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Aufklärung von Flüchtlingen : „Sex ist eine Kulturtechnik“

Es ist eher anekdotisch. In den Familien wird hauptsächlich eine Verbotskultur tradiert, das Thema ist stark angstbesetzt. Da gibt es eine mythologische Großerzählung von Krankheiten und ungewollten Schwangerschaften, die über Jahrzehnte weitergetragen wird.

Wie stellen sich die Männer weibliche Sexualität denn dann vor?

Männer stellen sich erst mal die eigene Sexualität vor – denn sie haben keinen richtigen Zugang zu Frauen. Es gibt in diesem Kulturkreis kein Knutschen vor der Veranda der Eltern. Erst mal da hinzukommen, dass Sexualität etwas Partnerschaftliches sein kann, ist ein ganz großer Schritt. Ich zeige den Männern, wie eine Vagina aussieht, und es gibt immer wieder die Frage: Wo muss ich mit meinem Penis überhaupt hin?

Welche Theorien gibt es da?

Alles zwischen Brustkorb und Bauchnabel. Nur nie da, wo es wirklich ist. Der Sex wird auch immer im Dunkeln imaginiert, da sind wir wieder bei Ängsten und Verboten: bloß nicht hingucken, bloß nicht anfassen! Ich erkläre ihnen, dass wir alle unsicher waren, als wir uns zum ersten Mal für jemanden ausgezogen haben. Dass das ein gemeinsames Erlebnis ist, bei dem nicht der Mann allein in der Verantwortung ist. Die Erwartungen an Sexualität, die wir ja alle haben, müssen auf einen realistischen Level gehoben werden: Es darf auch etwas schiefgehen, und das ist kein Problem.

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Wie ist die Stimmung in Ihren Kursen?

Es hat einen formalen Rahmen: Sie finden in einer Arztpraxis statt, und ich trage eine weiße Kluft. Das ist ganz wichtig: Es handelt sich nicht um ein privates Kaffeekränzchen. Die Männer nehmen mich nicht als Frau wahr, sondern als Teil einer medizinischen Betreuung in einer professionellen Sprechstunde. Durch mein Maghreb-Arabisch klinge ich für die jungen Männer wie eine Tante mit Damenbart, die unangenehme Wahrheiten verkündet. Die sitzen sofort aufrechter auf ihren Stühlen.

Sie haben einen Briefkasten für anonyme Fragen aufgehängt. Was begegnet Ihnen denn da?

Es gibt ganz berührende Fragen. Etwa von Männern, die sich für Männer interessieren oder in einer unglücklichen Ehe stecken. Und natürlich gibt es entsetzliche Geschichten von sexueller Gewalt. Viele Fluchtgeschichten sind ja von sexuellen Übergriffen geprägt. Diese Themen sind schwer zu bewältigen, aber sie sind ein Teil des Ganzen.

Wie stehen Ihre arabischen Schützlinge zur Homosexualität?

Sie schockiert zumindest niemanden. Das gleichgeschlechtliche Ausprobieren ist nicht ungewöhnlich in Ländern, in denen der Kontakt zu Frauen tabuisiert ist. Dass jemand Homosexualität als gleichberechtigte Lebenspartnerschaft vertritt, ist ihnen neu. Manche kommen schon mit ideologischen Ideen und dem Koran an – aber das hat in dieser Sprechstunde keinen Platz. Auf Diskussionen über Koran-Auslegungen lasse ich mich nicht ein. Ich erkläre den Männern, was in Deutschland Sache ist. Wir haben hier einen rechtlichen Rahmen, der Homosexualität als gleichberechtigte Lebensform anerkennt, und den vertrete ich. Den würde ich auch im katholischen Arbeitskreis Oberursel vertreten.

Was ist die größte Herausforderung für Sie?

Dass viele ein Bedürfnis nach Nähe, Partnerschaft und Sexualität haben, aber in dem Punkt hier nicht richtig ankommen. Wie lerne ich jemanden kennen? Wie beginne ich eine Beziehung? Wie gehe ich mit meinem Frust um, wenn es nicht klappt? Das ist nicht so einfach zu erklären.

Welches Bild haben die Männer von deutschen Frauen?

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