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Gedenken an NS-Verbrechen : Den kleinen Erinnerungsstätten fehlt es an Nachwuchs

  • -Aktualisiert am

Bernhard Gelderblom schaut mit der Lupe seines Vaters dessen altes Fotoalbum an. Bild: Jana Margarete Schuler

Auschwitz kennt jeder, Haslach und Hameln nicht. Zwei alte Männer pflegen unbekannte Erinnerungsorte und fürchten: Wir sind die Letzten.

          12 Min.

          Sören Fuß und Bern­hard Gelderblom archivieren die Vergangenheit. Sie sind sich noch nie begegnet. 548 Kilometer trennen sie voneinander, der eine lebt im Norden, der andere im Süden Deutschlands. Gelderblom lässt seit Jahren Gedenktafeln im Ort aufstellen und poliert Stolpersteine, Fuß reiste um die Welt, um überlebende Zwangsarbeiter ausfindig zu machen.

          Die zwei Pensionäre haben eine Aufgabe, die viel Zeit und Kraft kostet. Sie erinnern an zwei von insgesamt über 265 Gedenkorten in ganz Deutschland. Orte, an denen Nationalsozialisten Greueltaten verübten, direkt vor der Haustür.

          Beide sind während des Zweiten Weltkriegs geboren, der eine im Westen, der andere im Osten Deutschlands. Zwei ehemalige Lehrer, die das Bundesverdienstkreuz tragen, weil sie ihre gesamte Freizeit für den Erhalt der Gedenkstätten opfern. Sie führen Schüler und Erwachsene durch die Orte der NS-Diktatur und recherchieren für Angehörige, was aus ihren Verwandten wurde. Dieses Wissen heften sie seit Jahrzehnten feinsäuberlich in Hunderten von Ordnern ab. Wissen, das verlorengeht, wenn sie nicht mehr sind. Denn beide haben den gleichen Feind: die Zeit.

          1700 Zwangsarbeiter, 21 Nationen

          Sören Fuß setzt sich in seinen schwarzen Geländewagen und lenkt ihn durch schmale Dorfgassen, vorbei am Haslacher Marktbrunnen, nickt ehemaligen Schülern zu. „Die Neuntklässler waren immer ganz bewegt, wenn wir über die Gedenkstätte und die Zeit des Nationalsozialismus redeten – da kam der Matheunterricht eben mal zu kurz“, sagt Fuß. Er brettert nach dem Verlassen der Dorfstraße über eine zwei Kilometer lange Bundesstraße, gesäumt von dunklen Tannen. Hier, inmitten des Schwarzwaldes, wirkt die Welt wie unberührt. Aber schon dieser Weg erinnert Fuß an die 1700 NS-Zwangsarbeiter aus 21 Nationen, von denen Hunderte nicht überlebten, gestorben bei dem Versuch der Nazis, in den letzten Kriegstagen in einem Bergwerksstollen einen Rüstungsbetrieb hochzuziehen.

          Fuß biegt von der Bundesstraße ab und fährt eine Waldstraße hinauf, vorbei am Besucherparkplatz. „Diese ganze Strecke mussten die Arbeiter jeden Tag zurücklegen, morgens und abends, manche brachen vor Erschöpfung auf der Straße zusammen“, sagt er. Er parkt seinen Wagen am Beginn eines Waldweges. Dort ist ein Schild aufgestellt: „Gedenkstätte Vulkan“.

          Auf den ersten Blick ist der Wald wie verwunschen. Die Tannen stehen so dicht beieinander, als würden sie flüstern. Die letzten Strahlen der Nachmittagssonne schieben sich durch die Äste, Laub und Moos bedecken den Weg. Hinter dem Berg, von hier nicht sichtbar, liegt eine Mülldeponie, und aus der Ferne hallen Schüsse, keine 300 Meter entfernt ist die Anlage des Haslacher Schützenvereins. Früher beklagte sich Fuß über diesen Lärm und diese Nähe, inzwischen nimmt er es hin. „Es ist nicht ideal, aber wenn eine Gedenkveranstaltung ist, schießen sie nicht. Darauf haben wir uns geeinigt.“

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