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Gedenken an NS-Verbrechen : Den kleinen Erinnerungsstätten fehlt es an Nachwuchs

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Suche nach Überlebenden

Gemeinsam mit seiner Frau, auch sie unterstützt ihn, suchte und fand Fuß überlebende Häftlinge. Dann setzte das Ehepaar sich ins Auto und fuhr zu den ehemaligen Zwangsarbeitern nach Frankreich und Holland, um ihre Geschichte zu dokumentieren. Um sie vielleicht sogar mit Deutschland zu versöhnen. Bis in die Vereinigten Staaten reiste das Ehepaar Fuß.

In New York trafen sie Harvey Moser, der einmal Helmut Moses hieß, als er im Jahr 1940 eben noch aus Haslach fliehen konnte. Seit 22 Jahren kennen sie sich und telefonieren bis heute regelmäßig miteinander. Im Sommer 2020 begleitete Fuß Mosers Enkel; der junge Mann war auf den Spuren seiner Familiengeschichte in den Schwarzwald gereist. Zwei Tage lang führte ihn Fuß durch Haslach, zeigte ihm die ehemaligen Lager am Sportplatz, führte ihn durch die Gedenkstätte, erzählte ihm vom Schicksal des Opas.

Solche Reisen wie mit dem Enkel macht er heutzutage nicht mehr. Sören Fuß sitzt in seinem beigefarbenen Couchsessel, beugt sich nach vorne, greift auf seine zwei kaputten Knie und legt die rechte Hand auf sein Herz. Er ist 76, er wirkt agil und fit, aber er müsse bald kürzertreten, das lasse ihn sein Körper täglich spüren.

„Was mit der Gedenkstätte geschieht, wenn ich nicht mehr bin“

An seinen Bürowänden lehnt eine Bücherwand, vollgestopft mit Büchern und Ordnern, die die NS-Geschichte von Haslach dokumentieren. Sie sortieren sein Wissen über die Gedenkstätte, die Fuß bald in neue Hände geben möchte: Briefe von Überlebenden und deren Familien oder Notizen, wie eine Führung von Anfang bis Ende funktioniert. „Mir tut derjenige leid, der das mal in die Hand kriegt.“ Fuß zieht den wichtigsten Ordner aus dem Regal, legt ihn auf den Schreibtisch und klappt die erste Seite auf, dort steht: „Was mit der KZ-Gedenkstätte ‚Vulkan‘ geschieht, wenn ich nicht mehr bin“.

Würde er mit heutigem Wissen noch mal die Gedenkstätte ins Leben rufen? Er schiebt die Augenbrauen nach oben, schnauft. „Auf jeden Fall nicht mehr so. Und jetzt weiß ich langsam nicht mehr, wie es mit ‚Vulkan‘ weitergeht.“ Einige Tage später sitzt Fuß gemeinsam mit Himmelsbach auf seiner Terrasse, die beiden denken über die Frage nach. Dann schreibt Fuß eine E-Mail: „Natürlich würde ich es noch mal tun. Die Alternative wäre ja, dass es keine Gedenkstätte gäbe und viele historisch falsche Fakten auf ewig zementiert wären. Vor allem wären auch die vielen freundschaftlichen Kontakte zu Überlebenden und deren Familien nicht entstanden. Herbert und ich sind uns einig, keiner von uns beiden hätte allein das Projekt begonnen, und es gab hier niemanden, der sich mit der Sache befasst hätte.“

Dunkle Vergangenheit, ungewisse Zukunft: Gelderblom bei der Pflege von „Stolpersteinen“; Fundstücke aus einem Lager.
Dunkle Vergangenheit, ungewisse Zukunft: Gelderblom bei der Pflege von „Stolpersteinen“; Fundstücke aus einem Lager. : Bild: Jana Margarete Schuler

Wenn Fuß Erwachsene durch die Gedenkstätte führt, schaut er sie sich besonders gut an, um vorzufühlen, ob jemand dabei ist, der sein Nachfolger werden könnte. Einmal glaubte er fündig geworden zu sein und rief den Kandidaten, einen jungen Lehrer namens Matthias Demmel, an: „Sie wären genau der Richtige. Wollen Sie die Gedenkstätte nicht übernehmen?“ – „Tut mir leid, ich bin Vater von zwei kleinen Kindern, Ehemann, Lehrer und Schulleiter – ich habe mein Leben bereits anders geplant“, habe er ihm gesagt.

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