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Gewalt in der Partnerschaft : Wenn die Tür zum Frauenhaus zu bleiben muss

In Berlin demonstrieren Frauen für mehr finanzielle Mittel in Frauenhäusern und Vereinen in Berlin Bild: dpa

Frauenhäuser sind oft der letzte Zufluchtsort vor einem gewalttätigen Partner. Die Bundesregierung will deshalb mit 120 Millionen Euro mehr Plätze in den Häusern schaffen. Fachleute begrüßen das und warnen zugleich: die Probleme gehen viel weiter.

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          Was Heike Herold sich wünscht, ist Empörung. Über die Tatsache, dass im vergangenen Jahr 122 Frauen von ihrem Partner oder ehemaligen Partner getötet worden sind. Oder Empörung darüber, dass Gewalt gegen Frauen in Deutschland so verbreitet ist, dass Dunkelfeldstudien davon ausgehen, dass jede Dritte schon einmal geschlagen, verletzt oder vergewaltigt wurde.

          Anna-Lena Niemann

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Herold ist Geschäftsführerin bei dem Verein „Frauenhauskoordinierung“ und Teil des Netzwerks „Stärker als Gewalt“, das am Montag, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, online gegangen ist. Am gleichen Tag hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) Zahlen vorgestellt, die sie „alarmierend“ nannte: Mindestens ein Mal pro Stunde werde eine Frau in Deutschland körperlich verletzt. Jeden Tag komme es zu einem Mordversuch. 2018 waren laut Bundeskriminalamt 140.755 Personen von Gewalt in ihrer Partnerschaft betroffen, 81,3 Prozent von ihnen sind Frauen. Die Familienministerin stellte aber klar, dass auch Männer Opfer von gewalttätigen Partnerinnen würden. Während die Statistik für das vergangene Jahr 324 weibliche Opfer versuchter oder vollendeter Tötungsdelikte aufführte, zählte sie 97 männliche. Giffey sagte, es brauche deshalb Beratungs- und Hilfsangebote für beide Geschlechter.

          Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Tötungsdelikte gesunken. Seit einigen Jahren steigen jedoch die offiziellen Zahlen derjenigen, die Opfer von Gewalt in ihrer Partnerschaft werden. Fachleute wie Herold sehen darin allerdings etwas Gutes – es heißt nämlich auch, dass immer mehr Betroffene bereit sind, die gegen sie gerichtete Gewalt sichtbar zu machen, Notfalltelefone zu nutzen, die Polizei zu rufen oder ein Frauenhaus aufzusuchen.

          120 Millionen Euro für Frauenhäuser

          Doch gerade bei den Frauenhäusern, die oft der letzte Ausweg für Betroffene sind, werde das Angebot nicht besser, sondern schlechter, sagt Herold. Um Gewaltopfern in einer akuten Notsituation Schutz zu gewähren, wäre ein Rechtsanspruch auf einen Platz im Frauenhaus laut Giffey „wünschenswert“ und genau das fordert auch Herold. Allerdings sagte die Ministerin: „Das ist eine Zukunftsaufgabe, die im Moment noch nicht erfüllt werden kann.“ Es gebe in Deutschland 350 Frauenhäuser mit insgesamt 7000 Plätzen, der Bedarf liege jedoch bei 20.000. Manche Landstriche oder Orte seien nach wie vor wie „weiße Flecken“ auf der Landkarte der Hilfsangebote. Giffey kündigte an, dass im Bundeshaushalt von 2020 an über die nächsten vier Jahre jeweils 30 Millionen Euro für den Ausbau an Frauenhäusern und Beratungsstellen vorgesehen seien.

          „Wir begrüßen, dass der Bund diesen Weg geht“, sagt Herold, „aber dieses Geld ist nicht für die laufenden Kosten gedacht.“ Genau die seien aber das eigentliche Problem. „Wir wissen von Frauenhäusern, die schließen mussten, weil die Finanzierung nicht ausgereicht hat.“ Gleichzeitig seien die Häuser oft viel zu schlecht ausgestattet. Selbst wenn also vor Ort ein Platz frei sei, gebe es zu manchen Zeiten schlicht nicht genug Personal an Ort und Stelle, um die Beratung und Erstaufnahme zu machen. „Die Aktivisten, die die Frauenhäuser aufgebaut haben, gehen nach und nach in Rente“, erklärt Herold, und neue Stellen blieben oft lange unbesetzt.

          Frauenhäuser sind normalerweise auch am Wochenende und nachts besetzt – doch genau dafür fehlt immer häufiger das Personal. „Aber Krisen passieren nun einmal nicht nur zu den normalen Öffnungszeiten,“ sagt Herold. Die zugesicherten 120 Millionen Euro ändern daran nichts, weil sie zwar den Ausbau von Zimmern und Häusern finanzieren, nicht aber die laufenden Kosten absichern.

          Bisher sind allein die Länder und Kommunen für Frauenhäuser zuständig, aber zu nichts verpflichtet. Seit Jahren gibt es Berichte, nach denen betroffene Frauen immer wieder abgewiesen werden müssten, weil die Häuser schlicht überfüllt sind. Und wenn doch ein Platz frei sei, könnten die Häuser trotzdem nicht jede Frau aufnehmen, weil die Finanzierung der Plätze dann problematisch wird, wenn die Opfer aus einem anderen Bundesland kommen oder nach dem Sozialgesetzbuch keine Leistungsansprüche haben, wie Herold erklärt. EU-Bürgerinnen, Studentinnen oder Asylbewerberinnen können so nicht immer den Schutz in Anspruch nehmen, den sie eigentlich brauchen.

          „Dass wir in Deutschland, einem der reichsten Länder, nicht für jede Frau einen Platz haben, die einen braucht, ist ein Skandal“, findet Gesa Birkmann. Sie arbeitet bei der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“, wo sie sich vor allem mit häuslicher und sexualisierter Gewalt in Partnerschaften beschäftigt. Die politischen Signale aus Berlin begrüßt sie, trotzdem zeigten die Zahlen, dass die rechtlich verankerte Gleichstellung der Geschlechter längst nicht überall Realität sei.

          Gewalt gegen Frauen in der Partnerschaft gehe oft von solchen Männern aus, die von patriarchalen Strukturen geprägt seien und versuchten, sich innerhalb ihrer Beziehung mit Gewalt zu nehmen, was ihnen sonst vermeintlich an Einfluss genommen werde, so Birkmann. Und trotzdem sei man schon ein gutes Stück weiter gekommen. Auch Heike Herold hofft, dass das Thema Fahrt aufnehme – dank vieler junger, feministischer Aktivisten.

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