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Die Welle seines Lebens

Von SEBASTIAN EDER

28. November 2016 · Der amerikanische Surfer Garrett McNamara hat in einem kleinen Ort in Portugal das große Glück gefunden.

Nazaré, im November. Miguel Cruz ist ein alter Fischer. Er steht neben zwei Kollegen im Hafen von Nazaré vor einer Garage, hinter ihnen stapeln sich Angelnetze, tote Fische liegen neben Ködern in Kisten, Angelleinen hängen von der Decke. Was die Fischer gerade machen? „Reden, rauchen, Netze flicken“, sagt Cruz. „Wenn wir nicht auf dem Meer sind, sind wir immer hier.“ Etwa 200 Fischer gibt es in dem portugiesischen Ort, manche von ihnen schlafen sogar in den Garagen.

© Jorge Leal, AP, dapd Garrett McNamara beim Surfen der bis dahin größten gerittenen Welle im November 2011. Experten gehen von einer Wellenhöhe von etwa 24 Metern aus.

Vor ein paar Jahren mischte sich ein exotischer Gast unter sie: Der Amerikaner Garrett McNamara hat sich eine Garage am Hafen gemietet, darin stehen zwei Jet-skis, daneben ragen riesige Surfbretter bis an die Decke, Neoprenanzüge hängen an der Wand. McNamara jagt keine Fische, er ist hinter den größten Wellen der Welt her. Vor fünf Jahren, im November 2011, ließ er sich vor Nazaré von einem Jetski in einen 24-Meter-Brecher hineinziehen, er entkam lebend, bis heute ist das die größte Welle, die je ein Mensch gesurft ist.

„Wir respektieren die Surfer, wir wissen, wie groß diese Wellen sind“, sagt der Fischer Cruz. „Und unserem Ort hat das sehr geholfen. Früher hatten wir im Winter kaum Gäste. Jetzt kommen sie aus der ganzen Welt, um die Surfer zu sehen.“

  • © Picture Alliance Der Strand Praia do Norte in Nazaré, Portugal
  • © AFP Nazaré ist für seine großen Wellen bekannt.
  • © EPA Eine Menschenmenge versammelt sich am Strand, um einen Surfer beim Reiten einer Welle zu beobachten.
  • © Carlo Drechsel Die Fischer im Ort freuen sich über die Gäste aus aller Welt, die die Surfer nach Nazaré bringen.

Garrett McNamara verbringt die Big-Wave-Saison im Winter mit seiner Frau und seinem Sohn Barrel in der 10000-Einwohner-Stadt 100 Kilometer nördlich von Lissabon. Aufgewachsen ist er als Kind zweier Hippies in einer Kommune in Kalifornien. Als er elf Jahre alt war, zog die Mutter mit ihm und seinem Bruder nach Hawaii, in das Armenviertel Cement City. Alte Surfbretter gibt es auf Hawaii genug, McNamara verbrachte bald den ganzen Tag im Wasser. Mit 17 Jahren wurde er zur berühmten „Triple-Crown“-Wettkampfserie eingeladen, er gewann 250 Dollar. „Als Surfer musst du mit elf Jahren die ersten Contests gewinnen und nicht erst mit dem Sport anfangen.“

Aber es gab Nischen, in denen er sich einrichten konnte. Er surfte riesige Wellen vor Japan, ließ sich fotografieren und fand ein paar Sponsoren. Als Mitte der neunziger Jahre der Trend aufkam, sich mit Jetskis in Wellen ziehen zu lassen, die zu groß und zu schnell waren, um sie anzupaddeln, ergriff McNamara die Chance. „Ich war nicht gut genug, um mich in kleinen Wellen gegen Hunderte Surfer durchzusetzen, aber weit draußen auf dem Meer, in riesigen Wellen, war ich einer der Besten.“ Trotzdem schaffte er den Durchbruch nicht. Stattdessen eröffnete er mit Anfang 30 einen Klamottenladen auf Hawaii. „Drei Jahre saß ich im Geschäft, habe Geschichten erzählt und bin depressiv geworden. Mir fehlte das Surfen.“

© AP McNamara, gebürtiger Amerikaner, kam 2010 nach Nazaré.

Etwa zur gleichen Zeit hatte auch ein portugiesischer Surfer, dessen Weg sich bald mit seinem kreuzen sollte, mit einer Lebenskrise zu kämpfen. Hugo Vau ist heute 39 Jahre alt, er surfte schon als Kind, wurde aber erst mal Lehrer, Schuldirektor. Dann merkte er, dass ihn der Job nicht glücklich machte. „Ich wollte hinaus aufs Meer.“ Seine zweite Leidenschaft war das Fischen, also kündigte er seinen Job, zog auf die Azoren, kaufte sich ein altes Boot und wurde Fischer. Gleichzeitig entdeckte er das Surfen mit Jetskis für sich. Aber er fand keinen guten Partner. 2007 hörte er wieder auf. „Das Surfen gab mir nicht mehr so viel.“ Er begann mit Tennis.

Auch Garrett McNamara änderte sein Leben radikal. Er schloss 2002 seinen Klamottenladen, meldete sich für den wichtigsten Big-Wave-Wettkampf auf Hawaii an – und gewann. Mit 35 Jahren war er plötzlich wieder Surf-Profi. Aber richtig glücklich wurde er nicht, er trennte sich von seiner Frau, mit der er zwei Kinder hat, und streunte über den Globus.

Es waren dann ein paar Wellenreiter in Portugal, die McNamara und Vau einen neuen Lebensinhalt gaben. Der Fotograf Jorge Leal war einer von ihnen, er kommt eigentlich aus Porto, aber er liebt Nazaré. Im Winter beobachtete er mit seinen Freunden immer wieder die gigantischen Wellen. Auf Nazaré läuft unter der Meeresoberfläche ein mehrere hundert Meter tiefer Canyon zu, darin sammeln sich die Wellen, bauen sich zehn, zwanzig, dreißig Meter hoch auf, bevor sie an der Küste zerschellen. „Wir haben die Wellen gesehen, aber wir hatten nicht die Möglichkeiten, sie zu surfen“, sagt Leal. Also schrieben er und seine Freunde berühmte Big-Wave-Surfer an und fragten, ob sie nicht Lust hätten, sich diese Welle mal anzuschauen. „Wir haben nicht erwartet, dass jemand antwortet.“ McNamara antwortete.

© AP Garrett McNamara beim Surfen einer riesigen Welle im Januar 2013.

2010 reiste er an, zusammen mit den Portugiesen fuhr er an die Küste. „So was hatte ich noch nie gesehen“, sagt er. Er surfte die ersten Wellen, dann organisierte er einen Wettkampf. Auf der Suche nach einem fähigen Rettungsschwimmer nannte ihm jemand den Namen des Fischers Hugo Vau. Der hatte schon früher bei Wettkämpfen in Nazaré ausgeholfen. „Mein Telefon hat geklingelt, und Garrett McNamara war dran“, sagt Vau. „Ich bin sofort los.“ Vor dem Wettkampf zog er McNamara noch mit dem Jetski in ein paar Wellen. „Garrett war so begeistert, dass er mich gefragt hat, ob ich bei dem Wettkampf mitmachen will“, sagt Vau. Er wurde Dritter. Seitdem lebt Vau nur noch im Sommer auf den Azoren als Fischer, den Winter verbringt er als McNamaras Partner im Wasser in Nazaré. 2015 qualifizierte er sich für das Finale des „Big Wave XXL Awards“, bei dem jedes Jahr die größte gerittene Welle des Jahres gekürt wird.

McNamara heiratete unterdessen in dem Leuchtturm auf den Felsen vor der Brandung von Nazaré. Für seine Flitterwochen schaffte er eine Matratze in den alten Leuchtturm, der erst auf sein Drängen wieder eröffnet wurde. An Tagen mit großen Wellen strömen mittlerweile Tausende Schaulustige Richtung Leuchtturm, Surfcamps karren ihre Kunden mit Reisebussen an, meistens muss die Zugangsstraße wegen zu großen Andrangs gesperrt werden. Vau sagt: „Garrett hat dem ganzen Ort, dem ganzen Land neue Hoffnung gegeben. Wenn du mit ihm durch die Straßen läufst, kommen die Leute, umarmen ihn und bedanken sich.“

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Aber Nazaré hat auch McNamara viel gegeben. Er ist mit 49 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Weltrekord hat ihn zum Superstar gemacht, gesponsert wird er mittlerweile von Mercedes. Trotzdem hinterlässt das Alter auch bei ihm Spuren: Anfang des Jahres paddelte er in Mavericks, Kalifornien, in die wohl größte Welle, die dort je angepaddelt wurde. Er stürzte, krachte aufs Wasser, seine Schulter zersprang in neun Teile. Die erste Operation ging schief, er musste noch mal aufgeschnitten werden. „Das letzte Jahr war das schlimmste meines Lebens“, sagt McNamara. „Das waren unfassbare Schmerzen.“

Mittlerweile ist er wieder auf den Füßen, er war an den großen Tagen schon wieder auf dem Jetski draußen vor Nazaré. Selbst will er seine erste richtig große Welle erst im Januar in Kalifornien surfen, dort, wo er genau ein Jahr vorher gestürzt ist. „Um das Trauma zu überwinden.“ Solange riskiert er seine Gesundheit, um seine portugiesischen Freunde in Wellen zu ziehen und sie zu retten, wenn sie stürzen.

© Carlo Drechsel McNamara und sein Jetski

In Portugal ist McNamara auch deswegen so beliebt, weil er kein Team aus amerikanischen Profis um sich geschart hat, sondern mit den Einheimischen arbeitet. Vau ist bis heute sein Surf-Partner, als Fotograf steht Jorge Leal auf dem Felsen. Fast jeden Abend gehen die Freunde in das Fischlokal „Celeste“ am Strand. „Hallo Mama“, ruft McNamara an einem Abend im November in die Küche. Restaurant-Besitzerin Celeste spricht kein Englisch, aber man versteht sich, sie nimmt ihn in den Arm. An der Wand hängen riesige Plakate von McNamaras Abenteuern.

Der Surfer setzt sich mit Vau und Leal an einen Tisch, wenig später haben sie Teller mit riesigen Fischen vor sich und erzählen Geschichten. Der Wind peitscht gegen die Fensterscheiben. Leal sagt: „Der Personenkult ist schon Wahnsinn. Es gibt mittlerweile sogar einen Porno, der in Nazaré spielt, der Hauptdarsteller ist Surfer, sieht aus und heißt so ähnlich wie Garrett.“ McNamara wird rot, alle lachen. Frage an Leal: Können Sie vom Fotografieren hier eigentlich leben? „Davon leben?“, fragt er und strahlt in die Runde. „Natürlich nicht.“ Wieder großes Gelächter.

Dann erzählt der Fotograf die nächste Geschichte: Einmal nahm ihn McNamara auf dem Jetski mit raus aufs Meer. Gerade als sie dort ankamen, wo die monströsen Brecher einschlugen, gab der Jetski den Geist auf. Eine riesige Welle tauchte am Horizont auf. Ihr Freund Vau raste auf einem zweiten Jetski heran, aber es war nicht mehr genug Zeit, um die beiden Jet-skis mit einem Abschleppseil zu verbinden. Also schnappte sich Vau das Abschleppseil, gab Gas, und zog den Jetski mit bloßen Händen auf die sich aufbäumende Welle zu. „Ich habe die ganze Zeit überlegt, ob ich abspringen soll“, sagt Leal. Er entschied sich dagegen, gerade so schafften es die drei Freunde über die Welle. Zum Glück tauchte dahinter keine größere auf. „Sonst wäre es vorbei gewesen“, sagt Leal. Ob es noch mehr solcher Geschichten gibt? „Ich könnte die ganze Nacht weitererzählen.“

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 28.11.2016 13:40 Uhr