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Gina-Lisa Lohfink : Laber nich rum

  • -Aktualisiert am

Gina-Lisa Lohfink am 1. Juni im Amtsgericht Tiergarten (Berlin) Bild: dpa

Gina-Lisa Lohfink sagt, sie wurde vergewaltigt. Ein Gericht sieht das anders. Jetzt kämpft das Starlet um ein Recht, von dem zu viele meinen, sie hätte es verwirkt.

          Es gibt viele Videos von Gina-Lisa Lohfink, und auf den meisten hat sie die Kontrolle über das, was geschieht. Sie hüpft auf Mallorca in einen Pool, sie posiert barbusig in Lederhose, lässt sich tätowieren und sucht einen neuen besten Freund. Und dann gibt es Videos, auf denen Gina-Lisa Lohfink keine Kontrolle hat, über gar nichts: nicht über das Geschehen, nicht darüber, dass jeder es sehen kann, und auch nicht über das Urteil, das sich diejenigen bilden, die es sehen.

          Eine Nacht in Berlin, Anfang Juni 2012. Lohfink feiert in einer Diskothek, später landet sie mit zwei Männern in einer Wohnung. Die beiden filmen, was dann passiert, und es verbietet sich, das Sex zu nennen. Vielmehr ist es so, zu diesem Schluss muss jeder kommen, der die Filme sieht: Zwei Männer vergehen sich an einer offenbar weggetretenen Frau. Mehrfach sagt Lohfink „Hör auf“ und „Nein, nein, nein“. Die Männer sagen „Laber nich rum“ und feuern sich gegenseitig an: „Komm, sie brauchts härter.“

          Schon wenige Stunden später bieten sie die Videos Medien zum Kauf an und stellen die Aufnahmen ins Netz, wo Teile davon noch immer abrufbar sind. Lohfink zeigt sie zwei Wochen später an: wegen der Verbreitung der Videos und wegen Vergewaltigung. Die Ermittlungen dauern Monate. Am Ende bekommen die Männer Strafbefehle, weil sie die Videos nicht ohne Einwilligung hätten veröffentlichen dürfen. Einer von ihnen zahlt, der andere nicht.

          Das Verfahren wegen Vergewaltigung stellt die Berliner Staatsanwaltschaft ein – und die Geschichte auf den Kopf: Wegen falscher Verdächtigung bekommt Gina-Lisa Lohfink vom Amtsgericht Tiergarten in Berlin im Herbst vergangenen Jahres einen Strafbefehl. Sie soll 24.000 Euro zahlen, die Juristen teilen das in 60 Tagessätze zu je 400 Euro auf.

          „Von der Geschädigten zur Täterin“

          Sie habe nicht gewusst, schreibt Lohfink in einer Erklärung im Juristen-Deutsch, dass man von der Geschädigten zur Täterin gemacht werden könne. Noch ist nicht ausgemacht, dass es so kommen wird: Lohfink wehrt sich vor dem Amtsgericht gegen den Strafbefehl, ihr Prozess hat Anfang des Monats, vier Jahre nach der Berliner Nacht, begonnen und soll am 27. Juni zu Ende gehen. Aber die Geschichte, wie es überhaupt zu dem Verfahren gegen sie kam, erzählt viel davon, wie schwierig es ist, über Sexualdelikte zu entscheiden. Und noch mehr davon, wie in Deutschland ein Opfer auszusehen hat, was es anziehen und sagen sollte.

          Gina-Lisa Lohfink, 29 Jahre alt, geboren im hessischen Seligenstadt, ist 2008 bei „Germany’s Next Topmodel“ früh gescheitert, in den wenigen Wochen Castingshow aber berühmt geworden: für allgemeines Rumgeprolle und den Spruch „Zack, die Bohne“. Den sagte sie immer dann, wenn eine Sache ihrer Ansicht nach vollbracht oder zu Ende diskutiert war, und sie entschied das häufig so.

          Es folgten Reality-TV-Formate, ein Amateur-Porno von ihr und einem ehemaligen Freund tauchte auf. Lohfink ließ sich die Brüste machen, die Lippen aufspritzen und einiges mehr. Sie war mit dem Sänger Marc Terenzi zusammen, mit dem Fußballer Arthur Boka, erfand über Monate hinweg eine Beziehung mit der Sängerin Loona und wollte sich von Frédéric von Anhalt adoptieren lassen. Sie lieh der Erotik-Messe Venus ihr Gesicht und tourt heute mit einer Party-Reihe durch die deutsche Provinz.

          Eine Inszenierung?

          Hat eine Frau, die so ein Leben führt, die ihren Körper umbaut und vermarktet, das Recht verwirkt, als Opfer einer Sexualstraftat ernst genommen zu werden?

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