https://www.faz.net/-gum-9c378

Frauen auf Instagram : Jetzt auch ohne Make-up

  • -Aktualisiert am

Feministin und Schauspielerin Lena Dunham floh vor den Twitter- Hasswellen in Richtung Instagram. Bild: AP

Eine Frau sollte selbstbewusst entscheiden, wie sie aussehen möchte – und wie sie darüber sprechen will. Auf Instagram wird derzeit ein neuer Weg gefunden, sich zu dem Thema auszutauschen.

          7 Min.

          Wenn die gestresste Instagram-Userin am Ende eines harten Tages noch einmal lachen oder sich entspannen will, sollte sie sich die Beiträge von Busy Philipps anschauen. Busy trägt kein Make-up und kennt sich aus mit echten Frauenproblemen und -perspektiven. Die frühere Schauspielerin gehört zu den neuen Instagram-Comedians und kann beispielsweise sehr lustig über ihre Versuche mit „arm spanx“ sprechen, das ist eine Bandage, mit der die Arme dünner wirken sollen. Von einem glamourösen Hollywood-Lifestyle erzählt sie nichts, obwohl sie rund zwanzig Jahre Schauspielerin war. Als solche schaffte sie nicht den sogenannten Durchbruch. Jetzt allerdings schon, dank Instagram. Heute wird sie permanent von TV-Produzenten auf Partys angesprochen, wie ihre digitale Strategie lautet.

          Aber Busy Philipps hat keine Strategie, ihr Geheimnis ist simpel: Keine Frau muss sich bei ihr besser oder schlechter fühlen. Busy sagt, es gibt nur ein Leben, egal ob man nun in Hollywood wohnt oder nicht. Und dieses Leben stellt allen Frauen dieselben Fragen: Busy zeigt, wie ein alltagstauglicher, undogmatischer, lässiger Feminismus aussieht. Und dazu gehört eben auch mal das Thema „arm spanx“. Manchmal geht es aber um größere Dinge.

          „Horrible, racist, sexist, xenophobic dangerous man“

          Per Instagrampost forderte sie ihre knapp eine Million Follower auf, den „horrible, racist, sexist, xenophobic dangerous man“ namens Trump auf keinen Fall zu wählen. Oder sie promotet den „March for our lives“, die große Demonstration gegen das amerikanische Waffengesetz. Die Likes auf ihrer Seite kommen von Namen, die man aus dem Kino oder der Presse kennt. Da steht ein Herzchen von Hollywood-Lady Gwyneth Paltrow, daneben Diversity-Star Lena Dunham, Ex- Starlet Amanda de Cadenet oder Urfeministin Gloria Steinem. Es geht nicht einfach nur um Likes, da entsteht eine besondere weibliche Instagram-Community, die eine neue Form der Kommunikation schafft, eine Art neuer Sprache, die für einen diversen, amüsanten, tröstenden, aber präzisen weiblichen Blick steht. Ist Instagram das neue digitale Feministinnen-Paradies? Netter als Twitter? Frischer als Facebook?

          So einfach ist es nicht, wie eine Harvard-Studentin in einem vielbeachteten Artikel mit dem Titel „What Instagram Taught Me about Feminism“ in der täglichen Online-Zeitung der Universität darlegte. Auf Facebook sei sie eine andere Person als auf Instagram, hielten ihr ihre Freunde vor, auf Facebook erscheine sie als Hardcore-Feministin, auf Instagram als süßes Mädchen. Autorin Nian Hu erzählt, wie sie auf Facebook regelmäßig drastischere feministische Ansichten poste und von Männern deshalb Kommentare bekomme, sie sei ein „Feminazi“. Nachdem dieselben Männer aber ihr Profilbild auf LinkedIn gesehen hätten, würden sie ihr auf Facebook gleich Sexdates vorschlagen.

          Auf Instagram jedoch, wo Bilder mehr zählen als Text, sei es ihrer Erfahrung nach fast egal, ob sie sich im Bikini oder in Jeans und T-Shirt poste, wenn sie dort auf Date-Anfragen nicht reagiere, würde sie von den männlichen Anfragern als „attention whore“ beschimpft werden: „Am Ende des Tages gibt es vorm männlichen Blick kein Entkommen. Ich werde immer als Objekt betrachtet.“ Auch Bescheidenheit und Züchtigkeit in Bezug auf Kleidung und Posieren würde sie auf Instagram nicht vor männlichen Ansprüchen und Begehren schützen, so ihr Fazit. Wie aber geht man als Feministin mit seinem Körper auf Instagram um, wenn es einigen egal zu sein scheint, ob man sich in Hotpants oder Nonnenkostüm zeigt?

          Millennial-Feministin Lena Dunham schlägt sich mit diesem Problem seit ihrer digitalen Ich-Werdung herum und verließ ihre alte Liebe Twitter aufgrund permanenter Hasswellen gegen ihre Haltungen und gegen ihren Körper. „Twitter ist physisch erschöpfend“, sagt Dunham, und selbst Twitters ehemaliger CEO Dick Costolo gab zu: „Missbrauch ist ein durchgängiges Problem für Twitter.“

          Instagram schien für Dunham die bessere digitale Heimat, auch weil sie weniger giftige Kommentare zu ihren Posts lesen musste. Denn Instagram hat es geschafft, den Hass, der auf anderen Plattformen normal geworden ist, zum großen Teil draußen zu lassen. User können die Kommentarfunktion sogar ausschalten, falls es ihnen zu heftig wird. Die Betonung der visuellen Elemente hilft bei der Schaffung einer angenehmeren Atmosphäre: Feministische Ideen können hier einfach in Bilder übersetzt werden, als Momentaufnahmen aus dem Leben, die jeder versteht – man kann durchaus von einer Instagram-Poesie sprechen. Die Plattform sei „eines der Dinge im Internet, die mein Leben verbessert haben“, sagte Dunham einmal und meinte damit, dass sie ihrer Art, feministische Inhalte zu kommunizieren, viel mehr entspricht. Auf Instagram kann sie sehr persönlich sein, kann mit einem Blick, einem Foto, einer Umarmung eine Haltung zeigen.

          Dunham ließ ihren Zwitscher-Account von jemand anderem übernehmen – aus Selbstschutz und um eine Steigerung der eigenen Aggressionen zu vermeiden –, als sie merkte, wie symbiotisch die sozialen Netzwerke betrachtet werden: Als sie ein Foto auf Instagram in BH und Boxershorts hochlud, wurde sie dafür auf Twitter beschimpft. „Es gibt eine Menge Leute auf Twitter, die ich liebe, aber unglücklicherweise kann ich nichts von denen lesen, ohne die derangierten Neo-Konservativen wahrzunehmen, die mir wünschen unter einem Berg von Felsen begraben zu sein.“

          Auf Instagram dagegen fand sie rasch ein lebendiges Netzwerk aus Gleichgesinnten. Mit Co-Produzentin Jenni Konner steht sie im ständigen Austausch, Gloria Steinem kommentiert auf Dunhams Seite, Gwyneth Paltrow wiederum wird von Lena persönlich zum Magazin ihrer umstrittenen Lifestyle-Marke Goop gratuliert, und Busy Philipps hilft Lena mit einem „Make-up-Tutorial“, um Dunhams Seite „Lenny Letter“ mehr ins Gespräch zu bringen. Instagram ist das Herz dieser Aktivitäten, dort hilft man sich, steht füreinander ein. Und wenn Dunham sich von ihrem Freund trennt, sich Haar-Extensions machen lässt und sich mit ihrer Katze im Bett zeigt, wird sie nicht gleich von giftigen Trollen überrollt. Denn das ist nicht der „Vibe“ hier.

          Funktioniert nicht nur für feministische Millennials

          Das funktioniert nicht nur für feministische Millennials. Auch Generation-X-Frauen lieben das Medium. Maria Grazia Chiuri, Chefdesignerin bei Dior, führt das Modehaus sehr instagramnah. Alles begann damit, dass Chiuris Kinder sie fragten, ob die Generation ihrer Mutter angesichts der großen gesellschaftlichen Umstellungen „schläft“: die Rückkehr des Feminismus, #MeToo, das Desinteresse von Frauen, sich nach alten Hierarchien zu richten.

          Schauspielerin und Instagram- Aktivistin Busy Philipps zeigt, wie ein lässiger, alltagstauglicher Feminismus aussieht.
          Schauspielerin und Instagram- Aktivistin Busy Philipps zeigt, wie ein lässiger, alltagstauglicher Feminismus aussieht. : Bild: AFP

          Chiuri hatte 2016 als erste Frau das 69 Jahre alte Unternehmen Dior übernommen und diesen Schritt selbst als „Dio(R)evolution“ bezeichnet. Instagram hilft ihr, diese Revolution zu verbreiten. Sie nutzt die Plattform vielleicht konsequenter als jeder andere Designer der großen Häuser. Auch weil sie nicht „an alten Stereotypen interessiert ist, wie eine Feministin aussieht“. Also kreierte Chiuri als Erstes ein Shirt mit dem Aufdruck „We Should All Be Feminists“ nach dem gleichnamigen Titel eines Buches der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie von 2014. Dann folgte „Why Have There Been No Great Women Artists?“ Das war der Titel eines berühmten Kunstgeschichtstextes der amerikanischen Kunsthistorikerin Linda Nochlin aus dem Jahr 1971. Das war genau die Art von T-Shirt, die als Foto auf Instagram funktioniert. Während der Dior-Cruise-Show 2017 dauerte es nur Sekunden, bis ihre T-Shirts von Influencern weltweit dauergepostet wurden. Chiuri grub zudem kurze, stylishe Filme aus den siebziger Jahren aus, in denen sich Pariser Feministinnen über „le feminisme“ unterhielten.

          Die Filme waren nur wenige Sekunden kurz, jedoch lang genug, um einen „radical chic“ zu erkennen. Aber eine heile, freie feministische Welt bleibt auch auf Instagram eine Illusion, vor allem, wenn es um bestimmte Formen der Körperlichkeit geht – schnell greifen die oft grotesk anmutenden Maßstäbe eines amerikanischen Unternehmens. Die engen Grenzen testete früh Chelsea Handler aus, in den Vereinigten Staaten als Moderatorin bekannt geworden, dann als „Netflix“-Star und heute eine der amüsantesten feministischen Aktivistinnen Amerikas.

          Handler hatte ein Bild von Wladimir Putin „kopiert“, auf dem sich der russische Präsident mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd hatte ablichten lassen. Dieses Foto stellte Handler nach, originalgetreu, also mit nackten Brüsten. Ihr Bild wurde umgehend gelöscht. Handler kommentierte das mit „Wenn ein Mann ein Foto mit seinen Nippeln postet ist das okay? Aber nicht bei einer Frau? Leben wir 1825?“ Sie stellte die Aufnahme erneut ein. Wenn Instagram das Foto erneut runternehmen würde, schrieb sie, hieße das, Putin habe mehr Rechte als sie. Hatte er offensichtlich, denn Instagram löschte insgesamt dreimal, Handler gab zunächst ein wenig gelangweilt auf. Doch vor einiger Zeit lud sie ein Bild ihres Managers hoch, der von hinten beide Hände auf ihre – diesmal bekleideten – Brüste gelegt hatte. In diesem Fall löschte Instagram nicht. Man kann vermuten, dass das auch mit ihrer mittlerweile großen Bekanntheit zu tun hat.

          Eine ähnliche Situation erlebte Petra Collins, erfolgreiche Fotografin und Regisseurin für internationale Modebrands wie Gucci. Vor fünf Jahren zeigte sie ihren Unterkörper in Bikinihose, wobei ein paar Schamhaare hervorschauten. Collins, heute 25 Jahre alt, war am speziellen „female gaze“, dem weiblichen Blick, interessiert, der nicht nach den üblichen männlichen Regeln von Sexyness funktioniert. Ihr Account wurde gleich gelöscht. Und das, obwohl sie nicht gegen die Instagram-Richtlinien verstoßen hatte: Sie zeigte weder Nacktheit noch Gewalt, Pornografie oder Hass provozierende Bilder. Collins beschwerte sich, erhielt aber keine Antwort. Ihr Fall löste eine der ersten Diskussionen darüber aus, was für ein Frauenbild hier erlaubt sei.

          Ein paar Schamhaare reichten schon aus

          Collins wollte ein ungeschöntes Bild von ihrem Körper zeigen, das die gesellschaftlichen Standards von Femininität nicht erfüllt. Dafür reichten schon ein paar Schamhaare aus. In einem Essay für die „Huffington Post“ – „Why Instagram Censored My Body“ – schrieb sie daraufhin: „Das Löschen meines Accounts fühlt sich wie ein physischer Akt an.“ Geschadet hat ihr das zumindest beruflich nicht: Genau dieser Blick, diese Ästhetik machte Collins zur Expertin für einen ungekünstelten, individuellen Frauen-Look – und mittlerweile zum Star der Plattform. Ihr Engagement sorgte dafür, den Begriff „female gaze“ auf Instagram zum Thema zu machen, sogar zum feststehenden Begriff – nachdem man dort anfänglich auf einen „male gaze“ fixiert schien.

          Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri setzt für Dior voll auf Instagram – etwa mit „We Should All Be Feminists“-T-Shirts.
          Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri setzt für Dior voll auf Instagram – etwa mit „We Should All Be Feminists“-T-Shirts. : Bild: AFP

          Amanda de Cadenet, eine der neuen Instagram- Feministinnen, die erst MTV-Moderatorin war und dann Fotografin wurde, ließ sich jedenfalls von einem entsprechenden Hashtag zu einem ganzen Buchprojekt inspirieren. Sie fand unter #girlgaze zunehmend Fotos, die Mädchen von sich selbst posteten, und zwar solche, die nicht mit klassischer Sexyness hausieren gingen. De Cadenet sammelte die Aufnahmen, packte sie in ein Buch und begann, immer mehr Bilder von sich selbst zu posten. Solche, die keine perfekt gestylte Amanda zeigten. „Es gibt diese Bewegung Richtung Inklusivität, die wir sehr brauchen, und ich glaube, dass Social Media – vor allem Instagram – ein große Rolle darin spielt. Ich bin sehr froh darüber, viele verschiedene Arten von Schönheit dort zu sehen.“

          Es wird in Zukunft immer mehr darum gehen, dass jede Frau selbstbewusst entscheidet, wie sie aussehen möchte und wie sie darüber sprechen will. Und auf Instagram wird vielleicht derzeit eine neue Art und Sprache gefunden, sich darüber auszutauschen. Eine angenehme Art der Kommunikation, die Hass aus-, aber die Mehrheit der Nutzerinnen einschließt. Selbst Gwyneth Paltrow macht dabei mit: Sie fotografiert seit neuestem die Zone um ihre Augen. Damit jede sieht, wie sich die kleinen Paltrow-Falten an dieser Stelle entwickeln. Denn selbst Paltrow hat sich bei Busy Philipps abgeschaut, dass Frauen nicht mehr in einem Photoshop-Universum leben wollen.

          Weitere Themen

          Baden-Württemberg setzt Notbremse bereits Montag um

          Corona-Liveblog : Baden-Württemberg setzt Notbremse bereits Montag um

          Mehr als 20 Millionen Impfungen in Deutschland +++ Merkel will sich am Freitag offenbar mit Astra-Zeneca impfen lassen +++ Stiko-Chef gegen Aufhebung von Impfpriorisierung +++ Wieler: Intensivpatienten werden immer jünger +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          Die Pandemie im Überblick

          Zahlen zum Coronavirus : Die Pandemie im Überblick

          Das Coronavirus hat Deutschland und die Welt weiterhin fest im Griff. Wie sich die Infektionszahlen im In- und Ausland entwickeln – unsere Karten und Diagramme geben einen Überblick.

          Topmeldungen

          So sieht der EQS aus.

          Der neue EQS : 770 Kilometer soll er schaffen

          Der EQS ist die elektrische Version der S-Klasse und gleichzeitig deren Konkurrent. Mit beiden will Daimler dicke Margen einfahren.
          Will, dass die EU härter ihre Interessen vertritt: EVP-Fraktionschef Manfred Weber

          F.A.Z. exklusiv : Weber stellt Briten Bedingungen

          Das Europaparlament ratifiziert vorerst nicht das Abkommen mit dem Vereinigten Königreich. EVP-Fraktionsschef Manfred Weber fordert von London die Einhaltung seiner Verpflichtungen in Nordirland.
          Coinbase-Gründer Brian Armstrong in San Francisco im Jahr 2016

          Brian Armstrong : Der Mann hinter dem digitalen Goldrausch

          Keine 30 Jahre war Brian Armstrong alt, als er mit Coinbase ein Unternehmen gründete, das heute wertvoller als die New Yorker Börse ist. Er ähnelt den findigen Geschäftsleuten, die während des Goldrauschs im Wilden Westen Schaufeln und Spitzhacken verkauften.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.