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Gedenken an NS-Verbrechen : Den kleinen Erinnerungsstätten fehlt es an Nachwuchs

  • -Aktualisiert am

Ein Vollzeitjob

Eine Gedenkstätte zu übernehmen, wie sie Fuß führt, ist ein Vollzeitjob. Demmel möchte ihm ein wenig unter die Arme greifen, Führungen abhalten – irgendwann. Aber mehr nicht, zumindest nicht allein. Ein weiterer pensionierter Lehrer möchte Menschen durch „Vulkan“ führen; die Archivarbeit, das Administrative bleibt weiterhin an Fuß allein hängen.

In Berlin sitzt Thomas Lutz, der für die „Topographie des Terrors“ die Verbrechen des Nationalsozialismus aufarbeitet. Kaum einer kennt wohl die Gedenkstätten Deutschlands so gut wie er. Das zunehmend hohe Alter der Generation der Ehrenamtlichen sei zu einem realen Problem geworden, sagt Lutz. Junge Leute hätten andere Lebensentwürfe. „Der Bezug zum Wohnort ist für junge Leute wichtig. Das ermöglicht für sie zu spüren, dass die Geschichte auch mit ihnen zu tun hat, dort, wo sie leben.“ Das sei nachhaltiger, wenn diese Schicksale quasi um die Ecke liegen. Fahren sie einmal in ihrem Leben nach Auschwitz, sei das zwar gut, aber eventuell nicht nachhaltig genug.

Was passiert mit den Archiven, die Menschen wie Sören Fuß über Jahrzehnte erarbeitet und in ihren Wohnzimmern und Büros in Ordnern abgeheftet haben? Lutz sagt, er und seine Kolleginnen dächten intensiv darüber nach. Sie wollen Mitarbeiter einstellen, die den Nachlass von Menschen wie Fuß sichern. Sie werden durch deren Wohnzimmer und Büros gehen, Notizen abschreiben, Dokumente kopieren, so dass dieses wertvolle Material nicht mit dem Tod der Pensionisten verschwindet.

Fuß hat alles für eine Versöhnung zwischen Deutschland und den Opfern des Krieges gegeben. Er hofft, dass etwas für die Zukunft bleibt. Dass nicht vergebens war, wofür er gekämpft hat. Dass die Erinnerung nicht schwindet. Dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Und: dass jemand seinen Platz einnimmt.

548 Kilometer nördlich

In Hameln, 548 Kilometer nördlich, sitzt Bernhard Gelderblom auf seiner Veranda in bunt gestrickter Weste, mit einer Tasse grünem Tee in der Hand. In seinem wildbewachsenen Garten ragt ein Baum hervor, Wäsche ist zum Trocknen über eine Schnur gespannt, Schmetterlinge flattern umher. Eine Bibelstelle sagt: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ Ein Schicksal, eine Schuld, die viele Kinder verspüren, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden. Bernhard Gelderblom kennt dieses Gefühl, seit er ein kleiner Junge war. Er konnte mit seinem Vater nie über die Zeit des Nationalsozialismus sprechen.

Gelderbloms Vater trat früh in die NSDAP ein und bekam im frisch besetzten Westpreußen eine Stelle als Baurat, ließ Schulen bauen und habe so an der Germanisierung des von Polen bewohnten Gebiets mitgewirkt, sagt sein Sohn. Sein Vater war Mitglied in der SA, seine Erziehung dementsprechend hart, der Umgangston rauh. Als Jugendlicher geht durch seinen Kopf: „Werde nie wie dein Vater.“

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