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Gedenken an NS-Verbrechen : Den kleinen Erinnerungsstätten fehlt es an Nachwuchs

  • -Aktualisiert am

Bernhard Gelderblom schaut mit der Lupe seines Vaters dessen altes Fotoalbum an. Bild: Jana Margarete Schuler

Auschwitz kennt jeder, Haslach und Hameln nicht. Zwei alte Männer pflegen unbekannte Erinnerungsorte und fürchten: Wir sind die Letzten.

          12 Min.

          Sören Fuß und Bern­hard Gelderblom archivieren die Vergangenheit. Sie sind sich noch nie begegnet. 548 Kilometer trennen sie voneinander, der eine lebt im Norden, der andere im Süden Deutschlands. Gelderblom lässt seit Jahren Gedenktafeln im Ort aufstellen und poliert Stolpersteine, Fuß reiste um die Welt, um überlebende Zwangsarbeiter ausfindig zu machen.

          Die zwei Pensionäre haben eine Aufgabe, die viel Zeit und Kraft kostet. Sie erinnern an zwei von insgesamt über 265 Gedenkorten in ganz Deutschland. Orte, an denen Nationalsozialisten Greueltaten verübten, direkt vor der Haustür.

          Beide sind während des Zweiten Weltkriegs geboren, der eine im Westen, der andere im Osten Deutschlands. Zwei ehemalige Lehrer, die das Bundesverdienstkreuz tragen, weil sie ihre gesamte Freizeit für den Erhalt der Gedenkstätten opfern. Sie führen Schüler und Erwachsene durch die Orte der NS-Diktatur und recherchieren für Angehörige, was aus ihren Verwandten wurde. Dieses Wissen heften sie seit Jahrzehnten feinsäuberlich in Hunderten von Ordnern ab. Wissen, das verlorengeht, wenn sie nicht mehr sind. Denn beide haben den gleichen Feind: die Zeit.

          1700 Zwangsarbeiter, 21 Nationen

          Sören Fuß setzt sich in seinen schwarzen Geländewagen und lenkt ihn durch schmale Dorfgassen, vorbei am Haslacher Marktbrunnen, nickt ehemaligen Schülern zu. „Die Neuntklässler waren immer ganz bewegt, wenn wir über die Gedenkstätte und die Zeit des Nationalsozialismus redeten – da kam der Matheunterricht eben mal zu kurz“, sagt Fuß. Er brettert nach dem Verlassen der Dorfstraße über eine zwei Kilometer lange Bundesstraße, gesäumt von dunklen Tannen. Hier, inmitten des Schwarzwaldes, wirkt die Welt wie unberührt. Aber schon dieser Weg erinnert Fuß an die 1700 NS-Zwangsarbeiter aus 21 Nationen, von denen Hunderte nicht überlebten, gestorben bei dem Versuch der Nazis, in den letzten Kriegstagen in einem Bergwerksstollen einen Rüstungsbetrieb hochzuziehen.

          Fuß biegt von der Bundesstraße ab und fährt eine Waldstraße hinauf, vorbei am Besucherparkplatz. „Diese ganze Strecke mussten die Arbeiter jeden Tag zurücklegen, morgens und abends, manche brachen vor Erschöpfung auf der Straße zusammen“, sagt er. Er parkt seinen Wagen am Beginn eines Waldweges. Dort ist ein Schild aufgestellt: „Gedenkstätte Vulkan“.

          Auf den ersten Blick ist der Wald wie verwunschen. Die Tannen stehen so dicht beieinander, als würden sie flüstern. Die letzten Strahlen der Nachmittagssonne schieben sich durch die Äste, Laub und Moos bedecken den Weg. Hinter dem Berg, von hier nicht sichtbar, liegt eine Mülldeponie, und aus der Ferne hallen Schüsse, keine 300 Meter entfernt ist die Anlage des Haslacher Schützenvereins. Früher beklagte sich Fuß über diesen Lärm und diese Nähe, inzwischen nimmt er es hin. „Es ist nicht ideal, aber wenn eine Gedenkveranstaltung ist, schießen sie nicht. Darauf haben wir uns geeinigt.“

          „Vulkan“ ist eine der kleinsten deutschen Gedenkstätten, die an die Nazi-Diktatur erinnern. Mehr als 70 solcher Gedenkorte gibt es in Baden-Württemberg, fast alle werden nur von Ehrenamtlichen gepflegt. Allein die KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg in Ulm und die Gedenkstätte Grafeneck haben hauptamtliche Mitarbeiter.

          Gedenkstätte statt Gedenkstein

          Sören Fuß und sein Freund Herbert Himmelsbach hatten nie vor, eine Gedenkstätte ins Leben zu rufen. Sie wollten dafür sorgen, dass ein Gedenkstein aufgestellt wird. Doch dann kam alles anders. Fuß ist ein kleiner Mann, 76 Jahre alt, ein Lehrer, wie er im Buche steht: Er trägt ein pastellfarbenes Hemd, beige Bügelfaltenhose, die Füße in Trekkingsandalen gesteckt, einen grauen Schnauzer, und auf seiner Nase sitzt eine Brille mit schwarzem Rand. In der Ecke seines Büros steht eine verstaubte, goldfarbene Oscar-Figur – „für den engagiertesten Lehrer“ steht darauf. Ein Geschenk von seinen damaligen Schülerinnen und Schülern.

          Fuß wuchs in Pforzheim auf, studierte Biologie und Mathematik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und lernte dort seine Frau kennen. Nach ihrer Abschlussprüfung zog das Paar im Herbst 1968 nach Haslach, wo sie seitdem in einem Einfamilienhaus wohnen. Der ehemalige Lehrer kann über Stunden hinweg referieren, sein Wissen hat geradezu enzyklopädische Ausmaße. „Am 12. Oktober 1944 wurde entschieden, die Stollenanlage in Haslach für die Produktion von Panzerteilen durch Daimler-Benz zu nutzen“, erklärt er. „Es wurden Häftlinge nach Haslach überstellt, um die Bauarbeiten zu beschleunigen – ein halbes Jahr noch, dann war der Krieg vorbei, 223 Menschen starben.“

          Idealismus: Sören Fuß und Herbert Himmelsbach an der Gedenkstätte „Vulkan“.
          Idealismus: Sören Fuß und Herbert Himmelsbach an der Gedenkstätte „Vulkan“. : Bild: Jana Margarete Schuler

          Wer etwas im 7000-Einwohner-Städtchen Haslach wissen möchte, ruft bei Fuß an. Dann klingelt sein Telefon, er entschuldigt sich, „da muss ich kurz ran“. Wo liegt noch mal diese eine Straße? Wann ist jene Veranstaltung? Auch jenseits von „Vulkan“ ist Fuß Wegweiser der Stadt Haslach. Es war vor allem sein zehnjähriges Engagement als stellvertretender Stadtrat, das ihn im Dorf bekanntmachte. 1998, als die Gedenkstätte in Haslach eröffnet wurde, gab er dieses Amt auf. Manchmal bittet jemand Sören Fuß um eine Führung. Er erinnert sich an drei Biker, die vor Jahren durch den Ort fuhren, im Internet seinen Kontakt auf der Homepage der Gedenkstätte fanden, ihn anriefen und fragten, ob er sie spontan in „Vulkan“ herumführt. „Klar“, antwortete er und war in zehn Minuten bei den Bikern.

          Auch fünf Juden unter den Opfern

          Das Zentrum der Gedenkstätte ist ein schräg auf dem Boden liegendes Metallkreuz, getragen von Steinen, darunter eine Tafel mit der Inschrift: „Man ist nicht nur verantwortlich für das, was man tut, sondern auch für das, was man geschehen lässt. Zum Gedenken an unermessliches Leid, das Menschen von Menschen zugefügt wurde.“ Dass auch fünf Juden unter den Häftlingen waren, fand Fuß erst nach der Einweihung der Gedenkstätte heraus. Jedes Mal, wenn er überlebende Familien jüdischer Herkunft herumführt, entschuldigt er sich dafür. Ein Kreuz, das sei christlich. Aber das interessiere die meisten gar nicht, berichtet er, sie lächeln, dann fällt Fuß jedes Mal ein Stein vom Herzen.

          Hinter den Tafeln ragt ein Loch in den Berg, versperrt von metallenen Gittern – der Eingang zum Stollen, in dem ab Dezember 1944 bis zu 700 Häftlinge gefangen waren. Die Gefangenen, meist Widerstandskämpfer aus Frankreich und der Ukraine, schliefen im dunklen Stollen auf Brettern, bedeckt mit nassem Stroh, ihr Essen war oft mit Fäkalien verunreinigt. Sie starben an Schwäche, Ekzemen oder Typhus. Sie sollten sterben, so wollten es die Nazis.

          70 Menschen führte dieser Eingang in den Tod, insgesamt starben über 200 Männer in Haslach unter den Haftbedingungen, oder SS-Männer erschossen sie. Der Stollen wurde 1948 zum Teil gesprengt und diente zwischen 1953 und 1965 als Munitions- und Sprengstoffdepot für das französische Militär. Nach dem Krieg geriet erst mal alles in Vergessenheit, fast fünf Jahrzehnte lang.

          „Hier“, Fuß weist auf das Kreuz, „ist der letzte Punkt, wenn ich Schüler herumführe. Ich sage dann: Vermutlich komme ich euch jetzt vor wie ein Moralapostel, aber es ist eure Zukunft, die ihr bestimmt. Manche von euch interessiert es nicht, andere vergessen es wieder, aber wenn nur einer von euch darüber nachdenkt, hat es sich für mich gelohnt.“

          Kratzer auf der Tafel

          Fuß deutet auf eine Lichtung. Zwölf Informationstafeln in Hufeisenform erzählen in Text und Bild jeweils eine andere Facette der Haftbedingungen. Sie dokumentieren die Geschichte der drei Haslacher Lager, die von Sommer 1944 bis Kriegsende existierten. Ein paar Kratzer ziehen sich über die Tafeln. Dort stehen die Namen der ums Leben gekommenen Zwangsarbeiter. Fuß greift nach einem Stein am Boden, klopft damit darauf. „Panzerglas, da geht so schnell nichts kaputt“, und reibt über die Fläche. Dabei stocken seine Fingerkuppen an einer Stelle. „Oh, das muss neu sein, die Kratzer kenne ich noch nicht.“ Er versucht die eingeritzten Buchstaben zu erkennen. Nur ein „W“ ist erkennbar. Für was das steht, weiß er nicht. Er bückt sich und zieht ein Stück Unkraut zwischen den Steinen heraus. „Da muss der Herbert wieder kommen“, sagt er.

          Fuß kümmert sich um das Inhaltliche, Herbert Himmelsbach hält die Gedenkstätte sauber. Er ist mit seinen 69 Jahren ein gutes Stück jünger als Fuß. In der Früh, wenn die Welt noch schläft, kraxelt Himmelsbach über einen Baumstumpf, hebt Äste und Zweige auf, die am Boden der Gedenkstätte liegen und recht über den Kies. Danach zieht er das Unkraut aus dem Boden. Zieht ein Sturm über das Dorf, ruft Fuß seinen Freund an, damit Himmelsbach am nächsten Tag die herabfallenden Äste und Zweige einsammelt.

          Fundstücke aus einem der Lager in Haslach
          Fundstücke aus einem der Lager in Haslach : Bild: Jana Margarete Schuler

          Fuß und Himmelsbach sind von Anfang an ein Team. Auf einer SPD-Sitzung steht 1996 eines Tages der Vorschlag im Raum, in Haslach eine Gedenkstätte zu errichten. Fuß und sein Genosse Himmelsbach tuscheln. „Das wird so nie was, einen Gedenkort zu machen ohne Geld“, sagt der eine zum anderen. „Da müssen wir was tun.“ Fuß sammelt Geld, bekommt 20.000 Deutsche Mark aus Brüssel und noch mal so viel von Daimler-Benz aus Stuttgart, erzählt er. Am 25. Juli 1998 eröffnet die Gedenkstätte „Vulkan“. Der Bürgermeister ist anwesend, Überlebende und Familienangehörige kommen, an die 200 Menschen sind da.

          Suche nach Überlebenden

          Gemeinsam mit seiner Frau, auch sie unterstützt ihn, suchte und fand Fuß überlebende Häftlinge. Dann setzte das Ehepaar sich ins Auto und fuhr zu den ehemaligen Zwangsarbeitern nach Frankreich und Holland, um ihre Geschichte zu dokumentieren. Um sie vielleicht sogar mit Deutschland zu versöhnen. Bis in die Vereinigten Staaten reiste das Ehepaar Fuß.

          In New York trafen sie Harvey Moser, der einmal Helmut Moses hieß, als er im Jahr 1940 eben noch aus Haslach fliehen konnte. Seit 22 Jahren kennen sie sich und telefonieren bis heute regelmäßig miteinander. Im Sommer 2020 begleitete Fuß Mosers Enkel; der junge Mann war auf den Spuren seiner Familiengeschichte in den Schwarzwald gereist. Zwei Tage lang führte ihn Fuß durch Haslach, zeigte ihm die ehemaligen Lager am Sportplatz, führte ihn durch die Gedenkstätte, erzählte ihm vom Schicksal des Opas.

          Solche Reisen wie mit dem Enkel macht er heutzutage nicht mehr. Sören Fuß sitzt in seinem beigefarbenen Couchsessel, beugt sich nach vorne, greift auf seine zwei kaputten Knie und legt die rechte Hand auf sein Herz. Er ist 76, er wirkt agil und fit, aber er müsse bald kürzertreten, das lasse ihn sein Körper täglich spüren.

          „Was mit der Gedenkstätte geschieht, wenn ich nicht mehr bin“

          An seinen Bürowänden lehnt eine Bücherwand, vollgestopft mit Büchern und Ordnern, die die NS-Geschichte von Haslach dokumentieren. Sie sortieren sein Wissen über die Gedenkstätte, die Fuß bald in neue Hände geben möchte: Briefe von Überlebenden und deren Familien oder Notizen, wie eine Führung von Anfang bis Ende funktioniert. „Mir tut derjenige leid, der das mal in die Hand kriegt.“ Fuß zieht den wichtigsten Ordner aus dem Regal, legt ihn auf den Schreibtisch und klappt die erste Seite auf, dort steht: „Was mit der KZ-Gedenkstätte ‚Vulkan‘ geschieht, wenn ich nicht mehr bin“.

          Würde er mit heutigem Wissen noch mal die Gedenkstätte ins Leben rufen? Er schiebt die Augenbrauen nach oben, schnauft. „Auf jeden Fall nicht mehr so. Und jetzt weiß ich langsam nicht mehr, wie es mit ‚Vulkan‘ weitergeht.“ Einige Tage später sitzt Fuß gemeinsam mit Himmelsbach auf seiner Terrasse, die beiden denken über die Frage nach. Dann schreibt Fuß eine E-Mail: „Natürlich würde ich es noch mal tun. Die Alternative wäre ja, dass es keine Gedenkstätte gäbe und viele historisch falsche Fakten auf ewig zementiert wären. Vor allem wären auch die vielen freundschaftlichen Kontakte zu Überlebenden und deren Familien nicht entstanden. Herbert und ich sind uns einig, keiner von uns beiden hätte allein das Projekt begonnen, und es gab hier niemanden, der sich mit der Sache befasst hätte.“

          Dunkle Vergangenheit, ungewisse Zukunft: Gelderblom bei der Pflege von „Stolpersteinen“; Fundstücke aus einem Lager.
          Dunkle Vergangenheit, ungewisse Zukunft: Gelderblom bei der Pflege von „Stolpersteinen“; Fundstücke aus einem Lager. : Bild: Jana Margarete Schuler

          Wenn Fuß Erwachsene durch die Gedenkstätte führt, schaut er sie sich besonders gut an, um vorzufühlen, ob jemand dabei ist, der sein Nachfolger werden könnte. Einmal glaubte er fündig geworden zu sein und rief den Kandidaten, einen jungen Lehrer namens Matthias Demmel, an: „Sie wären genau der Richtige. Wollen Sie die Gedenkstätte nicht übernehmen?“ – „Tut mir leid, ich bin Vater von zwei kleinen Kindern, Ehemann, Lehrer und Schulleiter – ich habe mein Leben bereits anders geplant“, habe er ihm gesagt.

          Ein Vollzeitjob

          Eine Gedenkstätte zu übernehmen, wie sie Fuß führt, ist ein Vollzeitjob. Demmel möchte ihm ein wenig unter die Arme greifen, Führungen abhalten – irgendwann. Aber mehr nicht, zumindest nicht allein. Ein weiterer pensionierter Lehrer möchte Menschen durch „Vulkan“ führen; die Archivarbeit, das Administrative bleibt weiterhin an Fuß allein hängen.

          In Berlin sitzt Thomas Lutz, der für die „Topographie des Terrors“ die Verbrechen des Nationalsozialismus aufarbeitet. Kaum einer kennt wohl die Gedenkstätten Deutschlands so gut wie er. Das zunehmend hohe Alter der Generation der Ehrenamtlichen sei zu einem realen Problem geworden, sagt Lutz. Junge Leute hätten andere Lebensentwürfe. „Der Bezug zum Wohnort ist für junge Leute wichtig. Das ermöglicht für sie zu spüren, dass die Geschichte auch mit ihnen zu tun hat, dort, wo sie leben.“ Das sei nachhaltiger, wenn diese Schicksale quasi um die Ecke liegen. Fahren sie einmal in ihrem Leben nach Auschwitz, sei das zwar gut, aber eventuell nicht nachhaltig genug.

          Was passiert mit den Archiven, die Menschen wie Sören Fuß über Jahrzehnte erarbeitet und in ihren Wohnzimmern und Büros in Ordnern abgeheftet haben? Lutz sagt, er und seine Kolleginnen dächten intensiv darüber nach. Sie wollen Mitarbeiter einstellen, die den Nachlass von Menschen wie Fuß sichern. Sie werden durch deren Wohnzimmer und Büros gehen, Notizen abschreiben, Dokumente kopieren, so dass dieses wertvolle Material nicht mit dem Tod der Pensionisten verschwindet.

          Fuß hat alles für eine Versöhnung zwischen Deutschland und den Opfern des Krieges gegeben. Er hofft, dass etwas für die Zukunft bleibt. Dass nicht vergebens war, wofür er gekämpft hat. Dass die Erinnerung nicht schwindet. Dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Und: dass jemand seinen Platz einnimmt.

          548 Kilometer nördlich

          In Hameln, 548 Kilometer nördlich, sitzt Bernhard Gelderblom auf seiner Veranda in bunt gestrickter Weste, mit einer Tasse grünem Tee in der Hand. In seinem wildbewachsenen Garten ragt ein Baum hervor, Wäsche ist zum Trocknen über eine Schnur gespannt, Schmetterlinge flattern umher. Eine Bibelstelle sagt: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ Ein Schicksal, eine Schuld, die viele Kinder verspüren, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden. Bernhard Gelderblom kennt dieses Gefühl, seit er ein kleiner Junge war. Er konnte mit seinem Vater nie über die Zeit des Nationalsozialismus sprechen.

          Gelderbloms Vater trat früh in die NSDAP ein und bekam im frisch besetzten Westpreußen eine Stelle als Baurat, ließ Schulen bauen und habe so an der Germanisierung des von Polen bewohnten Gebiets mitgewirkt, sagt sein Sohn. Sein Vater war Mitglied in der SA, seine Erziehung dementsprechend hart, der Umgangston rauh. Als Jugendlicher geht durch seinen Kopf: „Werde nie wie dein Vater.“

          In Gelderbloms Haus hängen Fotos seiner drei Kinder und seiner Mutter an den Wänden – ein Bild des Vaters fehlt bewusst. Gelderblom hat in der letzten Schublade seines Büros ein Fotoalbum mit Schwarzweißbildern seines Vaters in Uniform. Er hält die Lupe seines Vaters in der Hand, als er die Bilder betrachtet. Dabei macht er die Pose seines Vaters nach, wie er die Fäuste geballt ins Bild hält, Muskeln spielend. „Ich finde das Foto einfach nur peinlich“, sagt Gelderblom. Er habe mit seinem Vater abgeschlossen, aber es macht ihn immer noch wütend. Denn bis zum letzten Atemzug war sein Vater vom Nationalsozialismus überzeugt. Keine Reue. Nichts dergleichen.

          Gespaltenes Erbe

          „Wenn man sich so auf wen fokussiert“, sagt Gelderblom, „wird man doch ähnlicher, als einem lieb ist. Wir beide teilen eine Faszination für Militärisches, obwohl ich mich selbst als Pazifist sehe.“ Im Polizeigebäude Hameln-Pyrmont hat er eine Ausstellung über die Rolle der Hamelner Polizei in der Zeit der Weimarer Republik kuratiert. Wenn er dort die Männer in blauen Uniformen sieht, findet ein Teil in ihm das anmutig, der andere Teil lehnt es regelrecht ab. Er fühlt sich gespalten in seiner Person, „das ist so ein Erbe, das ich von meinem Vater habe“.

          Gelderblom arbeitete 30 Jahre am Gymnasium in Hameln, 2006 ging er in Rente. Jeden Tag fuhr er bei Wind und Wetter mit dem Rad zur Schule. Es ist heute noch sein liebstes Fortbewegungsmittel. Er schwingt sich auf sein Fahrrad, die lederne Lehrertasche aus Schulzeiten geschultert. Darin eine Flasche Wasser und sein schwarzer Terminkalender, der immer mit neuen Veranstaltungen gefüllt wird. Eigentlich sollte er Stress der Gesundheit wegen vermeiden – aber „die Sache“ gehe nun mal vor.

          Wissen war nie wertvoller

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          Er fährt mit seinem schwarzen Hollandrad voran Richtung Innenstadt. Athletisch zieht er an jüngeren Radfahrern vorbei, zeigt auf ein Backsteinhaus. „Hier soll an die zerstörte Synagoge erinnert werden“, erklärt er. Später weist er auf eine schwarze Tafel aus Stein an einer Mauer, die an deportierte Juden erinnert. Sie spricht von 101, inzwischen kennt Gelderblom 118 Namen von verschleppten Juden: „Die Zahl wird weiter steigen.“

          Die Gedenkzeichen sollen bleiben

          Dass diese Tafel hier steht, ist sein Werk. Und nicht nur diese. Gelderblom hat in ganz Hameln für solche Erinnerungszeichen gekämpft, 18 gibt es davon, Tafeln, Denkmäler oder die 78 „Stolpersteine“, um die er sich kümmert. In der Stadt kamen 247 Gefangene, viele von ihnen aus Holland und Belgien, im Außenlager Holzen und auf Todesmärschen ums Leben. Gelderblom hat keine eigene Gedenkstätte wie Fuß errichtet, er kümmert sich wie viele andere Ehrenamtliche in Deutschland aber darum, dass Gedenkzeichen im Ort an den Zweiten Weltkrieg und deren Opfer erinnern. Seit er Lehrer ist, kämpft Gelderblom gegen das Vergessen. Er holte 1994 eine Anne-Frank-Ausstellung nach Hameln und zeigte in diesem Zusammenhang eine Dokumentation über abgebrochene Lebensläufe zu jüdischen Schicksalen.

          Eines Tages in jenem Jahr, es ist Mittag, die Familie mit den drei Kindern sitzt am Tisch und isst, klingelt das Telefon, wie er sich bis heute erinnert. Gelderblom steht auf, hebt ab und hört: „Was machst du da für eine Scheiße mit den Juden? Wir kommen zu dir!“, droht ihm eine Männerstimme. Immer wieder wird er solche Anrufe bekommen. Es folgen Drohbriefe. „Auschwitz ist für euch Untermenschen nicht mehr fern“, steht darin, unterzeichnet vom „Kommando Germania“.

          Er entdeckt Hakenkreuze, die jemand in sein Hoftor eingeritzt hat. Bernhard Gelderblom erstattet Anzeige. Eine Warnung geht bei der Polizei ein: Eine Bombe soll in der Marktkirche deponiert sein, in der die Ausstellung stattfindet. Ein Polizist kommt bei der Eröffnung auf Gelderblom zu. „Sie müssen jetzt als Veranstalter entscheiden, ob wir die Ausstellung abblasen.“ Gelderblom sagt, ihn hätten die Drohungen nur offensiver gemacht. Er habe geantwortet: „Die Veranstaltung findet statt. Jetzt erst recht!“

          Ohne ihn wäre das Wissen verloren gegangen

          Gelderblom zieht den Ärmel seiner Jacke nach hinten und schaut auf seine Uhr. In zehn Minuten hält er einen Vortrag in seiner Polizeiausstellung. Eine Stunde lang hören sieben Erwachsene zu, was Gel­derblom erzählt. Er spricht über die Ausbildung der Polizei, die noch in der Kaiserzeit stattfand, und in welchem Ausmaß es 1933 zu Säuberungen innerhalb der Polizeikorps kam. Ein älterer Mann bedankt sich nach der Ausstellung. „Ohne Gelderblom wäre das ganze Wissen darüber untergegangen.“ Applaus. Gelderblom lächelt, blickt nach unten, ein leises Danke ist zu hören. Ein jüngerer Mann geht zu Gelderblom, zieht sein Handy aus der hinteren Hosentasche hervor, fragt: „Können wir ein Selfie machen?“

          Die Zukunft seiner Forschungs- und Erinnerungsarbeit ist ungewiss. Die Stadt Hameln sagt, dass es zwar nicht die Aufgabe einzelner Menschen wie Gelderblom sei, an die Geschichte zu erinnern. Sie versuchen, Möglichkeiten zu finden, wie sie weiter erfahrbar bleibt. Aber Gelderblom weiß, dass es anders sein wird. „Ich muss damit leben, dass spätere Generationen andere Schwerpunkte setzen. Und einen direkten Nachfolger für mich scheint es nicht zu geben.“

          Fuß sieht das ähnlich. Die Zeiten haben sich verändert. In der Freizeit arbeiten die meisten nicht mehr ehrenamtlich, „sie finden andere Beschäftigungen, Familie und Beruf lassen weniger Spielraum“. Auch wenn Menschen nicht mehr so für das Thema brennen wie die Aufbaugeneration, „es braucht sie zum Erhalt für eine Demokratie“.

          Menschen wie Fuß und Gelderblom archivieren die Vergangenheit. Ohne Geld, ohne Profit – einfach aus Idealismus. Beide haben ihr halbes Leben damit verbracht, an das Leid zu erinnern, das der Nationalsozialismus über so viele Menschen gebracht hat. Inzwischen sind beide alt. Was mit ihren Gedenkorten passiert, wenn sie nicht mehr sind – das weiß noch niemand. Fuß und Gelderblom trennen Hunderte von Kilometern. Sie verbindet ihr Einsatz – und die Zeit, die ihnen davonläuft.

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