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Uh! : Wie Island dem EM-Viertelfinale entgegenfiebert

Das Gesicht der Europameisterschaft: Public Viewing in Reykjavík ist in diesen Tagen ein grenzenloser Spaß. Bild: AFP

Von den insgesamt 330.000 Isländern haben 27.000 Karten für Spiele in Frankreich gekauft. Und auch die Stimmung in Reykjavík ist gewaltig. Sie schwappt schon auf die Nachbarländer über.

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          Es ist jetzt auch nicht so, dass in Island dieser Tage alles rund läuft. Nicht einmal für Gudmundur Benediktsson. Der isländische Fußballkommentator hat es mit seinen Freudenschreien bei der Europameisterschaft zu einiger Berühmtheit gebracht. So laut und heiser kreischt er, bis schließlich nur noch ein Fiepen zu hören ist, als hätte das Mikrofon den Geist aufgegeben. Nach dem Schlusspfiff beim isländischen Triumph im Achtelfinale presste Benediktsson noch ein paar Abschiedsgrüße für die unterlegenen Engländer heraus („Geht nach Hause, haut ab aus Europa, geht wo immer ihr auch hin wollt“) und natürlich: „Wir fahren nach Paris, wir gehen nicht nach Hause.“ Im Internet ist sein Jubel längst der Hit. Als Moderator läuft also alles bestens.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Weil man davon in Island aber offenbar nicht leben kann, hat Benediktsson auch einen richtigen Job. Genaugenommen: hatte. Er war Co-Trainer beim KR Reykjavík, dem isländischen FC Bayern München. Weil es dort aber in diesem Jahr so gar nicht lief wie bei Bayern München, hat sich der Verein nun – während der EM – von seinem Trainerteam getrennt. Und der berühmte Moderator ist ein arbeitsloser Trainer.

          Man darf aber annehmen, dass selbst das die Begeisterung auf der Insel im Norden nicht nachhaltig zu trüben vermag. Es ist nicht so, dass Island keine Erfahrung mit sportlichem Erfolgserlebnissen hätte – die Handballer sind schon lange gut und 2015 schafften es die Basketballer zur Europameisterschaft. Doch es ist einzigartig, was in diesen Tagen in dem kleinen Land mit gut 330.000 Einwohnern los ist. Laut dem Internetdienst „Icelandmonitor“ haben zum Beispiel fast 27.000 Isländer Karten für Spiele in Frankreich gekauft.

          Sogar auf die Statue von Ingólfur Arnarson, erster Siedler in Reykjavík, kletterten Fans beim Public Viewing gegen England, um besser sehen zu können.
          Sogar auf die Statue von Ingólfur Arnarson, erster Siedler in Reykjavík, kletterten Fans beim Public Viewing gegen England, um besser sehen zu können. : Bild: AFP

          Woher kommt nur der martialische Uh-Jubel?

          Beim Achtelfinale gegen England wurden über viele Stunden die Straßen der Innenstadt von Reykjavík, der Hauptstadt, gesperrt, damit Tausende zum Public Viewing auf den Arnarhóll ziehen konnten, den Hügel im Zentrum. Einige kletterten schließlich gar auf die Statue von Ingólfur Arnarson, um besser sehen zu können. Arnarson war der erste Siedler in Reykjavík, er traf gegen 874 auf der Insel ein. Während des Spiels und kurz danach versuchten auf einer Reiseseite im Internet nach eigenen Angaben bis zu 71.000 Isländer herauszufinden, ob und wie sie jetzt noch nach Paris kommen könnten. Dort findet am Sonntag das Viertelfinale gegen Frankreich statt. Da das gar nicht mehr so einfach ist, empfiehlt die Seite alternative Flughäfen: London, Brüssel, Luxemburg. Dann weiter mit Zug oder Auto.

          Der Erfolg der Isländer ist so monumental, dass nicht nur ausführlich im Ausland darüber diskutiert wird, woher nur der martialische Uh-Jubel der Fans kommt, der ganz langsam einsetzt, um schließlich wie eine Welle über den Spielern zusammenzubrechen (nicht von den Wikingern, aus Schottland). Nach Angaben von Google Trends hat der Erfolg bei der Europameisterschaft auch noch weit mehr Interesse an dem Land der Vulkane und Elfen hervorgerufen, als einst der Ausbruch des unaussprechlichen Eyjafjallajökull.

          Als Island England im Achtelfinale besiegte, war die Freude gewaltig. Und die Einschaltquote beim Sender, der das Spiel übertrug, lag bei 99,3 Prozent.
          Als Island England im Achtelfinale besiegte, war die Freude gewaltig. Und die Einschaltquote beim Sender, der das Spiel übertrug, lag bei 99,3 Prozent. : Bild: AFP

          Auch auf die Nachbarn in Skandinavien ist die Begeisterung übergeschwappt. Nach Schweden zum Beispiel, das trotz Gott in der Startelf (Zlatan Ibrahimovic) die EM-Vorrunde nicht überstanden hat und dessen Lage vielleicht am besten eine Karikatur beschreibt, die im Internet kursiert: Sie zeigt Homer Simpson in einem schwedischen Fan-Shirt, wie er sich nach dem Ausscheiden erst verschüchtert in einen Busch verzieht, nur um dann in einem Island-Shirt wieder hervorzutreten.

          In Norwegen geht die Zuneigung zu den Isländern sogar soweit, dass man sie ins eigene Heim einlädt. Viele Isländer hätten schon ihren Sommerurlaub in Norwegen gebucht gehabt, berichtet „Icelandmonitor“. Da nun aber kein Isländer das „historische“ Spiel am Sonntag verpassen sollte, haben Norweger eine Internetseite aufgebaut, die urlaubende Isländer in norwegische Wohnzimmer vermittelt. Vielleicht haben sie dann Glück und können sogar noch den Original-Kommentar von Gudmundur Benediktsson zum Spiel hören. In Island jedenfalls hatte sein Sender beim Spiel gegen England einen Marktanteil von 99,3 Prozent.

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