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Geburt eines behinderten Kinds : „Schrecklich, so etwas zu denken“

  • -Aktualisiert am

Im Mutterbauch: ein Ultraschallbild des Kindes aus der 22. Schwangerschaftswoche Bild: Archiv

Sie hat es sich lange überlegt, aber irgendwie konnte sie nicht anders: Die Mutter eines behinderten Kindes verklagt ihre Ärzte, weil diese sie über den Zustand des ungeborenen Kindes falsch informiert hätten.

          7 Min.

          Eine Mutter freut sich auf ihr zweites Kind, es ist gewollt. Nach seiner Geburt wünscht sie, es wäre tot, sie hätte es abgetrieben. Aber sie hatte keine Wahl. So empfindet sie es. Weil die Ärzte ihr den wahren Zustand ihres ungeborenen Kindes nicht sagen wollten oder ihn nicht erkannt haben, obwohl sie es hätten können. So interpretiert sie es. Die Schwangerschaft, die Geburt, das ist alles schon eine Weile her, knapp elf Jahre. Aber es lässt ihr keine Ruhe, sie klagt gegen die Ärzte. Wie lange es auch dauern mag.

          Ihr Sohn kam per Kaiserschnitt auf die Welt. Alle um sie herum hatten sie zu dem Eingriff überredet, dabei wollte sie nicht, weil es immerhin schon der zweite war. Heute bereut sie, dass sie sich hat verleiten lassen: „Bei einer natürlichen Geburt wäre er gestorben.“ Die Nabelschnur hatte sich zwei Mal um den Hals und zu einem Knoten verdreht. Der Körper war blau angelaufen, die kleinen Hände waren steif. Sie hätten ihr das Kind nach der Geburt auch nicht gezeigt, sagt sie. Er kam gleich in einen Brutkasten. Aber dafür prustete in ihrer Erinnerung die Hebamme los: „Wussten Sie, dass Ihr Kind Klumpfüße hat?“ Ja, sie wusste es.

          Ihre Welt brach zusammen

          Das war das Einzige, was sie wusste. Kurz vor der Geburt erfuhr sie noch, dass mit der Niere etwas nicht stimme. Alles andere hat sie wohl irgendwie geahnt.

          Die Unterlagen füllen mehrere Aktenordner, sie hat alles aufgehoben. Schön sauber abgeheftet ist auch das Gedächtnisprotokoll ihrer Schwangerschaft. Am Anfang „war mir furchtbar übel“, heißt es darin. Jede Untersuchung, jede Blutabnahme hält das Protokoll fest. Zum Nacken-Transparenz-Test in der 13. Woche notiert es: kein Down-Syndrom. Drei Wochen später: Es wird ein Junge. Ihr Mann und ihre Tochter waren mit dabei. Ihr Mann solle in einem Monat wieder mitkommen, habe der Arzt gesagt, da werde festgestellt, ob ihr Junge gesund sei. Im Nachhinein findet sie diese Aufforderung merkwürdig, auch dass sie bei diesem Termin am späten Nachmittag die einzige Patientin war, sonst sei die Praxis immer voll gewesen. Ihr Mann konnte nicht, die Diagnose lautete: ausgeprägte Klumpfüße beidseitig.

          Ihre Welt brach zusammen, auch daheim. Weil sie so viel weinte, ihr nur noch eines durch den Kopf ging: „Du kriegst ein behindertes Kind.“ Ein behindertes Kind zu haben – für sie ist es ein Stigma. Sie kann nicht sagen, warum, was sich da bei ihr eingenistet hat, aber so ist es. Weder in ihrer noch in der Familie ihres Mannes hatte jemand Klumpfüße. Das sagten sie dem Professor im Krankenhaus, bei dem sie vier Tage später zum Ultraschall waren. Er bestätigte die Diagnose, wie sie sagt, machte zusätzlich eine Nabelschnurblutentnahme, um die Chromosomen zu untersuchen.

          Ihren Frauenarzt bat sie um psychologische Hilfe, um zu Hause zu funktionieren, ihre Tochter versorgen zu können. Sie war schon vor der Geburt überfordert. „Ich fühle mich einem behinderten Kind nicht gewachsen“, sagte sie ihm. Ihr Mann sei es auch nicht, fügte sie hinzu. Es sei doch nicht schlimm, habe der Frauenarzt erwidert, die Füße seien bloß ein kosmetisches Problem.

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