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Reichspogromnacht in Wien : „Wir haben eine Zeitkapsel geöffnet“

Steiner war selbst Schüler in der Malzgasse 16, nachdem Mitte der fünfziger Jahre das Haus an den Schulverein zurückgegeben worden war. Es dauerte noch bis in die siebziger Jahre, bis die Malzgasse 16 als Schule öffentlichen Rechts anerkannt wurde. Damals stattete dann auch Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ) einen Besuch ab. Zuvor mussten die Schüler, wie Steiner sich erinnert, Jahr für Jahr eine Prüfung in einer öffentlichen Wiener Schule ablegen, um das Niveau nachzuweisen, das zum „Aufstieg“ in die folgende Klasse nötig war. Sie wurden einzeln in Klassen von 30 anderen Schülern gesteckt, „wenn die Lehrerin nett war, hat sie die anderen mitgeprüft“, damit der eine Prüfling nicht so exponiert war.

Wo die Welten sich treffen: das Ziffernblatt einer Uhr. Die Ziffern sind römisch, die Buchstaben lateinisch und hebräisch. Bilderstrecke

Die meisten Stücke, die nun im Haus der Geschichte in einer langgestreckten Vitrine gezeigt werden, wurden für die Ausstellung nur grob gereinigt. „Mehr wäre der Idee der Ausstellung nicht angemessen,“ sagt Direktorin Monika Sommer. Es soll ja gerade der Bruch zu sehen sein. Auch der Ort, an dem die Vitrine aufgestellt wurde, ist nicht zufällig gewählt: Sie steht direkt vor den Glastüren, die auf den Altan der Neuen Hofburg hinausführen – jenen „Balkon“, auf dem Adolf Hitler im Mai 1938 an die Menge auf dem Heldenplatz gesprochen hat. Da sind zum Beispiel sechs Tintenfässer aus Glas, die erstaunlicherweise unversehrt erhalten geblieben sind. Ein Rasierpinsel aus Naturhaar zeugt von Alltagsleben, das hier stattfand. Bedrückend ist daneben ein deformierter Torso einer Puppe aus Kunststoff. Bruchstücke zweier Steintafeln liegen da, die von Gemeindemitgliedern zum Gedenken an ihre Eltern gestiftet und vermutlich an der Wand der Synagoge angebracht gewesen waren. Einige jahrhundertealte Grabsteine stammen aus dem einstigen jüdischen Museum, ebenso eine Chanukka-Lampe mit Löwenskulptur.

Die meisten Stücke aus dem Museum, die als irgendwie wertvoll erachtet worden waren, wurden von den Nationalsozialisten gestohlen und verstreut. Einige davon wurden nach dem Krieg zurückerstattet und sind teilweise im Jüdischen Museum Wien ausgestellt. Als herausragender Überrest der ehemaligen Ausstattung der Synagoge werden drei Zifferblätter einer Uhr ausgestellt, mit römischen Ziffern, lateinischen und hebräischen Buchstaben. Auch Teile des eisernen Geländers der Lesebühne, stark verrostet, sind erhalten. Dann sind da, teilweise noch ineinander gestapelt, Töpfe und Teller aus Email. Sie stammten aus der Einrichtung der Gemeinde, um Bedürftige zu speisen. Warum das Geschirr in den Schutt gegeben und nicht für das Altenheim verwendet wurde, ist unklar. Verkohlte Bücher und Hölzer, verrostete Eisenteile, geborstene Grab- oder Gedenkplatten neben den Kult-, Schul- und Alltagsgegenständen, all das zeugt nach den Worten von Kuratorin Birgit Johler „von der Vielfalt jüdischen Lebens, aber auch dem Gewaltausbruch“, der es beendete.

Gleichsam ein Teil der Asservatenkammer des Verbrechens vom 9. November sind die Überreste zweier Brandsätze, die ebenfalls im Schutt lagen. Sie wurden als solche von Fachleuten des Bundesheeres identifiziert (und als inzwischen ungefährlich klassifiziert). Warum lagen auch sie in dem Schutt? Vielleicht wurden sie zufällig mit hineingeschaufelt. Vielleicht wollte aber auch jemand für die Nachwelt ein Beweismittel sichern. Immerhin geben die Brandsätze Zeugnis gegen die Legende, die damals von der nationalsozialistischen Führung verbreitet wurde, das Pogrom sei Ausdruck eines spontanen Volkszorns gegen „die Juden“. Von manchen Zeitgenossen wurde übrigens auch der zwiespältige Begriff „Reichskristallnacht“ als subversive Verneinung dieser Propagandabehauptung aufgefasst – war doch die Vorsilbe „Reichs-“ sonst bei offiziell angeordneten Veranstaltungen üblich.

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