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Jesidin und deutsche Ermittler : „Warum rufen die mich nicht an?“

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Im Heimatdorf: Aschwaq ist nach der Flucht aus Deutschland wieder in Lalisch im Nordirak – hier gedenkt sie am Mittwoch der Jesiden, die zu IS-Opfern wurden. Bild: AFP

Die Jesidin, die aus Furcht vor ihrem früheren IS-Peiniger von Deutschland in den Nordirak zurückging, bemängelt die Arbeit der deutschen Behörden. Diese suchen bislang erfolglos nach dem Mann.

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          Eine aus Deutschland geflohene Jesidin, die in Schwäbisch Gmünd ihrem IS-Peiniger begegnet sein soll, hat eine mangelnde Zusammenarbeit mit den Ermittlern beklagt. Die deutschen Behörden hätten sie zuletzt nicht kontaktiert, obwohl sie im Nordirak erreichbar sei, sagte Aschwaq Hadschi Hamid Talo der Deutschen Presse-Agentur. „Warum rufen die mich nicht an?“

          Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg hatte am Mittwoch im Kurznachrichtendienst Twitter mitgeteilt, die Ermittlungen könnten im Moment nicht fortgeführt werden, „da die Zeugin für Rückfragen aktuell nicht erreichbar ist.“ Ein anderer Nutzer hatte daraufhin postwendend angeboten, die Kontaktdaten zur Verfügung zu stellen.

          Auch die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe sagte, eine Befragung Anfang Juni sei daran gescheitert sei, dass die 19-Jährige zu dem Zeitpunkt schon außer Landes gewesen sei. Michael Blume, Leiter des Referats Nordirak in der Stuttgarter Staatskanzlei, sagte: „Aschwaqs Reaktion war emotional. Es ist schlecht, wenn Hysterie in die Gemeinschaft getragen wird. Terrorismus bekämpft man nicht mit Panik.“

          Seit Juni ermittelt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe in dem Fall, über den zunächst „Welt“ und „Bild“ unter Berufung auf eine irakische Nachrichtenseite und ein Internetvideo berichtet hatten.

          Auf Sklavenmarkt verkauft

          Aschwaq gehört der im Nordirak lebenden ethnisch-religiösen Minderheit der Jesiden an. Sie wurde nach eigenen Angaben 2014 von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) verschleppt und auf einem Sklavenmarkt an ein IS-Mitglied verkauft. Dieser Mann habe sie monatelang geschlagen und missbraucht, bevor sie fliehen und schließlich nach Deutschland reisen konnte.

          Baden-Württemberg hatte Anfang 2015 etwa 1100 Jesidinnen per Sonderkontingent aufgenommen, um den versklavten, vergewaltigten und sexuell missbrauchten Frauen und Kindern Schutz zu bieten.

          In ihrer neuen Heimat in Schwäbisch Gmünd in Baden-Württemberg traf Aschwaq nach eigenen Angaben den Mann Jahre später auf der Straße wieder. „Er sagt, er kenne mein ganzes Leben in Deutschland. Ich hatte solche Angst, ich konnte nicht mehr reden“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

          Suche erfolglos

          Die Polizei hatte mit den Angaben der 19-Jährigen ein Phantombild erstellt und versucht, den Mann zu finden. Leider seien ihre Angaben nicht sehr präzise gewesen und der Name, den sie nannte, habe sich keiner Person zuordnen lassen, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft.

          Recherchen des SWR stützen die Darstellung der Frau allerdings. Die stellvertretende Vorsitzende des Zentralrates der Jesiden, Zemfira Dlovani, sagte dem Rundfunk, weitere Mädchen hätten den mutmaßlichen IS-Kämpfer wiedererkannt. Genauere Angaben zur Identität der Zeuginnen wolle sie derzeit nicht machen.

          Aschwaq will jetzt nicht mehr nach Deutschland zurückkommen, sondern in ihrer Heimat im Nordirak bleiben. „Ich hatte solche Angst, ich konnte nicht mehr in Deutschland bleiben“, sagte sie. Sie sei nach Baden-Württemberg gekommen, um ihren Peiniger zu vergessen. Dies sei dort nicht mehr möglich.

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