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Gefühle im Kalten Krieg : Eine Liebe, die nicht sein durfte

  • -Aktualisiert am

Avtandil (zweiter von links) mit seinen Bandkollegen Bild: Katharina Müller-Güldemeister

Emma und Avtandil fühlten sich zueinander hingezogen. Sie hätten ein Paar werden können. Aber der Eiserne Vorhang gab ihnen keine Chance. Eine Reise in die Vergangenheit.

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          Einen Heiratsantrag hat sich Emma anders vorgestellt. Als sie und Avtandil sich nach zwei Monaten heimlich in Odessa wiedersehen, sagt er zu ihr: „Geh nicht mehr zurück aufs Schiff, werde meine Frau.“ Aber Emma ist Reiseleiterin mit westdeutschem Pass, und so sehr sie Avtandil liebt – im sowjetischen System will sie auf Dauer nicht leben. „Wir müssen den offiziellen Weg gehen“, antwortet sie ihm.

          Eine Schar Möwen schreckt auf und fliegt über die beiden hinweg. „Eine Möwe möchte ich sein“, sagt Avtandil. „Sie kann fliegen, wohin sie will.“ Aber Avtandil ist Schlagzeuger einer georgischen Band. Seine Heimat, die Sowjetunion, darf er nur mit Ausreisevisum verlassen. Zum Abschied küssen sie sich auf die Wange, mehr dürfen sie sich in der Öffentlichkeit nicht erlauben.

          Knapp 41 Jahre später ist Emma 64 Jahre alt und Avtandil schon 12 Jahre tot. Emma hat es lange aufgeschoben, sein Grab zu besuchen. David, ein guter Freund von Avtandil, will uns hinbringen. Emma trägt rote Schuhe zu einer zitronengelben Handtasche. Sie ist eine Frau, die Menschen schnell für sich gewinnt mit ihrem fröhlichen Lächeln und ihren vielen Geschichten. Heute ist sie aber auch ein bisschen durch den Wind. Als wir am Blumenmarkt vorbeifahren, vergisst sie Blumen zu kaufen, obwohl sie das vorhatte. Wir fahren zurück. Sie nimmt einen Strauß leuchtend roter Tulpen in die Hand. Dann entscheidet sie sich für Osterglocken.

          Vorbei an abgewohnten Häusern mit stolzen Balkonen

          Bevor es zum Friedhof geht, möchte sie das Haus sehen, in dem Avtandil gelebt hat. Wir fahren vorbei an abgewohnten Häusern mit stolzen Balkonen aus verziertem Holz und geschwungenem Stahl. Dann biegen wir in eine Straße ein, die Ivane Javakhischwili heißt. Durch eine verschnörkelte Gittertür können wir in den Hof schauen. Im Erdgeschoss weht eine Gardine im Wind; es sieht aus, als fehle das Fenster. „Da hat er Schlagzeug geübt“, sagt Emma. Das weiß sie aus Telefonaten. Nach der Scheidung ist er aus dem ersten Stock in die untere Wohnung gezogen. Mehr Abstand konnte er sich nicht leisten. „Ganz schön runtergekommen.“

          Während David uns aus dem Talkessel fährt, in dem Tiflis liegt, galoppiert Emma durch ihr ungewöhnliches Leben. Viele Details erfahre ich später aus ihrem Buch, das sie nach dem Besuch am Grab fertiggeschrieben hat. Emma ist in Moskau auf die Welt gekommen, ihre Kindheitserinnerungen beginnen in Sochumi am Schwarzen Meer, das damals zu Georgien gehörte. Ihr Vater war einer jener deutschen Wissenschaftler, die 1946 von der Roten Armee verschleppt worden waren, um Reparationen für den verlorenen Krieg zu leisten. Erst 1958 durfte Emmas Familie nach Westdeutschland ausreisen. Da war Emma fünf Jahre alt.

          Die Bevormundung und Überwachung, die Emmas Eltern in der Sowjetunion erlebt haben, ist oft Thema gewesen in der Familie. Trotzdem spürt sie eine Sehnsucht nach Russland und Georgien. Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Krankenschwester, doch nach dem Tod ihrer Mutter fühlt sich Deutschland nicht mehr nach ihrem Zuhause an. Sie bildet sich zur Reiseleiterin weiter und wird erst in Spanien, dann in Sotschi eingesetzt; Ende 1976 schickt Neckermann Reisen sie dann auf das Kreuzfahrtschiff „Maxim Gorki“, das unter sowjetischer Flagge über die Weltmeere fährt.

          Der Friedhof liegt auf einem Berg. Näher kann man dem Himmel kaum kommen: Zwölf Jahre nach seinem Tod besucht Emma Avtandils Grab in Tiflis.
          Der Friedhof liegt auf einem Berg. Näher kann man dem Himmel kaum kommen: Zwölf Jahre nach seinem Tod besucht Emma Avtandils Grab in Tiflis. : Bild: Katharina Müller-Güldemeister

          Das knapp 200 Meter lange Schiff hat Kabinen für rund 650 Gäste und 450 Besatzungsmitglieder. Neben einem deutschen Orchester ist auch ein Teil der in der Sowjetunion populären Jazzband Orovela mit an Bord. Bis auf den russischen Pianisten kommen alle aus Georgien.

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