind, will das tatsächlich keine. Henrike möchte zwar Naturwissenschaften studieren, „Computer sind aber nicht mein Ding“, sagt sie nach dem Workshop. Hanas Ding sind sie schon. Ihr Vater ist Programmierer. „Zuhause löten wir Platinen oder programmieren ein bisschen“, erzählt sie. IT-Spezialistin will aber auch Hana nicht werden, viel lieber Reisefotografin. Um einen Berufswunsch geht es Carla und Mona noch nicht. Carlas Eltern sind Pädagogen, der Vater ihrer Freundin Mona macht „irgendwas mit Technik“, aber was genau, könne sie gar nicht so richtig sagen. Für den Roboter-Workshop haben sich aber beide zusammengetan, sich bewusst dafür entschieden. „Wir wollten in etwas anderes reinschnuppern und finden Technik ganz cool“, sagt Carla. Und am Ende sind die Augen ein bisschen größer, als Karl über den Boden flitzt, auch dann noch, als er die Zebras überfährt. Da wird einfach weiter probiert und getestet, und am Ende ist Karl bei Dot. Genau da, wo er hin gehört – und genau so, wie die Mädchen es bestimmt haben.

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