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Geschichten aus der Trinkhalle : Die einen hier, die anderen da, verstehste?

  • -Aktualisiert am

Uwe zieht einen „Dildo to go“ aus seiner Fahrradtasche und gibt ihn rum. Uwe ist etwas über 40 und Stammkunde. „Hier am Turm ist mehr los. Drüben ist es langweilig, da hocken nur die Alten“, sagt er. Die reagenzglasförmigen Plastikflaschen mit dem „Dildo to go“- Sticker sind Uwes Geschäft. Seiner Chefin gehört der Vertrieb von partyschnaps-frankfurt.de. Ihr Büro ist nur ein paar Straßen entfernt, am Europagarten, dort, wo das neue Frankfurt entsteht. Das Frankfurt, das sich Leute wie Uwe nicht leisten können. Wohnungen von 100 Quadratmetern kosten dort 1400 Euro Kaltmiete. An der Trinkhalle macht er Werbung für seinen Handel und lenkt sich von der Arbeit vor dem Rechner zu Hause ab.

Hier die jungen Trinker, da die Alten, der Neid ums Geschäft. Doch hinter der Konkurrenz, dem Streit, steckt eine Geschichte. Die mit dem Überfall. Bis heute ist nicht geklärt, wer schuld ist. Aber seitdem reden die Özdemirs und Natascha nicht mehr miteinander.

Natascha erzählt die Geschichte so: Es war Ostern 2004. Ein Jahr nachdem die Özdemirs ihren Kiosk eröffnet hatten. Natascha wollte gerade schließen, da schlugen vier Männer mit Baseballschlägern die Fenster ein. Sie lag am Boden zwischen den Glasscherben und musste ins Krankenhaus. „Die von drüben wollten mir Angst machen, wollten, dass ich verschwinde, damit einer ihrer Brüder unsere Trinkhalle übernehmen kann“, behauptet sie. „Das wollten wir nicht zulassen. Man muss dem Feind die Zähne zeigen.“ Sie schiebt ihren Unterkiefer nach vorne.

Der kleine Mikrokosmos ist bedroht

Natascha erstattete Anzeige. Es kam zum Prozess, erzählt sie, und: „Ich habe verloren. Alle meine Zeugen waren betrunken, die hat der Richter nicht ernst genommen.“ Sie lacht. „Aber sie wissen jetzt: Ich gehe nicht, und wenn sie was machen, rufe ich die Polizei.“

Die Özdemirs derweil bestehen darauf, mit der Attacke nichts zu tun zu haben; zur Konkurrenzlage sagt einer der Brüder: „Wir machen nur unsere Arbeit.“

So oder so, der kleine Mikrokosmos, den sie mit Natascha teilen, ist bedroht. Für 3,83 Millionen Euro will die Stadt ab 2016 die Galluswarte umbauen, mehr Licht, mehr Platz, mehr Warte. „Trinkhallen ziehen manchmal ein problematisches Publikum an“, heißt es aus Frankfurts Planungsdezernat. Vielleicht werde dort ein Café entstehen. Klingt nach ungewisser Zukunft.

„Es ist längst Zeit, ins Altersheim zu gehen“, sagt Natascha nur dazu. Und lacht. Einer ihrer Stammkunden hat ihr von den Plänen erzählt, doch sie nimmt das noch nicht wirklich ernst. „Wenn die hier wirklich einmal dichtmachen, dann muss ich halt schauen“, sagt sie. Aufhören, das kann sie noch nicht, weil sie über die Jahre keine Ersparnisse angesammelt hat. Sie sagt nicht, wie viel sie an einem Tag verdient, aber es muss reichen für die Miete des Ladens, die Miete der Wohnung in Offenbach, das Auto. „Damit wir nicht so enden wie die, müssen wir weiterarbeiten“, sagt sie und macht eine Handbewegung hin auf ihre Kunden, die an der Ecke stehen, mit dem Bier in der Hand.

Die Özdemirs werden einfach einen neuen Kiosk eröffnen, irgendwo in Frankfurt. Denn Kunden, die gibt es ja überall.

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