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Schulmilch-Report : Geldmacherei mit gezuckertem Kakao an Schulen?

  • Aktualisiert am

Schulkinder greifen meist zum Kakao statt zur Milch. Bild: dpa

Anders als die meisten anderen Bundesländer fördert NRW laut Foodwatch gezuckerten Kakao als Schulmilch. Dass die Kinder eine extra Portion Zucker bekämen, nähme die Regierung billigend in Kauf.

          Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat die steuerfinanzierte Förderung von Kakao als Schulmilch kritisiert und der nordrhein-westfälischen Landesregierung eine „Absatzförderung zu Lasten der Kindergesundheit“ vorgeworfen. „Weil sich Milch fast nur als Kakao an den Schulen verkaufen lässt, wird die Extraportion Zucker eben billigend in Kauf genommen“, kritisierte Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker am Mittwoch. Recherchen zeigten eine „kaum vorstellbare Verflechtung zwischen Auftragsforschern, Milchwirtschaft und Politik – über Jahrzehnte und Parteigrenzen hinweg“.

          So bekomme die Milchwirtschaft in Nordrhein-Westfalen „nicht nur den offiziellen Auftrag der Landesregierung, sondern auch noch Steuergelder, um Werbung für ihre Produkte direkt im Unterricht zu machen“, erklärte Rücker zur Vorstellung eines rund 80-seitigen „Schulmilch-Reports“, der nach Angaben der Verbraucherorganisation die Verbindungen zwischen Milchwirtschaft, Wissenschaftlern und Politik belegt.

          Das Land bezahlt der Branche demnach „jährlich rund 350.000 Euro, um Unterrichtseinheiten und Lehrmaterialien zu gestalten und Marketingveranstaltungen in den Schulen durchzuführen“, kritisierte Foodwatch. Das im Gegenzug für die EU-Zuschüsse für Schulmilchprodukte geforderte pädagogische Begleitprogramm werde „praktisch vollständig von der Milchwirtschaft durchgeführt – was das Land erheblich billiger kommt als ein neutrales, interessenunabhängiges Programm zur Ernährungsbildung“.

          Jeden Tag mehr als sieben Stück Würfelzucker

          Studien, die vorgäben, positive Effekte von gezuckertem Kakao für die geistige Leistungsfähigkeit und die Zahngesundheit belegen zu können, hielten allerdings „einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand“, erklärte Foodwatch. Vielmehr nähmen viele Schulkinder über 250-Milliliter-Kakao-Trinkpäckchen „jeden Tag mehr als sieben Stück Würfelzucker zu sich“ – dies sei ein Zuckergehalt „fast auf dem Niveau“ einiger Softgetränke.

          Dabei gelten nach Angaben von Foodwatch 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen als übergewichtig. Als ein wesentlicher Grund dafür wird der zu hohe Konsum von gezuckerten Lebensmitteln kritisiert.

          Nordrhein-Westfalen müsse deshalb die steuerliche Förderung von gezuckerten Schulmilchgetränken „unmittelbar“ stoppen und die Zusammenarbeit mit der Landesvereinigung der Milchwirtschaft bei Schulprogrammen beenden, forderte Foodwatch.

          „Wer ernsthaft eine gute Ernährung für Kinder fördern will, der investiert kein Steuergeld für zuckrigen Kakao, sondern kommt auf ganz andere Ideen“, erklärte Rücker. „Der setzt die offiziellen Qualitätsstandards für die Mittagsverpflegung an allen Schulen durch, der lässt alle Schulen am Obst- und Gemüseprogramm teilnehmen oder fördert, wo nötig, ausgewogene Frühstücksangebote.“ Dafür aber stelle das Land „die nötigen Mittel nicht zur Verfügung“.

          Für die Förderung von zuckrigem Kakao sei auch die Kalziumversorgung von Kindern kein guter Grund – denn die lasse sich auf vielen Wegen sicherstellen. Bereits zwei bis drei Scheiben Käse deckten laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung den Tagesbedarf von Kindern.

          Laut Foodwatch ist Nordrhein-Westfalen neben Berlin und Brandenburg das letzte Bundesland, das an der Förderung von gezuckerten Milchprodukten festhält. Das Landesumweltministerium in NRW kündigte demnach im August an, die Kakao-Förderung im Schulmilchprogramm überprüfen zu wollen.

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