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Neue Studien : Geflüchtete Frauen und Kinder leiden in Gruppenunterkünften

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Frauen und Kinder gehen am im Februar 2016 in einer Flüchtlingsunterkunft in Frankfurt über einen Flur. Zwei Studien beschäftigen sich mit der Lage dieser geflüchteten Gruppen. Bild: dpa

Zwei aktuelle Studien zeigen: Vor allem Frauen und Kindern setzt das Leben in Aufnahmeeinrichtungen zu. Es mangelt an Privatsphäre, psychologischer Betreuung und Schutz vor Gewalt.

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          Jung, verheiratet, Mutter, teils passiv und zugleich motiviert: Das Bild, das die Studie eines Charite-Forschungsprojektes über geflüchteten Frauen in Aufnahmeeinrichtungen zeichnet, bestätigt vieles, was Einzelschicksale bereits ahnen ließen. Zugleich bietet die repräsentative Studie, die am Dienstag vorgestellt wurde, einen Einblick in das, was weiter schief läuft. Es fehlt an Dolmetschern, an medizinischer und therapeutischer Betreuung und an sicheren Unterkunftsbedingungen für Frauen und Kinder. Auch die Trennung von den eigenen Kinder setzt den Frauen sehr zu.

          Für das Projekt wurden in fünf Stadt- und Landgebieten in Nord-, Süd-, West- und Ostdeutschland 639 geflüchtete Frauen in Aufnahmeeinrichtungen befragt. Es sei teils sehr schwierig gewesen, überhaupt in die Unterkünfte hineinzudürfen, Dolmetscher zu finden und das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, sagte die Projektleiterin und Leitende Oberärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charite am St. Hedwig Krankenhaus, Meryam Schouler-Ocak.

          Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), von der die Studie mitfinanziert wurde, weiß, dass beim Dolmetschen große Lücken klaffen. Umso wichtiger sei es, mit einer solchen Studie Belege für Versorgungslücken und auch für Integrationspotenziale zu haben, sagte Özoguz. Viele Frauen, die nach Deutschland kämen, wüssten nichts über ihre Möglichkeiten. Hier müssten Brücken gebaut werden.

          Die meisten Frauen sind jünger als 40

          Knapp die Hälfte der nach Deutschland geflohenen Frauen sind laut der Studie zwischen 17 und 29 Jahre alt; die weite Mehrheit ist jünger als 40 Jahre. Hauptherkunftsländer sind Syrien, Afghanistan und Irak. Etwa die Hälfte der Frauen spricht Arabisch, weitere 15 Prozent können neben ihrer Muttersprache, etwa Farsi oder Dari, auch Arabisch sprechen. Die Mehrheit hat nach eigenen Angaben eine Schulbildung genossen. Neun Prozent geben an, studiert zu haben; ein Prozent hat promoviert. 17 Prozent der Frauen fehle jegliche Schulbildung, sagte Schouler-Ocak.

          Mehr als zwei Drittel der Frauen sind verheiratet oder verpartnert. 81 Prozent haben Kinder. Rund 60 Prozent der Syrerinnen und Afghaninnen wurden auf der Flucht von ihren Kindern begleitet. Bei Frauen aus Eritrea und Somalia kam etwa jede vierte Frau allein nach Deutschland.

          „Warten und Tristesse“: Kinder sitzen am im Juli 2015 vor einer Flüchtlingsunterkunft in Mecklenburg-Vorpommern.

          Fluchtgründe waren vorrangig Lebensgefahr und Krieg oder Hunger, aber auch die Sorge vor Entführung, Gewalt und Folter. Vor allem Frauen aus Eritrea berichteten demnach von Gewalterfahrungen.

          Befragt nach der Lebenssituation in Deutschland sind die Frauen einerseits dankbar und motiviert. Andererseits beurteilen sie ihre Lebensqualität mehrheitlich als schlecht oder mittelmäßig. Vor allem die Wohnbedingungen lösen die größte Unzufriedenheit aus: Es fehle an Privatsphäre und die hygienischen Bedingungen seien oft mangelhaft.

          Wie aus der Studie weiter hervorgeht, beklagt mehr als ein Drittel der Frauen eine mangelhafte ärztliche Versorgung. Weniger als zehn Prozent hätten auf Nachfrage psychologische Betreuung erhalten. Zugleich sagen die meisten Frauen, dass sie sich bei seelischen und körperlichen Beschwerden zunächst zurückzögen und keine Hilfe suchten. Großen Kummer bereitet den Frauen die Trennung von der Familie und Kinder. Viele neigen zum Weinen und sind nach eigenen Angaben oft traurig.

          Weitere Studie befasst sich mit geflüchteten Kindern

          Eine mangelhafte Unterbringung ist auch Thema einer Studie des Bundesfachverbandes unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die Unicef vorstellte. Trotz großer Anstrengungen verbrächten Kinder weiterhin teils Monate oder sogar Jahre in Unterkünften, die nicht sicher seien, unter unzureichenden hygienischen Bedingungen, auf engem Raum ohne Privatsphäre und ohne Schul- oder Kitabesuch. „Ihr Alltag ist oft durch Tristesse und Warten gekennzeichnet“, beklagte der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider.

          22 Prozent der von Unicef befragten Asylsuchenden gaben laut der Studie an, dass sie über die gesetzliche Frist von sechs Monaten hinaus teils bis zu einem Jahr mit ihren Familien in den Massenunterkünften auf eine Weiterverteilung warteten. In den Unterkünften drohe den Kindern Gewalt oder sie erlebten Gewalt zwischen anderen. Nur rund ein Drittel der befragten Einrichtungen gab an, Konzepte zum Schutz von Kindern zu haben. Häufig fehlten Aufenthaltsräume sowie strukturierte Lern- und Freizeitangebote für die Kinder.

          Vor allem sei es vom jeweiligen Bundesland abhängig, ob ein Kind einen Kindergarten oder eine Schule besuchen könne, kritisierte Schneider. Nur ein Drittel der befragten Mitarbeiter in Erstaufnahmeeinrichtungen bestätigte, dass die Kinder eine Regelschule besuchten. Teils erhielten die Kinder in der Unterkunft Unterricht, aber 20 Prozent der Mitarbeiter gaben an, dass die Mädchen und Jungen in ihren Einrichtungen gar keine Schulbildung erhielten. Auch die ärztliche Versorgung beispielsweise von Müttern mit Kleinkindern schwanke von Bundesland zu Bundesland.

          Die Studie „Kindheit im Wartezustand“ wurde am Dienstag in Berlin vorgestellt.

          Schneider und Mitautor Adam Naber vom Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge befürchten, dass sich die Situation vor allem für Kinder von Abschiebung bedrohter Familien noch verschlimmern wird. Mit dem „Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht“, das aktuell im Bundestag beraten wird, wolle die Bundesregierung den Aufenthalt in Unterkünften über die derzeitige gesetzliche Maximaldauer von sechs Monaten hinaus verlängern.

          Familien mit Kindern müssten schnell in eigene Wohnungen umziehen

          Vor allem die Gruppe jener, die im Rahmen des Dublin-Verfahrens in das EU-Land zurückgeschickt werden sollen, in dem sie zuerst registriert wurden, sei „extrem groß“, sagte Naber. Damit aber würden die Kinder in Strukturen geraten, die nicht kindgerecht seien. Der Zugang zu Schulen oder Kindergärten werde ihnen verwehrt.

          Schneider und Naber forderten deshalb, Familien mit Kindern müssten schnell in eigene Wohnungen umgesetzt werden. Um familien- und kindgerechte Standards in den Unterkünften durchzusetzen, forderten sie eine gesetzliche Regelung. Die Kinder selbst sollten so schnell wie möglich Zugang zu Schulen und zur Kindertagespflege erhalten, unabhängig von ihrem Herkunftsland oder dem Status des Asylverfahrens.

          „Jedes Kind ist eine eigene Persönlichkeit, das gilt auch für Flüchtlingskinder“, sagte Schneider. Kinder lernten schnell eine fremde Sprache, könnten meist schneller als ihre Eltern Fuß fassen und besäßen „diese unglaubliche Kraft, nach vorn zu schauen“. Deshalb müsse Deutschland dafür sorgen, dass die geflüchteten Kinder „angenommen und gefördert werden, wie jedes Kind“.

          Schouler-Ocak warb dafür, Frauen und Kinder separat unterzubringen, ihnen mehr Sprachvermittler zur Seite zu stellen und unabhängige Ombuds- und Beschwerdestellen einzurichten. Es gebe viele Klagen oder Verbesserungsvorschläge, so die Expertin – nur oft wüssten die Frauen gar nicht, wohin damit.

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