https://www.faz.net/-gum-9tjch

Die Weizsäckers : Eine deutsche Familie

  • Aktualisiert am

Die Familie Weizsäcker trauert 2015 um Richard von Weizsäcker. Bild: Picture-Alliance

Mit der Ermordung Fritz von Weizsäckers verliert eine der bekanntesten deutschen Familien einen weiteren Sohn. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wurde weithin geschätzt, auch über die Medizin hinaus.

          3 Min.

          In kleiner Runde hält ein Arzt am Dienstagabend einen Vortrag in einer Berliner Klinik. Es geht um die Volkskrankheit Fettleber, als plötzlich ein Mann aufspringt und den Dozenten niedersticht. Mehrere Zuschauer halten den Angreifer fest, einer von ihnen wird selbst schwer verletzt. Ein aufsehenerregender Fall, inbesondere, weil es sich dem Opfer um Fritz von Weizsäcker handelt. Das Motiv des Täters ist noch unklar.

          Fritz von Weizsäcker war der jüngste Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, geboren 1960 in Essen. In Bonn und Heidelberg studierte er Medizin, ein praktisches Jahr verbrachte er in den Vereinigten Staaten. Seinen Facharzt machte er 1998 in Innerer Medizin und Gastroenterologie und habilitierte im selben Jahr. 2003 wurde er Professor an der Universität Freiburg, 2005 Chefarzt der Abteilung Innere Medizin I der Schlosspark Klinik in Berlin. Er hinterlässt eine große Familie mit vier Kindern.

          Britta Siegmund, Professorin der Berliner Charité, beschrieb Fritz von Weizsäcker gegenüber der Deutschen Presse-Agentur als angenehmen Menschen und fachlich versierten Kollegen. In die Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie in Berlin und Brandenburg, der Weizsäcker vorstand, reiße sein Tod ein großes Loch.

          Politiker, Professoren und Forscher

          Fritz von Weizsäckers Lebenslauf ist typisch für seine Familie, die der „Spiegel“ 2010 als eine der bedeutenden Familien des Landes bezeichnete und die „Frankfurter Rundschau“ 2015 als „Kontinuität der Eliten“. Die von Weizsäckers brachten unter anderem Theologen, Professoren und Forscher hervor. Den prominenten Anfang macht Karl Hugo von Weizsäcker, der 1906 bis 1918 Ministerpräsident des Königreichs Württemberg war. In dieser Zeit wurde er von König Wilhelm II. geadelt und in den Freiherrenstand erhoben.

          Sein Enkel Richard von Weizsäcker war und ist für viele eine prägende Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er wurde 1984 der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland – und später der erste Bundespräsident des wiedervereinten Deutschlands. Mit wegweisenden Reden beeinflusste er das Klima in Deutschland und scheute auch nicht vor Konflikten mit dem damaligen Kanzler Helmut Kohl (CDU) zurück. Besonders in Erinnerung blieb dabei vielen von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes im Mai 1985 im Deutschen Bundestag mit dem zentralen Satz, der 8. Mai 1945 sei für die Deutschen kein „Tag der Niederlage“ sondern ein „Tag der Befreiung“ gewesen. Richard von Weizsäckers Vater Ernst war während des zweiten Weltkriegs Brigadeführer der SS und wurde nach Kriegsende in Nürnberg wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu fünf Jahren Haft verurteilt. Während des Prozesses unterstützte der damalige Jurastudent die Verteidiger seines Vaters und blieb zeitlebens Anwalt in seiner Sache. Richards Bruder Carl Friedrich von Weizsäcker war als Physiker an der Entwicklung einer deutschen Atombombe beteiligt. Durch „göttliche Gnade“ wurde diese nicht realisiert, wie er später sagte.

          Carl Friedrich von Weizsäcker, der sich in den Fünfzigern für das Ende der Atomwaffenproduktion einsetzte, und Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1988 bei einer Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte.

          Richard von Weizsäcker gehörte der CDU an, integrierte jedoch über Parteigrenzen hinweg. Nach seinem Tod im Alter von 94 Jahren im Jahr 2015 würdigte ihn der damalige Bundespräsident Joachim Gauck als „moralische Instanz“ und „Zeugen des Jahrhunderts“.

          „Ich fand ihn ganz wunderbar“

          Neben Fritz von Weizsäcker hatte der frühere Bundespräsident mit seiner Frau Marianne, die sich unter anderem für Suchtkranke engagiert, noch drei weitere Kinder. Auch sie folgten der bildungsbürglichen Familientradition. Robert, 1954 geboren und damit der Älteste, studierte Mathematik und Volkswirtschaftslehre, anschließend promovierte er an der Universität Bonn sowie der London School of Economics. Seit 2003 ist der heute 65-Jährige Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität München. Zudem ist er Fernschach-Großmeister und Ehrenpräsident des Deutschen Schachbundes.

          Beatrice, Fritz und Marianne von Weizsäcker trauern gemeinsam mit dem damaligen Bundespräsident Joachim Gauck um Richard von Weizsäcker.

          Sein Bruder Andreas machte zunächst eine Ausbildung zum Bau- und Möbelschreiner, danach studierte er Bildhauerei an der Akademie der Bildende Künste in München, wo er im Anschluss zunächst einen Lehrauftrag und später eine Professor erhielt. Bevor er dort als Prorektor antreten konnte, starb er 2008 im Alter von 51 Jahren an einem Lymphom. Zu seinen Werken gehört die Installation „Hangover“, drei unter der Raschplatz-Hochstraße in Hannover hängenden Autos.

          Beatrice von Weizsäcker, die einzige Schwester, ist promovierte Juristin und war in den neunziger Jahren als politische Redakteurin beim Berliner Tagesspiegel tätig. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, ist Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentags und hat im Juli vergangenen Jahres die Petition „Erst stirbt der Mensch, dann das Recht!“ mitverfasst, in der sie eine humanitäre Flüchtlingspolitik in Europa fordert. Von ihrem Bruder verabschiedete sie sich öffentlich mit einem Instagrampost, der ein Jesuskreuz zeigt. Dazu schrieb sie: „Gib acht auf meinen Bruder.“

          Auch der Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker, der bis 2005 als SPD-Abgeordneter im Bundestag saß, äußerte sich bereits öffentlich zum Tod seines Cousins. „Ich fand ihn ganz wunderbar“, sagte der 80-Jährige. „Ich habe ihn ungewöhnlich lieb gehabt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.