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Klägerin gegen Brexit : Europa ist eine Frau

„Sieg der Demokratie“: Gina Miller im Januar in London Bild: AFP

Sie klagt gegen die Brexit-Entscheidung. Daher wird Gina Miller in Großbritannien beschimpft und bedroht. Warum macht sie trotzdem weiter? Ein Treffen in London.

          7 Min.

          Die Fake-News zuerst: Die „Daily Mail“ schreibt, Gina Miller habe ihr Internat Roedean vor gut 40 Jahren fluchtartig verlassen, nachdem sie schwer gemobbt worden sei. Die „Sun“ schreibt, Gina Miller habe das Mädchen-Internat Roedean besucht. Die BBC schreibt, ihre Eltern hätten sie damals im Alter von zehn Jahren nach Roedean geschickt. Im deutschen Wikipedia-Eintrag über Gina Miller ist von Roedean die Rede. Gina Miller sagt: „Ich war nie in Roedean.“

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie sitzt jetzt schon seit einer guten halben Stunde in einem Keller-Konferenzraum des Londoner Büros der Investmentfirma, die sie zusammen mit ihrem Mann Alan Miller führt, und erzählt. Aber diese Information, bei der es eigentlich nur um den Namen einer Privatschule geht, die sie mal besucht haben soll oder eben auch nicht, ist trotzdem eine der wichtigeren über diese Frau. „Die ,Daily Mail' hat damit angefangen“, sagt Gina Miller. Es sei keine Ungenauigkeit in der Presse gewesen, ein Fehler, der passieren kann, wenn jemand unter dem Druck des Redaktionsschlusses so schnell wie möglich Informationen über eine Person zusammensuchen muss, die gestern noch unbekannt war. Die Sache mit Roedean soll Absicht gewesen sein. „Sie brauchten ein Internat, das zum Klischee der Elite passte, eine schicke Schule.“ Eine, die in Großbritannien zudem so berühmt wie berüchtigt dafür ist, dass sich die Mädchen dort gegenseitig nicht gerade mit Samthandschuhen anfassen. Nachdem die „Daily Mail“ die Fake-News in die Welt gesetzt und ins Internet geschrieben hatte, machte die Nachricht die Runde – bis heute, wenn von Gina Miller die Rede ist.

          Die Wahrheit ist: Gina Miller, in Guyana geboren und dort bis zu ihrem zehnten Lebensjahr aufgewachsen, ist von ihren Eltern tatsächlich damals auf ein Internat in Großbritannien geschickt worden. Sie hat sich Roedean auch beim Auswählen der richtigen Schule angeschaut. „Für mich sah das aber wie ein Gefängnis aus, da wäre ich niemals hingegangen. Ich war auf einer Schule in Eastbourne, Moira House, sehr klein, familiär, eine ganz andere Umgangskultur.“ Und weithin unbekannt – also ein bisschen uninteressanter, wenn es darum geht, eine Person möglichst scharf für einen Leser mit unverrückbarem Weltbild zu umreißen. Ach ja, nur am Rande: Gina Miller wurde auch nicht gemobbt. „Klar, Mädchen, die gegenseitig sticheln. Aber die gibt es überall“, sagt Miller. „Was diese Zeitung damit sagen wollte: Ich habe so ungefähr 40 Jahre gewartet, um mich jetzt an den bösen weißen Mädchen zu rächen. Ja, ja, ganz bestimmt.“

          Kampf gegen das Brexit-Votum

          In Großbritannien gibt es jetzt ziemlich viele Menschen, nicht nur weiße Mädchen, die meinen, Gina Miller wolle sich an ihnen rächen. Sie nehmen ihre Entscheidung, gegen das Brexit-Votum vom vergangenen Juni anzugehen, persönlich. Und zwar so persönlich, dass sie die Frau aus Guyana, die seit mehr als 30 Jahren britische Staatsbürgerin ist, nicht nur mobben, sondern ernsthaft mit dem Tode bedrohen. Wer zu ihr gelangen will, weil er einen Termin hat, muss erst an der netten Rezeptionistin am Empfang der Londoner Investmentfirma vorbei, im schicksten Teil von Knightsbridge. Hier regiert nicht die sogenannte Elite, hier ist das obere Prozent davon tätig. Gina Miller verspätet sich an diesem sonnigen Vormittag. In der Sofaecke im Flur sitzt eine Gruppe Mitarbeiter der Firma, die über ihre Handelsstrategien vor dem Hintergrund von Donald Trumps möglichen nächsten und übernächsten Schritten diskutiert. Auf dem Boden ist schwerer Teppich ausgelegt, typisch englisch. Die Wände sind mit Stuck besetzt.

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