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Gedenken an NS-Verbrechen : Den kleinen Erinnerungsstätten fehlt es an Nachwuchs

  • -Aktualisiert am

In Gelderbloms Haus hängen Fotos seiner drei Kinder und seiner Mutter an den Wänden – ein Bild des Vaters fehlt bewusst. Gelderblom hat in der letzten Schublade seines Büros ein Fotoalbum mit Schwarzweißbildern seines Vaters in Uniform. Er hält die Lupe seines Vaters in der Hand, als er die Bilder betrachtet. Dabei macht er die Pose seines Vaters nach, wie er die Fäuste geballt ins Bild hält, Muskeln spielend. „Ich finde das Foto einfach nur peinlich“, sagt Gelderblom. Er habe mit seinem Vater abgeschlossen, aber es macht ihn immer noch wütend. Denn bis zum letzten Atemzug war sein Vater vom Nationalsozialismus überzeugt. Keine Reue. Nichts dergleichen.

Gespaltenes Erbe

„Wenn man sich so auf wen fokussiert“, sagt Gelderblom, „wird man doch ähnlicher, als einem lieb ist. Wir beide teilen eine Faszination für Militärisches, obwohl ich mich selbst als Pazifist sehe.“ Im Polizeigebäude Hameln-Pyrmont hat er eine Ausstellung über die Rolle der Hamelner Polizei in der Zeit der Weimarer Republik kuratiert. Wenn er dort die Männer in blauen Uniformen sieht, findet ein Teil in ihm das anmutig, der andere Teil lehnt es regelrecht ab. Er fühlt sich gespalten in seiner Person, „das ist so ein Erbe, das ich von meinem Vater habe“.

Gelderblom arbeitete 30 Jahre am Gymnasium in Hameln, 2006 ging er in Rente. Jeden Tag fuhr er bei Wind und Wetter mit dem Rad zur Schule. Es ist heute noch sein liebstes Fortbewegungsmittel. Er schwingt sich auf sein Fahrrad, die lederne Lehrertasche aus Schulzeiten geschultert. Darin eine Flasche Wasser und sein schwarzer Terminkalender, der immer mit neuen Veranstaltungen gefüllt wird. Eigentlich sollte er Stress der Gesundheit wegen vermeiden – aber „die Sache“ gehe nun mal vor.

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Er fährt mit seinem schwarzen Hollandrad voran Richtung Innenstadt. Athletisch zieht er an jüngeren Radfahrern vorbei, zeigt auf ein Backsteinhaus. „Hier soll an die zerstörte Synagoge erinnert werden“, erklärt er. Später weist er auf eine schwarze Tafel aus Stein an einer Mauer, die an deportierte Juden erinnert. Sie spricht von 101, inzwischen kennt Gelderblom 118 Namen von verschleppten Juden: „Die Zahl wird weiter steigen.“

Die Gedenkzeichen sollen bleiben

Dass diese Tafel hier steht, ist sein Werk. Und nicht nur diese. Gelderblom hat in ganz Hameln für solche Erinnerungszeichen gekämpft, 18 gibt es davon, Tafeln, Denkmäler oder die 78 „Stolpersteine“, um die er sich kümmert. In der Stadt kamen 247 Gefangene, viele von ihnen aus Holland und Belgien, im Außenlager Holzen und auf Todesmärschen ums Leben. Gelderblom hat keine eigene Gedenkstätte wie Fuß errichtet, er kümmert sich wie viele andere Ehrenamtliche in Deutschland aber darum, dass Gedenkzeichen im Ort an den Zweiten Weltkrieg und deren Opfer erinnern. Seit er Lehrer ist, kämpft Gelderblom gegen das Vergessen. Er holte 1994 eine Anne-Frank-Ausstellung nach Hameln und zeigte in diesem Zusammenhang eine Dokumentation über abgebrochene Lebensläufe zu jüdischen Schicksalen.

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