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Gedenktag für verfolgte Homosexuelle : Späte Genugtuung für Häftlingsnummer 7952

  • -Aktualisiert am

Verfolgt und geehrt: Rudolf Brazda war der letzte bekannte Überlebende der Häftlinge mit „Rosa Winkel“. Die Aufnahme stammt von 2010, im August 2011 ist Brazda im Alter von 98 Jahren verstorben Bild: AFP/Getty Images

Am 100. Geburtstag von Rudolf Brazdas gedenkt Thüringen an diesem Sonntag der von den Nazis verfolgten Homosexuellen. Selbst nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern galten sie per Gesetz lange als kriminell.

          Rudolf Brazda ist 95 Jahre alt, als sein Leben noch einmal eine unverhoffte Wendung nimmt. Im Fernsehen sieht er 2008, dass in Berlin ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eingeweiht werden soll. Da will er dabei sein. Seine Nichte stellt schließlich den Kontakt zum Lesben- und Schwulenverband her. Ihr Onkel, erzählt sie, habe das Konzentrationslager Buchenwald überlebt. Er war dort inhaftiert, weil er homosexuell war.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Ich konnte es erst gar nicht glauben“, sagt Alexander Zinn, damals Sprecher des Berliner Lesben- und Schwulenverbandes. „Wir dachten, dass keiner mehr am Leben war, der das alles mitgemacht hat.“ Doch Brazdas Name findet sich auf einer Liste sogenannter Rosa-Winkel-Häftlinge, die Geschichte scheint zu stimmen. Zwei Wochen später ist Zinn unterwegs zu Brazda, der im Elsass nahe Mülhausen lebt. „Ich war gespannt und zugleich ängstlich“, erzählt Zinn. Und er ist völlig überrascht, als Brazda ihm die Tür öffnet. Da steht kein verbitterter Greis, sondern „eine Frohnatur, ein offenherziger, optimistischer Mensch“. Und der beginnt zu erzählen, vieles sei einfach nur so aus ihm herausgesprudelt.

          Feinde eines „gesunden Volkskörpers“

          1913 kommt Rudolf Brazda bei Meuselwitz im Altenburger Land in Thüringen zur Welt. Er ist das jüngste von acht Geschwistern, und er merkt schon früh, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Er will Dekorateur werden und lernt Dachdecker, vor allem aber ist er mit seiner Homosexualität, ein Begriff, den er damals gar nicht kennt, nicht allein, sondern hat einen Freundeskreis junger Männer, die ähnlich empfinden. Im Jahr als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, findet Brazda einen festen Freund, Werner, mit dem er Anfang 1934 ganz offiziell zusammenzieht. Sie sind nicht das einzige Männer-Paar in der Gegend, das zusammenlebt. Sie gehen Hand in Hand aus, in Tanzsäle und auf Jahrmärkte und inszenieren noch im gleichen Jahr mit beiden Familien eine Hochzeit. Die Provinz scheint damals liberaler gewesen zu sein als die Großstadt.

          In den Städten haben die Nazis längst mit der Jagd auf Schwule begonnen. Ihre Zeitschriften werden verboten, Lokale geschlossen, Protagonisten verhaftet. Der berüchtigte Paragraph 175, der in der Weimarer Republik kaum noch Anwendung fand, wird verschärft, jetzt stehen nicht mehr nur sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe, sondern auch „begehrliche Blicke“. Homosexuelle sollen „ausgemerzt“ werden, die Nazis erklären sie zu Feinden eines „gesunden Volkskörpers“. „In den Metropolen wurden Schwule häufig denunziert“, sagt Alexander Zinn, der über die Verfolgung Homosexueller im „Dritten Reich“ forscht und Brazdas Lebensgeschichte aufgeschrieben hat („Das Glück kam immer zu mir“, Campus Verlag). „Im Altenburger Land aber wurde nicht ein Einziger verpfiffen, obwohl jeder Bescheid wusste.“

          Rosa Winkel als Erkennungszeichen

          Erst als ein ehrgeiziger Staatsanwalt die Chance erkennt, die sich für ihn mit der Verfolgung der Verfemten bietet, gerät auch Brazda ins Visier der Justiz. 1937, sein Freund ist bereits zum Wehrdienst eingezogen, wird er zu sechs Monaten Haft verurteilt und anschließend in die Tschechoslowakei ausgewiesen. Brazdas Eltern waren Anfang des 20. Jahrhunderts nach Thüringen eingewandert. Brazda geht nach Karlsbad, doch mit dem Einmarsch der Deutschen in das Sudetenland beginnt die Verfolgung von Neuem. Das Landgericht Eger verurteilt ihn 1941 wegen „Unzucht mit Männern“ zu 14 Monaten Haft, nach der er nicht entlassen, sondern ins Konzentrationslager Buchenwald verbracht wird.

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