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Gastbeitrag : Das Thema Gender-Identität überfordert Kinder

  • -Aktualisiert am

Eine Regenbogenfahne wird in Berlin während des Christopher Street Days geschwenkt. (Archiv) Bild: dpa

Für Berliner Kitas wurde eine Handreichung zu Gender-Identität erstellt. Mit der berechtigten Forderung nach Aufklärung hat das aber kaum noch etwas zu tun, stattdessen werden Kinder irritiert, befremdet und überfordert. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          In den Vereinigten Staaten wurde vor kurzem ein Gesetzentwurf („Equality Act“) vorgelegt, der sich als Bürgerrechtsgesetz versteht und jegliche Art von Diskriminierung verhindern soll. „Gender Identity“ und „sexuelle Orientierung“ spielen darin eine wichtige Rolle. Bereits in einem sehr jungen Lebensalter sollen Kinder frei über ihre Gender-Identität entscheiden. Also auch darüber, ob sie abweichend zum biologischen Geschlecht angesprochen werden wollen, Hormone nehmen und sich operativ umwandeln lassen möchten. Das sei ihr elementares Recht, das ihnen niemand nehmen dürfe, auch die Eltern nicht – so lautet der Kern des Gesetzes.

          Einige medizinische und psychologische Fachverbände haben darauf hingewiesen, wie fragwürdig solche Entscheidungen sind, und vor den unumkehrbaren Folgen gewarnt. Ihr Widerspruch blieb jedoch weitgehend folgenlos, schon längst wird wie geplant verfahren. So lassen sich bereits zwölfjährige Mädchen die Brüste abnehmen. Diese hochbedenkliche Entwicklung erhebt Kinder in den Status der Alleinverantwortlichen, reduziert die elterliche Fürsorgepflicht und drängt diese auf ein Minimum zurück. Das dadurch entstandene Vakuum wird von der Transgenderbewegung besetzt. Ihre Lobbygruppen sind inzwischen äußerst einflussreich. Im Bündnis mit Transformationskliniken setzen sie alles daran, dass dem Wunsch der Kinder entsprochen wird, dies mit juristischen Mitteln und dem Anspruch, allein auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Jazz Jennings, Transgenderaktivistin, hat nicht nur mit riesigem Medienerfolg eine „Penis-Farewell-Party“ gefeiert, sondern auch ein auflagenstarkes Kinderbuch „I am Jazz“ geschrieben. Es steht zu befürchten, dass diese Schrift, eine Transformationsapologie, zukünftig noch stärker in die schulische Praxis und in Lehrpläne eingeht.

          Das ist nur ein Beispiel dafür, wie sich eine ursprüngliche Befreiungsabsicht, die persönliche Besonderheit sensibel schützen soll, in ein neues Machtsystem verkehrt hat. Die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse haben sich verschoben. Es geht in erster Linie nicht mehr darum, dass bestehende Diskriminierungen abgebaut werden. Das Gleichheitsstreben dient inzwischen ganz anderen Zwecken. Ziel ist die Vergewisserung und Bestätigung, dass bestimmte Sexualitäts- und Lebensformen im besonderen Maße fortschrittlich, human und aufgeklärt sind. Nicht Gleichstellung und Integration werden gesucht, sondern ihr Gegenteil, Privilegien für das jeweils Eigene und Besondere, ganz im Sinne einer Identitätspolitik.

          Medienkoffer für Kitas

          Dieses Muster findet sich auch in der vorschulischen und schulischen Sexualerziehung wieder. Für Berliner Kindertagesstätten wurde, gefördert durch den Senat des Landes, eine Handreichung „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Themen frühkindlicher Inklusionspädagogik“ erstellt und um einen Medienkoffer „Familien und vielfältige Lebensweisen“ ergänzt, der in Kindertagesstätten eingesetzt werden soll. Entstanden sind die Materialien unter wesentlicher Beteiligung der Bildungsinitiative „Queerformat“, die Themen geschlechtlicher und sexueller Vielfalt aktiv in die frühkindliche pädagogische Arbeit einbringen möchte. Dies sei juristisch zwingend erforderlich und entspreche zudem der Bedürfnislage der Kinder. „In vielen Kitas gibt es einen Murat, der gern Prinzessin spielt, eine Alex, die bei lesbischen, schwulen und transgeschlechtlichen Eltern zu Hause ist, oder einen Ben, der nicht länger Sophie heißen möchte“, heißt es im Einleitungstext. Faktisch kommen diese Phänomene zwar kaum vor, transgeschlechtliche Eltern sind höchst selten und ebenso Kinder, die ihr Geschlecht ändern möchten. Gleichwohl verrät diese paradigmatische Auflistung, in welche Richtung der Wind weht. Das Anliegen der LGBTQ-Gruppierung (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Queer) steht hier in vorderer Reihe.

          In einschlägigen Bilderbüchern werden Kinder mit folgenden Themen konfrontiert: Das Buch „Wo ist Karlas Papa?“ erzählt zum Beispiel die Geschichte der zweijährigen Karla, die von ihrer Mutter weiß, dass sie mit Hilfe eines Samenspenders zur Welt gekommen ist. Oder: „Wie Lotta geboren wurde: Lottas Papa heißt Tobias und er möchte ein Kind. Und wie Lotta in seinem Bauch wachsen kann, ist gar nicht so kompliziert, wie manche Erwachsene denken. Dieses Bilderbuch thematisiert auf altersangemessene Weise transgeschlechtliche Elternschaft.“ Während diese Bildergeschichten bereits für zweijährige Kinder geeignet sein sollen, wird die Messlatte im nächsten Beispiel etwas höher gehängt. Für Vierjährige ist das Buch „Prinzessin Hannibal“ gedacht. Der Inhalt: „Prinz Hannibal hat keine Lust auf Zinnsoldaten, Kettenhemden und Säbelschwingen. Warum darf er nicht so sein wie seine sieben Schwestern? Alle Ratschläge, die er einholt, wie man denn nun eine Prinzessin wird, machen ihn nur noch ratloser. Bis Hannibal schließlich erkennt, dass er die Prinzessin in sich selbst zum Lodern bringen muss.“

          Die LGBTQ-Bewegung schreitet gemeinsam mit Sexualpädagogen wie Sielert, Timmermanns oder Tuider voran, die sich als pädagogische Avantgarde verstehen. In Tuiders einschlägigem Standardwerk „Sexualpädagogik der Vielfalt“ werden dreizehnjährige Schülerinnen und Schüler dazu aufgefordert, Praktiken wie Analsex als Theaterstück darzustellen. Fünfzehnjährige sollen einen „Puff für alle“ beziehungsweise ein „Freudenhaus der sexuellen Lebenslust“ bis ins Detail hinein gestalten, damit sie für „marginalisierte Lebensformen“ und „sexuelle Vorlieben“ sensibilisiert werden. Vierzehnjährige sollen diverse Gegenstände wie Dildos, Vaginalkugeln, Potenzmittel, Handschellen, erotische Geschichten, Aktfotos, Lack/Latex oder Leder den unterschiedlichsten Personengruppen eines Miethauses zuordnen, wobei heterosexuelle Paare mit Kindern interessanterweise nicht vorkommen.

          Altersinadäquate Themen und Inhalte

          Kinder sind dadurch Themen und Inhalten ausgesetzt, die altersinadäquat sind, die sie überfordern, irritieren und befremden. Allzu offensichtlich ist, dass hier Intimitätsschranken überschritten werden und grenzverletzend in das Persönliche eingedrungen wird. „Eine solche Pädagogik ist der Versuch, die Schamgrenzen von Kindern und Jugendlichen aufzubrechen“, so fasst Schmelcher viele Bedenken zusammen. Erziehung darf aber nicht im Namen eines grenzenlosen Befreiungstheorems in Überwältigung umschlagen und Kindern eine unbeschwerte Entwicklung genommen werden. Die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ ist deshalb auf heftige Ablehnung gestoßen, vereinzelt sogar bei denjenigen, die ihr zunächst willig gefolgt sind.

          Längst geht es nicht mehr darum, dass sexuelle Minderheiten und unterschiedliche Lebensformen in ihrer Eigenheit geachtet und vor Entwertungen geschützt werden. Dieses Ziel ist in einer aufgeklärten Gesellschaft sowieso unumstritten, auch bei denjenigen, die sich kritisch von der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ abgrenzen und den Einfluss spezieller Interessengruppen beklagen. Mit der berechtigten Forderung nach moderater Aufklärung über unterschiedliche Geschlechter, Sexualpräferenzen und Lebensformen hat diese Form der Sexualpädagogik kaum noch etwas zu tun. Kinder und Jugendliche sollen durch die „gendergerechte“ Pädagogik in eine bestimmte weltanschauliche Position gedrängt werden. Geleitet von partiellen Interessen, die sich im Namen der Antidiskriminierung und in der Gewissheit einer moralischen Überlegenheit in Szene setzen. Heterosexualität und die klassische Familie werden inzwischen in eine Randposition gedrängt. Sie gelten fast schon als etwas Exotisches, das sich besonders legitimieren muss. Judith Butlers Rede von der Heterosexualität als Zwangsheterosexualität steht unwidersprochen im Raum, ebenso wie ihr dezidierter Wunsch, eine Geschlechterverwirrung herbeizuführen. Das sollte zu denken geben. Damit gerät jene Lebensform in Verruf, die von der großen Bevölkerungsmehrheit als stimmig und für sich passend erlebt und gelebt wird.

          Hier fehlt es an Mut zu entschiedenem Widerspruch, auch von politisch verantwortlicher Seite. Nicht dass die Interessen von LGBTQ-Gruppen beachtet werden, ist das Problem, sondern die Dominanz, die sie in Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien erringen konnten. Ein Grund dafür liegt in der in weiten Teilen der Gesellschaft verbreiteten Sorge, als unaufgeklärt, rückständig und minderheitenfeindlich dazustehen. Mehr noch: so gebrandmarkt zu werden. Der große Einfluss, den die Transgender-Bewegung in den Vereinigten Staaten errungen hat, ist ein weiteres Symptom für eine Entwicklung, in der die Identitätspolitik über immer mehr Macht verfügt. Kaum ein Politiker, Arzt oder Wissenschaftler möchte sich dort dem Vorwurf der „Transphobie“ aussetzen, selbst dann, wenn er offensichtlich unbegründet ist. Dafür wird in Kauf genommen, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr den Schutz und die Fürsorge erhalten, auf die sie in ihrer Entwicklung dringend angewiesen sind.

          Die Autoren

          Bernd Ahrbeck ist Erziehungswissenschaftler und Professor für Psychoanalytische Pädagogik an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin. Marion Felder ist Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für Inklusion und Rehabilitation an der Hochschule Koblenz.

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