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„Giornale“ : „Mein Kampf“ liegt einer italienischen Zeitung bei

  • -Aktualisiert am

Eine überraschende Beilage: „Mein Kampf“ am italienischen Kiosk Bild: AP

Hitlers Hetzschrift als Zeitungsbeilage? Damit hat die rechtsgerichtete Zeitung „Il Giornale“ am Wochenende ihre Leser überrascht. Empörte Reaktionen folgten prompt.

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          Wollte man die Verkaufszahlen der dahinvegetierenden Zeitung heben? Wollte man die Kritiker mal wieder erhitzen? Oder davon ablenken, dass gerade der Bruder des Eigentümers, der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi, eine neue Herzklappe erhält? So oder so: Die rechtsgerichtete Zeitung „Il Giornale“ von Paolo Berlusconi überraschte am Samstag ihre Leser mit einer seltsamen Beilage: Adolf Hitlers „Mein Kampf“.

          Zu einem etwas erhöhten Preis gingen Hitlers Bekenntnisse aus der Festungshaft am Wochenende über die Theken – in Kombination mit dem Alt-Beststeller „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“, in dem der amerikanische Journalist William L. Shirer schon 1960 seine Erfahrungen im „Dritten Reich“ journalistisch gewandt und wissenschaftlich fundiert niedergeschrieben hatte.

          Es handelte sich nicht um eine Übersetzung der neuen kommentierten deutschen Ausgabe von „Mein Kampf“, sondern um eine frühe Ausgabe, in der Hitlers Schmähungen nicht wissenschaftlich eingehegt sind.

          „Abscheulich“ und „eine Schande“

          Man müsse das Böse studieren, um zu verhindern, dass es wieder geschehen könnte, schrieb Chefredakteur Alessandro Sallusti. Schließlich sei auch der Film „Er ist wieder da“ erfolgreich, in dem ein wieder auferstandener Hitler dazu aufbricht, über das Internet die Welt zu erobern. Vor 80 Jahren habe man das Problem unterbewertet, schreibt Sallusti. „Wir haben ,Mein Kampf’ nicht gelesen und hatten kurz darauf Millionen von Toten und einen Weltkrieg.“

          Mit diesem Hinweis beruhigte der Chefredakteur freilich die wenigsten. In der regierenden sozialdemokratischen PD weckte die Beilage des „Giornale“ Entsetzen: „Ich finde es abscheulich, dass eine italienische Zeitung heute Hitlers Mein Kampf verschenkt“, schrieb Ministerpräsident Matteo Renzi auf Facebook. Fast alle PD-Kandidaten im Kommunalwahlkampf, wo es auf die Stichwahl am kommenden Sonntag zugeht, äußerten sich empört.

          So sprach der Mailänder PD-Kandidat Giuseppe Sala von einer „Schande“. Der Präsident der Vereinigung aller jüdischen Gemeinden in Italien, Renzo Gattegna, stellte fest, die Veröffentlichung sei „Lichtjahre von aller Logik des Studiums der Schoa und der unterschiedlichen Faktoren entfernt, die die ganze Menschheit in einen bodenlosen Abgrund von Hass, Tod und Gewalt versinken ließen“.

          Die „Giornale“ unterstützt in Mailand den konservativen Kandidaten Stefano Parisi. Der stellte irritiert fest, die Beilage sei „nutzlos und unangebracht“.

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