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Cornelia Funkes neues Buch : Gegen Monster muss man kämpfen

Im Dialog mit Fans: Cornelia Funke Bild: Helmut Fricke

Steh auf, wenn du ein Leser bist: In Frankfurt stellt Cornelia Funke ihr neues Buch „Das Labyrinth des Fauns“ vor. Und erklärt, was Fantasy wichtig macht.

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          Das Filmplakat hängt schon seit Jahren bei ihr zu Hause auf der alten Avocadofarm an der kalifornischen Küste. Seit seiner Uraufführung vor dreizehn Jahren erinnert Guillermo del Toros Film „Pans Labyrinth“ Cornelia Funke daran, was phantastisches Erzählen vermag: „Es ist ein lebensverändernder Film, in vielerlei Hinsicht.“ Schön, wenn der Schöpfer eines glühend bewunderten Kunstwerks die schreibende Anhängerin anschließend darum bittet, aus dem Film ein Buch zu machen. Cornelia Funke ist es passiert. Als del Toro ihr vorschlug, „Pans Labyrinth“ zum Roman zu formen, habe sie sich zunächst einmal setzen müssen, berichtet sie im Schauspiel Frankfurt. Und gedacht: „Man kann aus diesen Bildern keine Wörter machen.“ Es ging dann doch. Dass sie an del Toros Dialogen kein Wort ändern würde, sagte sie ihm allerdings sofort: „Das ist heilig.“ Er war enttäuscht: „Ich will, dass du damit spielst.“ Sie einigten sich schließlich auf die Wiedergabe des im Film Erreichten mit hinzugefügten Zwischenspielen.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für das Verfassen ihrer auf Papier erzählten Version des Stoffs, „Das Labyrinth des Fauns“, hat Funke sich die Geschichte der kleinen Ofelia, die 1944 zusammen mit ihrer Mutter in den Haushalt eines bösen Stiefvaters gerät und in einem übernatürlichen Reich Zuflucht vor der Grausamkeit der Menschenwelt findet, noch einmal Bild für Bild angesehen und in Worte übertragen. Auch aus diesem Grund ist „Das Labyrinth des Fauns“ der erste Roman geworden, den sie zunächst auf Englisch verfasst hat. Das Englische, sagt sie in Frankfurt, biete mehr Verspieltheit bei ernsten Dingen. Das Deutsche sei organisiert und kühl, schlage plötzlich aber auch ins Sentimentale und Poetische um: „Man muss immer wieder innehalten und aufpassen.“

          In der Signierschlange

          Anfang Juli ist die deutsche Version von „Das Labyrinth des Fauns“ im Frankfurter Fischer-Verlag erschienen, in den vergangenen Tagen hat Funke, die seit Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, das Buch auf einer kurzen Lesereise durch die Bundesrepublik präsentiert. In Berlin und Hamburg ist sie schon gewesen, nach Frankfurt geht es für sie noch weiter nach Essen. Und überall ausverkaufte Häuser, nur in Frankfurt nicht, wo die Zusammenarbeit von Literaturhaus und Schauspiel sonst garantiert, dass kein einziger der rund 700 Plätze frei bleibt. Eine Abendveranstaltung zwischen Schultagen sei für Funke-Leser nicht das beste Format, sagt Benno Hennig von Lange, Leiter des „Jungen Literaturhauses“, am Tag danach.

          Aber das Publikum genießt den Abend, und das nicht erst in der Signierschlange, die wie üblich von der Panorama-Bar bis zum Chagallsaal reicht. Der weite, halb erleuchtete und daher auch von der Bühne aus gut sichtbare Zuschauerraum wiederum beeindruckt sogar die weitgereiste Autorin. Mehr als sechzig Bücher hat Funke veröffentlicht, die sich in aller Welt rund 26 Millionen Mal verkauft haben und in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt worden sind. Dass es ein besonderes Vergnügen sei, in einem so schönen Theater zu lesen, sagt sie trotzdem.

          Fans befragen Funke

          Dass die Frankfurter Bühne außergewöhnlich breit ist, merkt sie später, als sie zahlreiche Fragen von Besuchern beantwortet, die sich links und rechts an zwei Mikrofonen aufgestellt haben. Immer wieder stiefelt sie von einem Ende zum anderen. „Große Bühne“, sagt sie lakonisch. Großes Kino hingegen die klugen Fragen der Fans und Funkes Antworten. Vieles hat sie so oder ähnlich schon an anderer Stelle geäußert, aber es ist ein Genuss, ihr zuzuhören. Fantasy-Literatur und phantastisches Erzählen erklärt und verteidigt im Hochliteraturland Deutschland kaum jemand so beredt, gutgelaunt, klar und selbstbewusst wie sie.

          Über manches kann man streiten. Das Phantastische hat in Deutschland sicher nicht erst der Nationalsozialismus erledigt, der, wie Funke richtig anmerkt, Märchen, Mythen und Idealismus aufsog und unmöglich machte. Schon zuvor hatte das Phantastische in der deutschen Literatur kaum einen Raum, mit Ausnahme Hoffmanns eigentlich nur in Gedichten der Romantik und Goethes „Faust“, selten in erzählenden Texten. Aber das sind Details.

          Viel wichtiger ihr Rat an eine junge Leserin, die schreiben will. Immer in ein Notizbuch. Auf die rechte Seite. Die linke freilassen. Für Bilder, Ideen. Dann sehe man, wie das Buch wachse. Erste Fassungen nie am Computer, der einem vorgaukele, das Ganze sehe doch schon wie ein Buch aus und sei fast fertig: „Das ist es nicht.“ Und zu bösen Phantasien von heute, Rassismus und Nationalismus: „Das ist ein altes Monster. Das Monster weiß, dass es von vorgestern ist. Und dass eine Welt kommt, die anders ist.“ Die zeitlosen Themen von del Toros Film würden gerade wieder wichtiger: „Für was will man kämpfen? Müssen wir gegen etwas aufstehen?“ Gegen manche Monster müsse es sein: „Bestimmte Opfer muss man bringen.“ Und sich wehren: „Wir alle wissen, wie es ausgeht, wenn man es nicht tut.“

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