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Gewaltvorwürfe gegen Musiker : Der Deutsch-Rap muss umdenken

  • -Aktualisiert am

„Sie sollen weiter kaufen“: Rapper John-Lorenz Moser, bekannt unter seinem Künstlernamen Bonez MC, ist Mitglied der 187 Strassenbande aus Hamburg. Bild: Daniel Lakomski

Auf die Debatte um #MeToo wollte die Szene nicht hören. Also müssen wir den Künstlern die Grenzen der Gewalt zeigen. Ein Gastbeitrag von einer Rap-Journalistin, die selbst schon körperlich angegangen wurde.

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          John-Lorenz Moser ist Rapper. Viele kennen ihn unter seinem Künstlernamen Bonez MC als Mitglied der 187 Strassenbande aus Hamburg. Seine Songtexte sind ein einziges Bullshit-Bingo, was Gewalt, Rauschgift und Sexismus angeht. In dem Lied „Kokain“ rappt er: „Deine Frau, sie kommt zu mir, weil sie will Steine rauchen. Hab’ sie alle so fixiert wie aufm Scheiterhaufen. Immer nur so viel, dass keiner stirbt, sie sollen weiter kaufen“. Auf Instagram hat Bonez MC 1,9 Millionen Follower, sein bekanntester Track wurde mehr als 110 Millionen Mal auf Youtube angeklickt.

          Vor einigen Tagen hatte Bonez MC sich auf Instagram über häusliche Gewalt lustig gemacht, nachdem entsprechende Vorwürfe gegen einen anderen Rapper erhoben worden waren.

          Die 187 Strassenbande wird von Fans für ihre Authentizität gefeiert. In einem Interview sagte Gzuz, ein anderes Mitglied der Hip-Hop-Gruppe: „Ich sage genau die Wahrheit.“ Das hört sich dann so an: „Baller der Alten die Drogen ins Glas, Hauptsache, Joe hat sein’n Spaß“. Oder: „Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt, ganz normal, danach landet dann das Sextape im Netz“.

          Dass Rap-Zeilen über sexuelle Gewalt nur Kunst sind und mit der Realität nichts zu tun haben, ist nicht erst seit den aktuellen Vorwürfen schwer zu glauben. Deutscher Hip-Hop hat seit Jahren ein Problem mit Sexismus. Die Journalistin Helen Fares berichtete 2017, dass sie auf einem Hip-Hop-Festival sexuell belästigt worden sei. Die Rapperin Shirin David beschwerte sich kürzlich, vom Rapper Shindy bei einer Zusammenarbeit „wie eine Bitch“ dargestellt worden zu sein. Und weibliche Fans berichten nach Rap-Konzerten immer wieder über Belästigung durch Rapper.

          Die Szene hat zu lange weggesehen

          Ich arbeite seit sieben Jahren als Rap-Journalistin und wurde vor zwei Jahren während eines Interviews körperlich von einem Rapper angegangen. Meine negative Erfahrung machte ich öffentlich. Damals sagten mir Rap-Fans, es handle sich um einen Einzelfall, und ich sei zu großen Teilen selbst schuld. All die verharmlosenden Beschwichtigungen, die ich mir damals anhören musste, lese ich heute in den Kommentarspalten unter Beiträgen anderer Frauen, die über ähnliche Erfahrungen berichten.

          Wie hat sich dieser Sexismus, der in der Öffentlichkeit noch gar nicht richtig wahrgenommen wird, entwickelt? Vor zwei Jahrzehnten wurde in Berlin lyrisch ein Fundament gegossen. Begriffe wie „Mutterficker“, „Schlampe“, „Fotze“ oder „Hurensohn“ wurden unreflektiert eingesetzt und etablierten sich schleichend. Der Tabubruch wurde zum Erfolgsgaranten, das verstanden Rapper wie Bushido, Sido und Fler schnell. Als ich mit zwölf Jahren zum ersten Mal Deutschrap hörte, war ich sofort fasziniert. Einer der ersten Tracks war Sidos „Arschficksong“. Nach ermüdenden zehn Jahren Kinder-Gaga-Liedern fühlte sich dieses Genre wild und anders an. Damals verstand ich nicht genau, um was es in dem Track geht. Zeilen wie „Katrin hat geschrien vor Schmerzen – mir hat’s gefallen“ konnte ich nicht einordnen. Aber mir war bewusst, dass die Provokation im Mittelpunkt stand. Musik, bei der man die Tür seines Kinderzimmers besser schließt. Texte und Reime, die ihre eigenen Regeln haben.

          Wegbereiter: Der Berliner Rapper Sido
          Wegbereiter: Der Berliner Rapper Sido : Bild: dpa

          Der Gangster-Rap hatte in Deutschland begonnen. Viele der damals erfolgreichen Künstler sagen heute, sie hätten die provokanten Texte eigentlich nur für ihre Freunde geschrieben, denen die Überspitzung bewusst gewesen sei. Der Maßstab der Kritik war damals die Legalität: Handelt es sich um Kunst, oder darf das verboten werden? Ist es legal, Claudia Roth auf Tod zu reimen? Wo beginnt die Kunstfreiheit, und wo hört sie auf? Die Fronten waren verhärtet. Entweder man stand hinter dem Genre, oder man war dagegen. Kaum ein Fan setzte sich kritisch mit den Vorbildern auseinander. Da der Gegenwind so groß war, verteidigte man die eigene Kultur blind.

          Die Künstler von heute sind mit der Musik von Bushido, Sido, Fler und anderen Gangster-Rappern aufgewachsen, die lange von außen stark kritisiert wurden. Auch Bonez MC feierte diese Künstler vor knapp 20 Jahren laut eigener Aussage. Heute ist Gangster-Rap kein rüpelhaftes Subgenre mehr, das nur Eingeweihte hören, sondern Mainstream. Rapper prägen unsere Kultur. Die Vorbildfunktion kann man nicht leugnen. Wer Vergewaltigung verherrlicht, macht sich schuldig, wenn Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalt als normal oder sogar cool empfinden.

          Frauen brechen die Szene jetzt von allen Seiten her auf. Jahrelang waren sie nur Staffage: die Mutter, die vom Rapper selbst geliebt, von anderen erniedrigt wird; eine untreue frühere Freundin, der man schlimme Dinge wünscht; die große Liebe, die einen sitzen lässt und deswegen nichts wert ist. Heute erkennt man, dass sich dieser strukturelle Sexismus auf die Realität ausgewirkt hat.

          Ein Umdenken ist möglich

          Möglich wurde das auch, weil die Szene zu lange weggesehen hat. Künstlerische Fiktion und brutale Realität wurden nicht voneinander abgegrenzt. Am Umgang mit Rappern wie Bonez MC ist zu erkennen, dass man immer noch dazu neigt, Wagenburgen zu bilden, wenn man angegriffen wird.

          Wenn Rap ein Spiegel der Gesellschaft ist, dann ist es leider ein Rückspiegel. Knapp zwei Jahre nach der Affäre um Harvey Weinstein und nach großen gesellschaftlichen Debatten spricht man nun auch im Deutsch-Rap darüber, dass eine #MeToo-Bewegung nötig ist. Es macht mich traurig, dass meine Szene so viele Opfer und so viel Zeit brauchte, um einsichtig zu werden. Klar: Gewalt gegen Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Das zeigt die polizeiliche Kriminalstatistik: Jede vierte Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft, betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten. Es ist also kein Problem, das nur den Deutsch-Rap betrifft, aber eben auch den Rap. Und es wäre vermessen zu denken, dass die Hip-Hop-Kultur sich der Kritik daran weiter entziehen kann. Es ist wichtig, dass wir uns positionieren. Wir schaden dem Genre, der Kunst und nicht zuletzt der Kunstfreiheit, wenn wir Künstler für ihre Inhalte und Taten nicht haftbar machen.

          Ein Umdenken ist möglich. Das zeigt sich beispielsweise bei homophoben Zeilen. Es ist heute nicht mehr üblich, etwas als „schwul“ zu bezeichnen, wenn man es nicht cool findet. Künstler mussten sich dafür vor einigen Jahren plötzlich rechtfertigen und ihre Texte einordnen. Denn das Problem wurde von Hörern und Journalisten immer wieder angesprochen.

          Veranstalter, Hörer, Labels, Künstler und Journalisten sind dafür verantwortlich, dass jetzt auch Texte, die sexuelle Gewalt verherrlichen, verurteilt werden. Rap ist der Sound einer Kultur, die auf MCing, DJing, Writing, B-Boying und Beatboxing basiert. Es geht um Selbstermächtigung, Zusammenhalt und Kreativität. Sexistische Texte, gewaltverherrlichende Videos und homophobe Halbsätze gehören nicht dazu. Es wird Zeit, dass wir den Künstlern das klar machen.

          Juliane Wieler, 26 Jahre alt, moderiert zusammen mit Falk Schacht beim Bayerischen Rundfunk den Deutschrap-Podcast „Schacht & Wasabi“. Die studierte Rechtswissenschaftlerin arbeitet außerdem als Redakteurin bei der Bildundtonfabrik für die ZDF-Sendung „Neo Magazin Royale“ und twittert als @JuleWasabi.

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