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Reichspogromnacht in Wien : „Wir haben eine Zeitkapsel geöffnet“

Bruchstücke einer Gedenktafel aus der ehemaligen Synagoge Malzgasse Bild: Machsike Hadass Wien

Auch in Wien zerstörte der Nationalsozialismus das jüdische Leben. Ein archäologischer Fund zeugt nun von der jüdischen Gemeinde, die bis zur Reichspogromnacht existierte.

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          Für Arieh Bauer war es zunächst nur ein Loch in der Kellerwand. Bauer ist Generalsekretär des jüdischen Schulvereins „Machsike Hadass“ in der Wiener Malzgasse 16. Die Schule prosperiert, samt Kita und Fachschule werden rund 400 Kinder an zwei Standorten unterrichtet, und die Gebäude in der Malzgasse platzen aus allen Nähten. Man braucht mehr Platz. Deshalb ging Bauer im Frühjahr 2018 mit Bauplänen aus dem Archiv in den Keller. Nach den Plänen mussten dort weitere Räume sein. Irgendjemand hatte wohl schon einmal nachgesehen, es waren zwei Löcher in der Wand.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Erst einmal hielt Bauer seine Kamera hinein. Eines der Löcher war ein Blindgänger, aber beim anderen zeigten die Bilder tatsächlich einen Raum, bis unter die Decke voll Schutt. Und im Schutt fanden sich Bruchstücke und Überbleibsel eines früher hier blühenden, vor 81 Jahren brutal zerstörten Gemeindelebens. Ein Schulkalender aus dem Jahr 1929, verkohltes Holz, zerstörte Grabplatten. „Wir haben eine Zeitkapsel geöffnet,“ sagt Bauer. Schon bald wurde klar, dass man hier mit bloßen Händen nicht weiterkam und der Schulverein alleine mit dem Fund überfordert war. Das österreichische Bundesdenkmalamt wurde hinzugezogen. Stück für Stück wurde der Schutt abgetragen – bei laufendem Schulbetrieb wohlgemerkt. Geborgen wurden mehrere hundert Objekte. Aus diesem Fund hat das Haus der Geschichte Österreich jetzt eine Ausstellung zusammengestellt unter dem Titel „Nicht mehr verschüttet“.

          Dass sich in der Malzgasse 16 ein jüdisches Zentrum befindet, hat eine Tradition bis ins vorletzte Jahrhundert. Um 1870 Jahren wurde hier eine Talmud-Thora-Schule eingerichtet. 1906 kam eine Synagoge hinzu. 1913 wurde ein jüdisches Museum eröffnet, es soll das erste seiner Art in der Welt gewesen sein. Gesammelt wurden dort Exponate zu Ritus und Gemeindeleben. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die Schule und die Synagoge zerstört. Die nationalsozialistischen Machthaber ordneten an, dass die Israelitische Kultusgemeinde in den Gebäuden von 1939 an ein „Alten- und Siechenheim“ einrichtete. Dann wurde die erzwungene Nutzung noch dunkler: 1942 diente die Malzgasse 16 als „Sammellager“ für Juden vor ihrer Deportierung aus Wien – zum großen Teil in die Vernichtungslager. Später wurde hier bis Kriegsende ein Spital betrieben. Der Schutt aus Synagoge und Schule war auf Anordnung der Obrigkeit in den Keller geschafft und eingemauert worden.

          Die schwierige Rückkehr

          Nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft kamen wieder Juden nach Wien. Einige waren Rückkehrer, die nicht gerade von allen, auch nicht von allen Behörden, mit offenen Armen empfangen wurden. Einige waren „Displaced Persons“, wie es damals hieß, und strandeten in Wien. Ein Zustrom kam aus Ungarn nach dem niedergeschlagenen Aufstand gegen die Kommunisten 1956: Viele der Flüchtlinge waren Juden, so auch die Großmutter von Erwin Steiner, dem Obmann (Vorsitzenden) des Schulvereins. Sie hatte die Verfolgung in einem Kellerversteck in Budapest überlebt.

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