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Aufklärung von Flüchtlingen : „Sex ist eine Kulturtechnik“

Vor allem finden sie sie wunderschön und faszinierend. Aber es gibt eine große Distanz, denn die deutschen Frauen sind selbstbewusst und engagieren sich beruflich. Sie haben ganz andere Lebensläufe als die Mütter und Schwestern der Flüchtlinge. Diese Männer haben eine große Bereitschaft, sich zu verlieben. Aber wie lernt man, mit Zurückweisungen umzugehen? Einen Liebesbrief zerrissen zurück zu erhalten, das ist für jeden Menschen schrecklich. Wir versuchen, da Strategien zu finden.

Was wünschen sie sich von einer Frau?

Genau das, was ein Mann aus Bochum oder Bottrop sich auch wünscht: Nähe, Geborgenheit; jemand, der ihn nicht auslacht, sondern so annimmt, wie er ist – auch körperlich. Sex ist ja ein Moment der Offenbarung. Da steht man nackt vor jemandem und will sich darauf verlassen können, dass der nicht sagt: Igitt, hau ab. Wenn dagegen jemand sagt: Ich will dich – das ist ein ganz großer, magischer Moment.

Warum haben Sie nur Männer in den Kursen?

In meiner Stadt gibt es nur sehr wenige geflüchtete Frauen, und die haben ganz andere Fragen als Männer, da geht es fast nur um Verhütung, Schwangerschaft und Kinderpflege. In eine dezidierte Sexualsprechstunde würden sie gar nicht kommen. Wenn man das mischen würde, versuchten die Männer außerdem sofort die Frauen zu beeindrucken. Da bleibt kein Platz für Wahrheiten wie: Mein Penis ist keine zwei Meter lang, und das hat seine Gründe.

Hält das nicht die Frauen in der Unselbständigkeit?

Die Frauen aufzuklären wäre ein wichtiger zweiter Schritt. Ein Sprachniveau herzustellen, in dem die Frauen sich öffnen können – da suche ich noch nach Lösungen. Es ist sehr schwer, über das Thema zu sprechen, wenn man es nicht gewohnt ist.

Kann man Sie denn noch in Verlegenheit bringen?

Ja, deshalb hilft mir der Briefkasten auch, weil ich mich da vorbereiten kann. Manche Dinge muss ich immer wieder üben, ehe ich sie ohne zu kichern sagen kann. Diese ganzen Fragen zu Wundermitteln: Sollte ich siebenhundert Marmeladenbrote vor dem Oralverkehr essen, damit mein Sperma nach Himbeermarmelade schmeckt? Andere Situationen muss ich irgendwie aushalten, etwa wenn jemand meint, er müsse zeigen, dass sein Penis sehr wohl zwei Meter lang sei.

Das ist passiert?

Schon. Ich sage dann immer, dass nirgendwo so viele penisliebende Keime herumfliegen wie in Arztpraxen. Da zieht der Reißverschluss sich wie von selbst wieder nach oben. Niemand hat das ein zweites Mal gemacht.

Wenn manchmal deutsche Männer in Ihre Sprechstunde kommen tun die nicht so, als wüssten sie schon alles?

Sie haben einen Wissensvorsprung, aber auch erstaunliche Lücken. Sexualität ist lebenslanges Lernen. Aufklärung ist für alle da. Das macht eine Gesellschaft lebenswert.

Haben Sie denn das Gefühl, dass Ihr Kurs den Männern hilft?

In der Stadt gibt es keine sexuellen Übergriffe auf Frauen, und ich hoffe natürlich, dass meine Sprechstunde dazu beiträgt. Wir machen Rollenspiele, um zu zeigen, wie eine Frau sich gegenüber einer Gruppe alkoholisierter Männer fühlt. Da macht es oft Klick. Ich sehe Menschen, die wachsen. Manche haben inzwischen eine Freundin gefunden, sind zum ersten Mal richtig verliebt. Ein Mann hatte mit seiner Rolle als Familienvater zu kämpfen und schafft das jetzt viel besser. Auch bei den Alteingesessenen nimmt die Sprechstunde viele Ängste: Sie wissen, dass die jungen Männer, die ihre Töchter auf dem Schulhof kennenlernen, über deutsche Gepflogenheiten informiert sind.

Das Gespräch führte Julia Bähr.

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