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Gewalt in der Pflege : So viel Wut in ihm

Wunder in der Medizin gibt es selten. Bild: plainpicture/R. Mohr

Wenn Menschen einen Angehörigen pflegen, ergibt sich oft ein dichtes Gestrüpp aus Bedürftigkeit, Verbitterung, Verunsicherung – und Aggression. Dann kann es sein, dass selbst die gutmütigste Pflegeperson zuschlägt.

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          Es war einer dieser Tage, an denen Bernd Bober weder ein noch aus wusste. Der 77-Jährige hatte die Beschimpfungen seiner Frau mit den Worten pariert: „Du bist nicht normal.“ Seine Frau, mit der er 55 Jahre lang glücklicher war als viele andere Männer in ihren Ehen, „keine Auswüchse, nichts Negatives“, wie er sagt, ist durch einen Schlaganfall vor fünf Jahren nicht nur halbseitig gelähmt, sondern auch aufbrausend und hochaggressiv geworden. Sie fährt bei der kleinsten Kleinigkeit aus der Haut, bespuckt ihn und wirft Sachen nach ihm. Und als er das gesagt hatte, dieses „Du bist nicht normal“, da fuhr sie vor lauter Wut mit dem Rollstuhl über seine Füße.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bober, Betriebswirt und ehemaliger Abteilungsleiter, sagte: „Wenn du das noch mal machst, passiert was.“ Und dann, so erzählt er es, sei seine Frau mit dem Rollstuhl in den Hausflur gefahren, habe ihren Gehstock geholt, sei auf ihn zugefahren, habe ausgeholt und ihm, der auf dem Sofa saß und Zeitung las, mit dem Stock auf Nase und Lippen geschlagen. „Ich sank blutüberströmt zu Boden, sie kann richtig zuschlagen, sie war früher Kugelstoßerin und Diskuswerferin.“ Die Polizei, die ironischerweise nicht er, sondern seine Frau gerufen hatte, damit sie Bober des Hauses verweise, riet ihm, seine Frau anzuzeigen. „Ich habe das natürlich nicht gemacht“, sagt Bober. Und dann fügt er leise hinzu: „Aber manchmal habe ich Angst, dass ich ihr was antun könnte. Dass mir die Hand ausrutscht.“

          Eine enorme Überforderung

          Unbegründet ist diese Angst nicht. In einer Studie des Berliner Zentrums für Qualität in der Pflege gab 2015 mehr als ein Drittel der befragten pflegenden Angehörigen zu, sich dem Pflegebedürftigen gegenüber schon mal unangemessen verhalten zu haben. Und sechs Prozent gestanden ein, körperlich aggressiv geworden zu sein. Wenn nicht die Familie, sondern ein ambulanter Pflegedienst pflegt, sind es sogar noch mehr: In einer Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) berichtete ein Drittel der ambulanten Pfleger, dass sie eine körperliche Misshandlung Pflegebedürftiger mitbekommen hätten; fast jeder Zehnte gab zu, innerhalb der letzten zwölf Monate selbst schon mal körperliche Gewalt angewendet zu haben.

          Grund für Gewalt in der Pflege ist fast immer eine enorme Überforderung. „Viele Menschen haben überhaupt keine Vorstellung, was auf sie zukommt, wenn sie die Pflege übernehmen“, sagt die Sozialpädagogin Gabriele Tammen-Parr von der diakonischen Beratungsstelle „Pflege in Not“, die bei der Berliner „Agaplesion Bethanien Diakonie“ eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige leitet. „Wenn sie es vorher gewusst hätten, hätten sie sich das niemals zugetraut. Daraus kann eine hohe Frustration erwachsen, die sich in Hass gegen den Gepflegten entladen kann.“

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