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Genesis über die Frage, ob sie „klassisch“ sind : „Da geht es doch auch um die Ewigkeit“

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Eigentlich hat diese Spaltung Genesis ja auch getroffen - plötzlich wurde der Punk zur Gegenbewegung Ihrer Musik.
Banks: Auch das lag in der Luft. Nur ist das selbst in der Klassik nicht anders. Nach der Zwölfton-Musik zählten große Epochen wie das Barock, die Klassik oder die Romantik nicht mehr. Es gab keinen Konsens über Harmonien, Ausdruck und Formen mehr. Das ist wie bei den Planeten: Erst ist das sehr übersichtlich, und dann kommt der Asteroiden-Gürtel. Selbst Klassik-Komponisten formen sich heute ihre individuellen Musik-Systeme. Und was ist die Konsequenz? Leute, die keine Klassik-Freaks sind, so wie Phil und Mike, haben keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen. Also, Jungs, wer ist euer amtierender Lieblings-Klassik-Komponist?
Collins: Ich habe keine Ahnung! Ich finde die Fotos von Rachmaninow toll.
Banks: Siehst du - der ist seit sechzig Jahren tot. Wer kennt diese Leute von heute noch? Ist Mark-Anthony Turnage etwa der größte englische Gegenwartskomponist?


Ist er es?
Banks: Ich habe keine Antwort. Aber ich glaube, dass die Klassik wirklich in einer Krise steckt, in die sie geraten ist, als sie sich separiert hat und unbedingt unharmonisch sein wollte. Elgar war noch so populär, dass die ganze Welt auf seine neuen Stücke gewartet hat. Ich glaube, dass die Gemeinde, die auf ein neues Stück von Harrison Birtwistle wartet, sehr überschaubar ist. Ich kann Ihnen jedenfalls sagen, dass ich an Komponisten wie Birtwistle kein Interesse habe. Sorry, aber vielleicht irre ich auch, und in hundert Jahren ist er der angesagteste Künstler des 21. Jahrhunderts.

Also, meine Herren ist der Pop also doch die neue Klassik?
Banks: Auf jeden Fall ist Brian Wilson für mich klassisch. Und die Beatles auch.
Rutherford: Ich habe keine Ahnung, was die Leute in zweihundert Jahren hören werden. Bach, sicherlich noch Bach.
Collins: Man muss dann doch auch schon mal sagen, dass niemand gedacht hat, dass die Stones mit sechzig Jahren immer noch auf der Bühne stehen und erfolgreich sind.
Banks: Und Elvis! Verdammt, Heartbreak Hotel ist über fünfzig Jahre alt und noch immer ein saugeiles Album. Da sollen die Leute der Klassik, die schon damals auf den Pop heruntergeschaut haben, einfach mal die Klappe halten.



Viele sagen, dass mit Elvis der Pop gestorben ist.
Collins: Das hängt davon ab, ob man Elvis mag oder nicht. Ich glaube, dass er nichts geschrieben hat, damit es bleiben wird. Ich persönlich habe meine Schwierigkeiten mit Elvis. Ich verstehe den ganzen Zirkus, der um ihn gemacht wird, nicht. Vielleicht liegt es daran, dass er nicht meine Zeit war. Ja klar, er hat einige klassische Alben gemacht, aber ich würde immer die Beatles vorziehen.

Warum das?
Collins: Elvis hat die Popgeschichte nicht wirklich revolutioniert - eigentlich ist er auch stehengeblieben. Die Beatles haben dagegen fast mit jedem Song Popgeschichte geschrieben. Ich würde sie in meine Klassik-Kollektion einreihen. Sie fangen mit B an, kommen also gleich neben Beethoven.

Genesis entstand 1967 aus den Mitgliedern von zwei Schülercombos: Tony Banks (Keyboard), Mike Rutherford (Gitarre und Bass), Peter Gabriel (Gesang), Anthony Phillips (Gitarre) und Chris Stewart (Schlagzeug). 1969 erschien das erste Album („From Genesis to Revelation“), ein Jahr später folgte „Trespass“. Im gleichen Jahr kam Phil Collins (Schlagzeug) dazu, 1971 folgte Steve Hackett (Gitarre). 1972 gelang mit dem Album „Foxtrot“ der Durchbruch. Im August 1975 verkündete Gabriel seinen Abschied von Genesis, daraufhin übernahm Collins die Rolle des Sängers. 1977 kehrte auch Hackett der Band den Rücken - das nächste Album hieß folglich „And Then There Were Three“, mit dessen Song „Follow me“ Genesis ihren ersten Hit in Amerika landete. 1986 erschien das mit 24 Millionen verkaufter Exemplare erfolgreichste Genesis-Album „Invisible Touch“, 1991 „We Can't Dance“ (22 Millionen). Fünf Jahre später verließ Collins die Band, Rutherford, Banks und der neue Sänger Ray Wilson konnten jedoch nicht an die Erfolge anknüpfen. Zwischen 1998 und 2006 war Genesis nicht aktiv, dann kam es zu einer Reunion von Rutherford, Banks und Collins - und zu „Turn it on again - the tour“.

Das Abschlusskonzert der Europa-Tour ist seit dem 23. Mai 2008 auf dem DVD-Paket „Genesis - When In Rome“ (26,95 Euro) zu erleben.

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