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Gedanken zum Totensonntag : Ein Leben auf das Ende hin

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Gestank. Vom Standpunkt des Ästheten ist menschliches Leben eine Zumutung. Der Mensch stinkt. Er müht sich um Reinheit, doch vergeht kein Tag ohne fettglänzende Stirn, Ausdünstung und Ausscheidung. Er wäscht und pflegt sich und raspelt Hornhaut ab, doch noch die luftigste ätherische Erscheinung, die blondeste Fee flatuliert. Erst im Tod entzieht sich der Mensch dem irdischen Gestank. Während der Leib im Verfaulen ein letztes Mal schamlos stinken darf, erlebt der befreite Geist die ersehnte Erlösung einer lausigen Existenz aus Sekreten, Schweiß und Ohrenschmalz.

Leichenhalle. Trete ich im ersten Licht eines hoffnungsfrohen Junimorgens hinaus auf den Balkon, der Blick geht über sattgrüne Auen und den gemütlich das Tal hinabschaukelnden Fluss – Zack! Gähnt es mich an, jenseits von Fluss und Kreisstraße, am Waldrand: das Loch, das offene Visier der Leichenhalle.

Der Dorffriedhof schmiegt sich an den Südhang, Luxuslage für die Toten. Wenn die Gemeinde könnte, wie sie wollte, wäre das Gräberfeld betoniert. Vielleicht wäre es mir sogar recht. Ich müsste nicht länger in diesen Schlund schauen.

An guten Tagen halte ich dem stand und lache mich aus. Neulich aber, als die Gedanken schwer waren, als in der Nacht zuvor das Telefon geläutet hatte und niemand dran war, an jenem Vormittag stand ich versonnen, schaute hinüber und sah, wie dort einer stand, am Eingang zur Leichenhalle. Stand und verharrte, eine dunkle Gestalt. Sie rührte sich nicht und schien herüberzustarren. Ehe ich zur Vernunft kam, bevor ich mir sagte: Na, das hat bloß den Anschein einer Gestalt, es ist nur ein Schatten!, war da die Ahnung: Der Nachtschwarze kommt dich holen!

Dorf. Die Großmutter hat 1929 ins Dorf geheiratet. Das Dorf sollte zu einem unglückseligen Ort werden. Einst war es das zweitgrößte der süddeutschen Judendörfer. Nach dem Krieg gab es keine Juden mehr, nur den Judenfriedhof. Über dem Dorf und den Dächern der Bürgerhäuser, in denen Kaufleute, Viehhändler, Fabrikanten gelebt hatten, schwebt seither der Geist der Toten. Dem Dorf merkt man das nicht an. Es ist ein Idyll, und wissen wollen nur die Touristen aus Amerika und Israel, die übers Jahr im Rathaus vorsprechen und sich für einen Friedhofsbesuch anmelden.

Dort bin ich aufgewachsen. Das Leben im Dorf ist intim und brutal. Binnen einer Stunde ist im Flecken herum, wen der Leichenwagen diesmal abgeholt hat. Es gibt eine Steige, über ein kurzes gerades und immens steiles Stück strebt sie aufwärts, die umgekehrte Schussfahrt ist atemberaubend und lebensgefährlich. Ich weiß von einer Bäuerin, die dort mit zweien ihrer Kinder tödlich verunglückt ist, ich war sechs Jahre alt und sehe die mit Säcken zugedeckten Leichen noch heute. Ich weiß von zwei Betonmischern, die in der Linkskurve unten im Tal geradeaus gerast sind und ins Merksche Wohnhaus geschanzt. Zwei Betonmischer im Abstand von fünf Jahren, es saß jeweils ein Aushilfsfahrer am Steuer, Studenten, beide starben sie, und Karl Merk baute sein Haus zweimal wieder auf.

Mühsal. Ehe die Großmutter geheiratet hatte, war sie 1919 zur Halbwaise geworden, den Vater verlor sie im Krieg. In den folgenden zehn Jahren arbeitete sie in der Uhrenfabrik, den Lohn lieferte sie zu Hause ab, der Stiefvater versoff das Geld. 1939 war sie nach einer Totgeburt das zweite Mal schwanger; 1949 versorgte sie Haus, Garten, Geißen. Eines Sonntags, als ihr Mann sich um die Ziegen kümmern sollte, nahmen die Reißaus und suchten Schutz bei ihr. Der Ehemann knurrte: „Dich mag alles, was keinen Verstand hat.“ 1959 arbeitete sie am Postschalter; 1969 wurde sie zum dritten Mal Oma; 1979 war sie seit drei Jahren Witwe. Meine Oma hat, wie viele Frauen ihrer Generation, ihr Leben in soldatischer Pflicht erfüllt, stoisch, ohne zu jammern.

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