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Aufklärung von Flüchtlingen : „Sex ist eine Kulturtechnik“

Was im Kopf eines Mannes vorgeht und was eine Frau nicht sehen soll: Graffito an einer Wand in Kairo Bild: Prisma Bildagentur

Sex als mythologisches Narrativ: Für viele Flüchtlinge ist Intimität mit Tabus belegt. Eine Beraterin will ihnen ein anderes Körperbild vermitteln. Gelingt ihr das?

          Sie sind ausgebildete Sanitäterin mit Schwerpunkt Frauengesundheit. In der deutschen Stadt, in der Sie leben, sind rund tausend Flüchtlinge untergebracht. Sie stammen vor allem aus Syrien, Eritrea und Nordafrika. Zwanzig der geflüchteten Männer besuchen regelmäßig eine Aufklärungssprechstunde, die Sie einmal im Monat anbieten. Über Ihre Erfahrungen in diesem Kurs wollen Sie nur anonym sprechen. Warum?

          Zum einen haben diese Männer ein Recht darauf, dass ihre Geschichten vertraulich behandelt werden. Ich möchte verhindern, dass plötzlich Fernsehteams vor der Praxis stehen. Zum anderen bekomme ich von allen Seiten Gegenwind: von den Rechtsnationalen, die mir in einer Flut aus Mails und Briefen erklären, ich würde den Geflüchteten Vergewaltigung beibringen und Kondome geben, um ihre Spuren zu verwischen. Mir wurden auch schon Feuerwerkskörper in den Briefkasten geworfen. Von radikal linker Seite wiederum heißt es, ich würde Kolonialismusunterricht anbieten, der die Überlegenheit der westlichen Kultur manifestiert. Ich bekomme massive Gewaltdrohungen, in denen Sexualität als Waffe benutzt wird, um Frustrationen und Ängste auszutragen. Als würde es jemandem nützen, wenn jemand vergewaltigt wird. Das zeigt nur, wie dringend wir Aufklärung heute brauchen.

          Aber, ganz lapidar formuliert, kann Sex nicht jeder?

          Nein. Wir sammeln durch Schule, Elternhäuser und Medien sowohl explizites als auch implizites Wissen an. Es gibt aber auch Regionen auf der Welt, wo Sexualität ein so tabuisiertes Themenfeld ist, dass dieses Wissen nicht weitergegeben wird. Das fängt damit an, dass man die Namen für seine eigenen Körperteile gar nicht kennt, und umfasst auch die Bereiche Verhütung und Krankheiten. Wenn darüber geredet wird, dann nur in einem mythologischen Narrativ. Das kennen auch ältere Deutsche, die vor der sexuellen Revolution zur Schule gegangen sind: all die Behauptungen, dass man vom Masturbieren blind werde oder sich das Rückgrat verkrümme. Sex ist also eine Kulturtechnik, die man lernen muss.

          Die Männer, die zu Ihnen kommen, kennen vorwiegend Tabus. Welche Vorkenntnisse haben sie denn?

          Eigentlich gar keine. Sie sind zwischen sechzehn und fünfunddreißig Jahren alt, darunter sind sowohl Familienväter als auch Jungs, die gerade erst ihre Sexualität entdecken. Es gibt sehr viele Gerüchte, sehr viel Halbwissen, aber kein gesichertes Wissen.

          An was fehlt es denn am meisten?

          Bei grundlegenden Kenntnissen über die eigene Anatomie. Immer wieder gibt es die Vorstellung, der Penis sei ein Knochen und müsste so hart sein wie ein Knochen. Ist er es nicht, wird das als Störung wahrgenommen. Ich sage den Männern also immer wieder: „Du bist normal. Das, was dein Körper ist und anbietet, ist normal. Die Vorstellung, dass du an einem Tag zwölf Stunden lang Sex hast, ist anatomisch und biologisch nicht umsetzbar.“ Wir reden auch darüber, was die Hoden eigentlich sind. Alles bekommt einen Namen.

          Warum ist das wichtig?

          Es verändert die eigene Wahrnehmung vollkommen, wenn man seinen Körper benennen kann. In Indien kam einmal eine Frau zu mir in die Sprechstunde und sagte, sie habe ein Problem mit ihrem Penis. Ich sagte: „Entschuldigung, Sie meinen Ihre Vagina?“ Sie sagte: "Nein, mein Penis!" Diese Aufklärung ist wichtig. Denn man kann sich in seinem Körper erst wohlfühlen, wenn nichts daran dreckig, geheim oder verboten ist.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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          Wie sieht es denn mit dem Wissen der Männer über Frauen aus?

          Es ist eher anekdotisch. In den Familien wird hauptsächlich eine Verbotskultur tradiert, das Thema ist stark angstbesetzt. Da gibt es eine mythologische Großerzählung von Krankheiten und ungewollten Schwangerschaften, die über Jahrzehnte weitergetragen wird.

          Wie stellen sich die Männer weibliche Sexualität denn dann vor?

          Männer stellen sich erst mal die eigene Sexualität vor – denn sie haben keinen richtigen Zugang zu Frauen. Es gibt in diesem Kulturkreis kein Knutschen vor der Veranda der Eltern. Erst mal da hinzukommen, dass Sexualität etwas Partnerschaftliches sein kann, ist ein ganz großer Schritt. Ich zeige den Männern, wie eine Vagina aussieht, und es gibt immer wieder die Frage: Wo muss ich mit meinem Penis überhaupt hin?

          Welche Theorien gibt es da?

          Alles zwischen Brustkorb und Bauchnabel. Nur nie da, wo es wirklich ist. Der Sex wird auch immer im Dunkeln imaginiert, da sind wir wieder bei Ängsten und Verboten: bloß nicht hingucken, bloß nicht anfassen! Ich erkläre ihnen, dass wir alle unsicher waren, als wir uns zum ersten Mal für jemanden ausgezogen haben. Dass das ein gemeinsames Erlebnis ist, bei dem nicht der Mann allein in der Verantwortung ist. Die Erwartungen an Sexualität, die wir ja alle haben, müssen auf einen realistischen Level gehoben werden: Es darf auch etwas schiefgehen, und das ist kein Problem.

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          Wie ist die Stimmung in Ihren Kursen?

          Es hat einen formalen Rahmen: Sie finden in einer Arztpraxis statt, und ich trage eine weiße Kluft. Das ist ganz wichtig: Es handelt sich nicht um ein privates Kaffeekränzchen. Die Männer nehmen mich nicht als Frau wahr, sondern als Teil einer medizinischen Betreuung in einer professionellen Sprechstunde. Durch mein Maghreb-Arabisch klinge ich für die jungen Männer wie eine Tante mit Damenbart, die unangenehme Wahrheiten verkündet. Die sitzen sofort aufrechter auf ihren Stühlen.

          Sie haben einen Briefkasten für anonyme Fragen aufgehängt. Was begegnet Ihnen denn da?

          Es gibt ganz berührende Fragen. Etwa von Männern, die sich für Männer interessieren oder in einer unglücklichen Ehe stecken. Und natürlich gibt es entsetzliche Geschichten von sexueller Gewalt. Viele Fluchtgeschichten sind ja von sexuellen Übergriffen geprägt. Diese Themen sind schwer zu bewältigen, aber sie sind ein Teil des Ganzen.

          Wie stehen Ihre arabischen Schützlinge zur Homosexualität?

          Sie schockiert zumindest niemanden. Das gleichgeschlechtliche Ausprobieren ist nicht ungewöhnlich in Ländern, in denen der Kontakt zu Frauen tabuisiert ist. Dass jemand Homosexualität als gleichberechtigte Lebenspartnerschaft vertritt, ist ihnen neu. Manche kommen schon mit ideologischen Ideen und dem Koran an – aber das hat in dieser Sprechstunde keinen Platz. Auf Diskussionen über Koran-Auslegungen lasse ich mich nicht ein. Ich erkläre den Männern, was in Deutschland Sache ist. Wir haben hier einen rechtlichen Rahmen, der Homosexualität als gleichberechtigte Lebensform anerkennt, und den vertrete ich. Den würde ich auch im katholischen Arbeitskreis Oberursel vertreten.

          Was ist die größte Herausforderung für Sie?

          Dass viele ein Bedürfnis nach Nähe, Partnerschaft und Sexualität haben, aber in dem Punkt hier nicht richtig ankommen. Wie lerne ich jemanden kennen? Wie beginne ich eine Beziehung? Wie gehe ich mit meinem Frust um, wenn es nicht klappt? Das ist nicht so einfach zu erklären.

          Welches Bild haben die Männer von deutschen Frauen?

          Vor allem finden sie sie wunderschön und faszinierend. Aber es gibt eine große Distanz, denn die deutschen Frauen sind selbstbewusst und engagieren sich beruflich. Sie haben ganz andere Lebensläufe als die Mütter und Schwestern der Flüchtlinge. Diese Männer haben eine große Bereitschaft, sich zu verlieben. Aber wie lernt man, mit Zurückweisungen umzugehen? Einen Liebesbrief zerrissen zurück zu erhalten, das ist für jeden Menschen schrecklich. Wir versuchen, da Strategien zu finden.

          Was wünschen sie sich von einer Frau?

          Genau das, was ein Mann aus Bochum oder Bottrop sich auch wünscht: Nähe, Geborgenheit; jemand, der ihn nicht auslacht, sondern so annimmt, wie er ist – auch körperlich. Sex ist ja ein Moment der Offenbarung. Da steht man nackt vor jemandem und will sich darauf verlassen können, dass der nicht sagt: Igitt, hau ab. Wenn dagegen jemand sagt: Ich will dich – das ist ein ganz großer, magischer Moment.

          Warum haben Sie nur Männer in den Kursen?

          In meiner Stadt gibt es nur sehr wenige geflüchtete Frauen, und die haben ganz andere Fragen als Männer, da geht es fast nur um Verhütung, Schwangerschaft und Kinderpflege. In eine dezidierte Sexualsprechstunde würden sie gar nicht kommen. Wenn man das mischen würde, versuchten die Männer außerdem sofort die Frauen zu beeindrucken. Da bleibt kein Platz für Wahrheiten wie: Mein Penis ist keine zwei Meter lang, und das hat seine Gründe.

          Hält das nicht die Frauen in der Unselbständigkeit?

          Die Frauen aufzuklären wäre ein wichtiger zweiter Schritt. Ein Sprachniveau herzustellen, in dem die Frauen sich öffnen können – da suche ich noch nach Lösungen. Es ist sehr schwer, über das Thema zu sprechen, wenn man es nicht gewohnt ist.

          Kann man Sie denn noch in Verlegenheit bringen?

          Ja, deshalb hilft mir der Briefkasten auch, weil ich mich da vorbereiten kann. Manche Dinge muss ich immer wieder üben, ehe ich sie ohne zu kichern sagen kann. Diese ganzen Fragen zu Wundermitteln: Sollte ich siebenhundert Marmeladenbrote vor dem Oralverkehr essen, damit mein Sperma nach Himbeermarmelade schmeckt? Andere Situationen muss ich irgendwie aushalten, etwa wenn jemand meint, er müsse zeigen, dass sein Penis sehr wohl zwei Meter lang sei.

          Das ist passiert?

          Schon. Ich sage dann immer, dass nirgendwo so viele penisliebende Keime herumfliegen wie in Arztpraxen. Da zieht der Reißverschluss sich wie von selbst wieder nach oben. Niemand hat das ein zweites Mal gemacht.

          Wenn manchmal deutsche Männer in Ihre Sprechstunde kommen tun die nicht so, als wüssten sie schon alles?

          Sie haben einen Wissensvorsprung, aber auch erstaunliche Lücken. Sexualität ist lebenslanges Lernen. Aufklärung ist für alle da. Das macht eine Gesellschaft lebenswert.

          Haben Sie denn das Gefühl, dass Ihr Kurs den Männern hilft?

          In der Stadt gibt es keine sexuellen Übergriffe auf Frauen, und ich hoffe natürlich, dass meine Sprechstunde dazu beiträgt. Wir machen Rollenspiele, um zu zeigen, wie eine Frau sich gegenüber einer Gruppe alkoholisierter Männer fühlt. Da macht es oft Klick. Ich sehe Menschen, die wachsen. Manche haben inzwischen eine Freundin gefunden, sind zum ersten Mal richtig verliebt. Ein Mann hatte mit seiner Rolle als Familienvater zu kämpfen und schafft das jetzt viel besser. Auch bei den Alteingesessenen nimmt die Sprechstunde viele Ängste: Sie wissen, dass die jungen Männer, die ihre Töchter auf dem Schulhof kennenlernen, über deutsche Gepflogenheiten informiert sind.

          Das Gespräch führte Julia Bähr.

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