https://www.faz.net/-gum-7lgdi

Geschichten eines Wilderers : Der Jensei war immer frech

Schöne Grüße vom Wilderer auf der Flucht: der Jensei in seiner Tierpräparator-Werkstatt Bild: Lisowski, Philip

Mit vierzehn schoss er seinen ersten Bock. Jetzt ist er 72, und seine Gewehre liegen gut geölt in den Bergen - sagt man. Ein Wilderer, der fast alles im Leben verloren hat, erzählt.

          Der Jensei ist zu schnell aufgestanden, jetzt muss er sich am Tisch festhalten, sonst fällt er um. Sein linkes Bein ist kaputt. Er geht nur noch mit Stöcken in die Berge. „Ich weiß genau, wie froh die Jäger sind, dass ich nicht mehr richtig laufen kann.“ Sein Arzt habe ihm gesagt, dass man das Bein operieren könnte. Der Jensei schüttelt den kahlen Kopf. „Nein, das mach i ned. Niemals.“ Der Jensei hat Angst, zwei Wochen im Bett liegen zu müssen, ohne Blick auf die Berge. Aber am meisten Angst hat er davor, nach der Operation wieder ganz gesund zu sein. Dass er dann wieder in die Berge könnte wie früher. Dann ginge der ganze Mist von vorne los.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Der Vater wollte, dass der Jensei einmal Arzt wird wie er. Der Sohn wollte Schäfer oder Holzknecht werden. Mit sechs Jahren hielt der Jensei sein erstes Gewehr in der Hand. Mit vierzehn schoss er den ersten Gamsbock. Seitdem ist er Wilderer. Wenn man ihn fragt, warum er Hunderte Male in die Berge ging, um illegal Wild zu schießen, zuckt er mit den Achseln. „Ich wollte schon immer frei sein. Raus, raus. Als wir zwölf oder dreizehn waren, bin ich mit einem Schulkameraden aus dem Internat abgehauen. Wir wollten nach Afrika. Irgendwo in Norddeutschland haben sie uns dann erwischt. Mein Vater hat mich so verdroschen, das glaubt man nicht.“

          Die Stube vom Jensei ist eng wie ein Schuhkarton, die Geweihe an den Wänden erzählen von der Freiheit, die er meint. Oft schläft er draußen auf einer Bank, weil er es drinnen nicht aushält. Spätestens um vier Uhr früh ist er wach und fährt mit dem Fahrrad auf eine Lichtung, Hirsche schauen. „Es ist wie eine Sucht. Ich kann nicht von irgendwo zurückkommen und nix dabei haben, und wenn es nur ein paar Tannenzweige sind.“ Er zündet sich eine Ernte 23 an. „Und früher war das halt meistens ein Gamsbock.“

          Der Jensei weiß, wie er es erzählen muss. Er macht an den richtigen Stellen Pausen, damit es spannend bleibt. Er hat die Geschichten oft erzählt. Seine Augen werden dabei zu kleinen Schlitzen, seine Lippen verziehen sich zu einem Grinsen. Nur ein Stichwort, und er redet stundenlang. Aber der Jensei redet nicht zu anderen, er spricht eigentlich nur zu sich. Er muss sich seine eigene Geschichte vom starken Mann immer wieder erzählen, damit sie sich festsetzt. Damit kein Platz bleibt für die andere Version. Die vom Verlieren.

          Im Chiemgau, wo der Jensei lebt, nennen sie ihn den größten Wilddieb aller Zeiten. Meistens ging er alleine in die Berge, am liebsten im Winter. Dann ließ der Neuschnee alle Spuren verschwinden. Er nagelte sich die Sohlen verkehrt herum unter die Schuhe, mit den Absätzen nach vorne. Zog er mit der gewilderten Gams ins Tal, stiegen ihm die Häscher in die Berge nach. Nach der Jagd ging der Jensei in die Kneipe. Am Rücken spürte er das warme Gamsblut im Rucksack. Von den Tischen riefen sie: „Der Jensei, wir riechen ihn schon.“ An anderen Tischen saßen die Jäger und Jagdaufseher. Jensei setzte sich. Niemand wollte je in seinen Rucksack sehen. „Du musst halt schon den Schneid haben, das ist einfach so. Mutig sein. Ein Waschlapp, der traut sich das nicht. Der setzt sich nicht mit der Beute neben die Jäger. O Mann, wir waren so verrückt.“

          Jenseis kleiner, 72 Jahre alter Körper ist sehnig, und dafür, dass ihm mittags schon das Bier in den Augen steht, ist der Jensei erstaunlich beweglich. Wenn er von dem Gamsbock auf dem Felsen erzählt, lehnt er sich zurück und zielt mit einem imaginären Gewehr. „Da darfst ned zittern beim Schuss.“ Er flüstert. „Auch ned, wenn dich die Polizei mitten in der Nacht aus dem Bett klingelt.“ Nichts hätte ihn damals zur Gamsbrunft im Haus halten können. Nichts. Keine Vernunft. Keine Frau.

          Der Jensei sagt, er brauche einfach den Berg. „Auch ein bisschen die Gefahr, dass man erwischt wird. Es braucht schon einen Gegner, damit man zur Höchstform aufläuft.“ Gegner sind die Jäger und Polizisten. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, sagt der Jensei. Jagen und gejagt werden. „Aber noch viel mehr brauche ich die Freiheit. Und das Wilde.“ Er kann es nicht besser beschreiben. „Da steht so ein Gamsbock im Schneegestöber. Wunderschön. Da überlegste: Sollste oder sollste ned. Dann legst du an. Und denkst: Das Tier hat niemandem etwas getan, und jetzt ist es tot. Jeder toter Gamsbock hat mir leid getan.“ Geschossen hat er trotzdem. Und das Geweih an einen Nagel in die Stube gehängt. „Ich mag keine kahlen Wände.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.