https://www.faz.net/-gum-9t374

Reichspogromnacht in Wien : „Wir haben eine Zeitkapsel geöffnet“

Bruchstücke einer Gedenktafel aus der ehemaligen Synagoge Malzgasse Bild: Machsike Hadass Wien

Auch in Wien zerstörte der Nationalsozialismus das jüdische Leben. Ein archäologischer Fund zeugt nun von der jüdischen Gemeinde, die bis zur Reichspogromnacht existierte.

          4 Min.

          Für Arieh Bauer war es zunächst nur ein Loch in der Kellerwand. Bauer ist Generalsekretär des jüdischen Schulvereins „Machsike Hadass“ in der Wiener Malzgasse 16. Die Schule prosperiert, samt Kita und Fachschule werden rund 400 Kinder an zwei Standorten unterrichtet, und die Gebäude in der Malzgasse platzen aus allen Nähten. Man braucht mehr Platz. Deshalb ging Bauer im Frühjahr 2018 mit Bauplänen aus dem Archiv in den Keller. Nach den Plänen mussten dort weitere Räume sein. Irgendjemand hatte wohl schon einmal nachgesehen, es waren zwei Löcher in der Wand.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Erst einmal hielt Bauer seine Kamera hinein. Eines der Löcher war ein Blindgänger, aber beim anderen zeigten die Bilder tatsächlich einen Raum, bis unter die Decke voll Schutt. Und im Schutt fanden sich Bruchstücke und Überbleibsel eines früher hier blühenden, vor 81 Jahren brutal zerstörten Gemeindelebens. Ein Schulkalender aus dem Jahr 1929, verkohltes Holz, zerstörte Grabplatten. „Wir haben eine Zeitkapsel geöffnet,“ sagt Bauer. Schon bald wurde klar, dass man hier mit bloßen Händen nicht weiterkam und der Schulverein alleine mit dem Fund überfordert war. Das österreichische Bundesdenkmalamt wurde hinzugezogen. Stück für Stück wurde der Schutt abgetragen – bei laufendem Schulbetrieb wohlgemerkt. Geborgen wurden mehrere hundert Objekte. Aus diesem Fund hat das Haus der Geschichte Österreich jetzt eine Ausstellung zusammengestellt unter dem Titel „Nicht mehr verschüttet“.

          Dass sich in der Malzgasse 16 ein jüdisches Zentrum befindet, hat eine Tradition bis ins vorletzte Jahrhundert. Um 1870 Jahren wurde hier eine Talmud-Thora-Schule eingerichtet. 1906 kam eine Synagoge hinzu. 1913 wurde ein jüdisches Museum eröffnet, es soll das erste seiner Art in der Welt gewesen sein. Gesammelt wurden dort Exponate zu Ritus und Gemeindeleben. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die Schule und die Synagoge zerstört. Die nationalsozialistischen Machthaber ordneten an, dass die Israelitische Kultusgemeinde in den Gebäuden von 1939 an ein „Alten- und Siechenheim“ einrichtete. Dann wurde die erzwungene Nutzung noch dunkler: 1942 diente die Malzgasse 16 als „Sammellager“ für Juden vor ihrer Deportierung aus Wien – zum großen Teil in die Vernichtungslager. Später wurde hier bis Kriegsende ein Spital betrieben. Der Schutt aus Synagoge und Schule war auf Anordnung der Obrigkeit in den Keller geschafft und eingemauert worden.

          Die schwierige Rückkehr

          Nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft kamen wieder Juden nach Wien. Einige waren Rückkehrer, die nicht gerade von allen, auch nicht von allen Behörden, mit offenen Armen empfangen wurden. Einige waren „Displaced Persons“, wie es damals hieß, und strandeten in Wien. Ein Zustrom kam aus Ungarn nach dem niedergeschlagenen Aufstand gegen die Kommunisten 1956: Viele der Flüchtlinge waren Juden, so auch die Großmutter von Erwin Steiner, dem Obmann (Vorsitzenden) des Schulvereins. Sie hatte die Verfolgung in einem Kellerversteck in Budapest überlebt.

          Steiner war selbst Schüler in der Malzgasse 16, nachdem Mitte der fünfziger Jahre das Haus an den Schulverein zurückgegeben worden war. Es dauerte noch bis in die siebziger Jahre, bis die Malzgasse 16 als Schule öffentlichen Rechts anerkannt wurde. Damals stattete dann auch Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ) einen Besuch ab. Zuvor mussten die Schüler, wie Steiner sich erinnert, Jahr für Jahr eine Prüfung in einer öffentlichen Wiener Schule ablegen, um das Niveau nachzuweisen, das zum „Aufstieg“ in die folgende Klasse nötig war. Sie wurden einzeln in Klassen von 30 anderen Schülern gesteckt, „wenn die Lehrerin nett war, hat sie die anderen mitgeprüft“, damit der eine Prüfling nicht so exponiert war.

          Wo die Welten sich treffen: das Ziffernblatt einer Uhr. Die Ziffern sind römisch, die Buchstaben lateinisch und hebräisch. Bilderstrecke

          Die meisten Stücke, die nun im Haus der Geschichte in einer langgestreckten Vitrine gezeigt werden, wurden für die Ausstellung nur grob gereinigt. „Mehr wäre der Idee der Ausstellung nicht angemessen,“ sagt Direktorin Monika Sommer. Es soll ja gerade der Bruch zu sehen sein. Auch der Ort, an dem die Vitrine aufgestellt wurde, ist nicht zufällig gewählt: Sie steht direkt vor den Glastüren, die auf den Altan der Neuen Hofburg hinausführen – jenen „Balkon“, auf dem Adolf Hitler im Mai 1938 an die Menge auf dem Heldenplatz gesprochen hat. Da sind zum Beispiel sechs Tintenfässer aus Glas, die erstaunlicherweise unversehrt erhalten geblieben sind. Ein Rasierpinsel aus Naturhaar zeugt von Alltagsleben, das hier stattfand. Bedrückend ist daneben ein deformierter Torso einer Puppe aus Kunststoff. Bruchstücke zweier Steintafeln liegen da, die von Gemeindemitgliedern zum Gedenken an ihre Eltern gestiftet und vermutlich an der Wand der Synagoge angebracht gewesen waren. Einige jahrhundertealte Grabsteine stammen aus dem einstigen jüdischen Museum, ebenso eine Chanukka-Lampe mit Löwenskulptur.

          Die meisten Stücke aus dem Museum, die als irgendwie wertvoll erachtet worden waren, wurden von den Nationalsozialisten gestohlen und verstreut. Einige davon wurden nach dem Krieg zurückerstattet und sind teilweise im Jüdischen Museum Wien ausgestellt. Als herausragender Überrest der ehemaligen Ausstattung der Synagoge werden drei Zifferblätter einer Uhr ausgestellt, mit römischen Ziffern, lateinischen und hebräischen Buchstaben. Auch Teile des eisernen Geländers der Lesebühne, stark verrostet, sind erhalten. Dann sind da, teilweise noch ineinander gestapelt, Töpfe und Teller aus Email. Sie stammten aus der Einrichtung der Gemeinde, um Bedürftige zu speisen. Warum das Geschirr in den Schutt gegeben und nicht für das Altenheim verwendet wurde, ist unklar. Verkohlte Bücher und Hölzer, verrostete Eisenteile, geborstene Grab- oder Gedenkplatten neben den Kult-, Schul- und Alltagsgegenständen, all das zeugt nach den Worten von Kuratorin Birgit Johler „von der Vielfalt jüdischen Lebens, aber auch dem Gewaltausbruch“, der es beendete.

          Gleichsam ein Teil der Asservatenkammer des Verbrechens vom 9. November sind die Überreste zweier Brandsätze, die ebenfalls im Schutt lagen. Sie wurden als solche von Fachleuten des Bundesheeres identifiziert (und als inzwischen ungefährlich klassifiziert). Warum lagen auch sie in dem Schutt? Vielleicht wurden sie zufällig mit hineingeschaufelt. Vielleicht wollte aber auch jemand für die Nachwelt ein Beweismittel sichern. Immerhin geben die Brandsätze Zeugnis gegen die Legende, die damals von der nationalsozialistischen Führung verbreitet wurde, das Pogrom sei Ausdruck eines spontanen Volkszorns gegen „die Juden“. Von manchen Zeitgenossen wurde übrigens auch der zwiespältige Begriff „Reichskristallnacht“ als subversive Verneinung dieser Propagandabehauptung aufgefasst – war doch die Vorsilbe „Reichs-“ sonst bei offiziell angeordneten Veranstaltungen üblich.

          Weitere Themen

          Gespür als Talent

          Zum Tod von Mathias Schreiber : Gespür als Talent

          Über das Erbe des Kolonialismus und Raubkunst schrieb er schon vor fast vierzig Jahren. Doch nicht nur bei diesem Thema war der Feuilletonist Mathias Schreiber anderen weit voraus. Jetzt ist er im Alter von 76 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.