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Von Sonntag an Winterzeit : Eine kurze Geschichte der Zeitumstellung

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Ein Mitarbeiter im Schloss Waddesdon Manor in Buckinghamshire kontrolliert eine Uhr in Vorbereitung auf die Zeitumstellung am 25. Oktober. Bild: dpa

In der Nacht zum Sonntag werden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Aber seit wann dreht der Staat eigentlich schon an der Uhr? Was Kriege und die Ölkrise mit der Sommerzeit zu tun haben.

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          Millionen von Armband-, Bahnhofs- und Kirchturmuhren müssen sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag umstellen – und die Menschen dazu. Dann ticken Deutschland und fast alle europäischen Länder wieder nach der Winterzeit.

          Dass die Uhren den Lebensrhythmus bestimmen und Tag und Nacht, Arbeitszeit und Freizeit definieren, ist historisch ziemlich neu. Bis weit ins 19. Jahrhundert richteten sich Bauern, Arbeiter und Handwerker bei ihrer Zeiteinteilung nach Sonnenstand, Klima, Wachstumsperioden der Natur oder nach der anfallenden Arbeit: Sie verrichteten ihr „Tagwerk“ oder bestellten ihren „Morgen“ Land. Lediglich in Klöstern und an Adelshöfen wurden seit dem Mittelalter Sonnen-, Sand- und Wasseruhren verwendet; sie regelten vor allem die Gebetszeiten.

          1916 gab es erstmals eine Sommerzeit

          Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte jeder Ort seine eigene Zeit, die sich am Stand der Sonne orientierte. Uhren an Kirchtürmen und kommunalen Glockentürmen gaben den Zeitrhythmus für die unmittelbare Umgebung vor. Die Hauptstädte der deutschen Staaten beanspruchten, den Takt für ihr Herrschaftsgebiet vorzugeben: In Bayern richtete man sich nach der „Münchener Ortszeit“, in Preußen seit 1848 nach der „Berliner Zeit“. Aber mit dem Ausbau des europaweiten Eisenbahnnetzes wurde eine einheitliche Zeitrechnung immer wichtiger.

          Eine globale Vereinheitlichung der Zeit wurde erstmals 1884 angestrebt, als in Washington die Einteilung der Welt in 24 Zeitzonen beschlossen wurde. Für das Deutsche Reich trat am 1. April 1893 ein von Kaiser Wilhelm II. unterzeichnetes Gesetz in Kraft, mit dem die „mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich“ im gesamten Reich zur einzig gültigen Uhrzeit bestimmt wurde – heute ist sie als Mitteleuropäische Zeit bekannt.

          Der Krieg allerdings erwies sich dann auch als Vater einer veränderten Zeitrechnung. Ab 1916 führte das Kaiserreich eine Sommerzeit ein, um das Tageslicht in Landwirtschaft und Rüstungsindustrie besser nutzen zu können. Drei Jahre lang stellte Deutschland die Uhren von Ende März bis Ende September eine Stunde vor. 1919, zu Beginn der Weimarer Republik, wurde diese ungeliebte Kriegsmaßnahme wieder rückgängig gemacht. Auch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Sommerzeit 1940 wieder eingeführt. Eine Stunde mehr Helligkeit bedeutete mehr Arbeitszeit – ein nicht unbedeutender Aspekt in der damaligen Rüstungsindustrie.

          Unterschiedliche Zeiten in Deutschland

          Das Ende des Zweiten Weltkriegs führte dann zu einem kleinen Zeitchaos. Als Nazi-Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte, waren die Uhren bereits auf Sommerzeit umgestellt. In der sowjetischen Besatzungszone wurden am 24. Mai die Uhren noch eine weitere Stunde vorgedreht – das entsprach der Moskauer Zeit. Und weil die Sommerzeit in den westlichen Besatzungszonen früher beendet wurde, gab es eine Woche lang einen Unterschied von zwei Stunden zwischen den beiden Teilen Deutschlands.

          Und es wurde noch komplizierter: 1947 wurde überall im geteilten Land mit dem doppelten Zeitsprung experimentiert: Im April begann die gewöhnliche Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ), im Mai sprang man eine weitere Stunde auf die Mitteleuropäische Hochsommerzeit (MEHSZ), im Juni und Oktober dann jeweils wieder eine Stunde zurück. Ein nur ein durchgeführtes Experiment – 1948 und 1949 gab es noch einmal die gewöhnliche Sommerzeit.

          Zwischen 1950 bis 1979 drehte Deutschland nicht an den Uhren. Doch schließlich veränderten die Ölkrise und der Druck des europäischen Auslands abermals den Takt: Dahinter stand die Überzeugung, durch eine bessere Nutzung des Tageslichts Energie sparen zu können. Weil Frankreich und andere europäische Staaten vorgeprescht waren, wurde am 6. April 1980 in beiden deutschen Staaten wieder die Sommerzeit eingeführt, seit 1981 begann sie jeweils am letzten Sonntag im März und endete am letzten September-Wochenende. Bis 1996 wurden die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der Europäischen Union vereinheitlicht. Seitdem stellt Deutschland die Uhren von Ende März bis Ende Oktober (statt September) um. Fragt sich nur, wie lange noch.

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