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Frauenfußball : Die weibliche Art einen Elfmeter zu schießen

„Eine gewisse Optik erhöht die Chance auf einen Sponsorenvertrag“: Nationalspielerin Kerstin Garefrekes im Trikot des 1. FFC Frankfurt Bild: dpa

Seit Jahrzehnten muss der Frauenfußball gegen platte Klischees ankämpfen. Nun ist er endlich in der Normalität angekommen.

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          Besonders weh getan hat Petra Landers das Video, in dem sich Spielerinnen der U-20-Fußballnationalmannschaft vor vier Jahren leicht bekleidet und mit feuchten T-Shirts für den „Playboy“ und Bild.de präsentiert haben. „,Mannsweiber‘ haben sie uns genannt“, sagt die frühere Nationalspielerin. „Die haben uns schlecht dastehen lassen.“ Zur Strafe nennt die 53-Jährige die jungen Frauen jetzt nur noch „die Prinzessinnen“. Dann huscht kurz ein Schatten über ihre fröhlichen Lachfalten. „Die meinten, sie wären die Ersten gewesen. Dabei sind wir damals auch vom ,Playboy‘ angesprochen worden, aber wir haben nein gesagt, weil der Fußball im Vordergrund stehen sollte.“

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die burschikose Frau mit den kurzen, blonden Haaren sitzt in Trainingshose und Turnschuhen in ihrer Einzimmerwohnung in Bochum auf dem Sofa und erzählt von früher. Von 1982, als sie beim ersten Länderspiel der neu gegründeten Nationalmannschaft gegen die Schweiz dabei war; eine Ehreneskorte der Polizei begleitete sie damals zum Platz. Und von 1989, als die deutschen Frauen zum ersten Mal Europameister wurden und das Stadion in Osnabrück aus allen Nähten platzte. Das ganze Spiel über ermahnte der Stadionsprecher die Zuschauer, weiter zusammenzurücken, weil draußen noch immer Leute auf Einlass warteten.

          Stiefmütterliche Behandlung

          Petra Landers ist eine Pionierin des Frauenfußballs – nur weiß das niemand. Wohl nicht einmal die deutschen Spielerinnen, die in der kommenden Woche bei der WM in Kanada um den Einzug ins Finale kämpfen werden. Beim Deutschen Fußball-Bund wird dieser Teil der Sportgeschichte nicht sonderlich gepflegt, und Frauen wie Landers passen nicht in das neue Bild vom femininen Frauenfußball. Als 2011 die Weltmeisterschaft in Deutschland ausgetragen wurde und das ganze Land auf diesen Sport schaute, machte ihre Heimatstadt Bochum nicht sie, sondern einen Mann, Dariusz Wosz vom VfL Bochum, zum Botschafter für die WM. „Wir Neunundachtzigerinnen wurden total ignoriert und haben noch nicht einmal Eintrittskarten bekommen.“ Landers kränkt das.

          Unbekannte Pionierin: Petra Landers 1991 vor einem Länderspiel

          Kerstin Garefrekes kann das gut verstehen. „1954, das Wunder von Bern, das kennt jeder. Fritz Walter oder Beckenbauer, das sind Namen, die lebendig gehalten werden. Aber beim Frauenfußball? Wen kennt man da noch aus den achtziger Jahren?“, sagt die 35-jährige Rekordnationalspielerin, die frühmorgens vor der Arbeit in einem Frankfurter Café sitzt. Sie findet, es sei Aufgabe des DFB, diese Geschichte lebendig zu halten.

          Rasante Entwicklung

          Wer den beiden grundverschiedenen Frauen zuhört, bekommt ein Gefühl dafür, wie rasant sich der Frauenfußball seit seinen Anfängen entwickelt hat – in nur 45 Jahren ist aus einem offiziell verbotenen Sport ein Profisport geworden. Ihre Erzählungen zeigen auch: Trotz des Wandels haben sich die alten Klischees von der unweiblichsten aller Sportarten erstaunlich lange gehalten – und jede Spielerinnengeneration hat ihre eigene Strategie entwickelt, damit umzugehen. Zu Landers’ Zeiten waren es noch plumpe „Trikot-Tausch!“-Rufe vom Spielfeldrand; heute müssen sich Profispielerinnen mit Anfragen von Sponsoren auseinandersetzen, die möglichst viel Haut und Lippenstift sehen wollen.

          Früher, sagt Landers, da habe sie sich aufgeregt, wenn eine Mitspielerin geschminkt auf den Platz kam. „Für mich hieß Sport, dass ich siegen wollte; da achte ich nicht darauf, dass meine Haare schön sind.“ Es war eine Zeit, in der es noch wütende Zuschaueranrufe gab, wenn Frauenfußball einmal im Fernsehen gezeigt wurde. Wer Fußball spielte, widersetzte sich schon dadurch dem Bild des vermeintlich schwachen Geschlechts. Wenige Jahre zuvor, von 1955 bis 1970, hatte der DFB den Vereinen noch verboten, Frauenfußball anzubieten. Zur Begründung hieß es, der Fußball sei eine Kampfsportart, die „der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd ist“, und dass „im Kampf um den Ball die weibliche Anmut schwindet“. Heute heißt es dazu verschwurbelt auf der DFB-Website, 1970 sei das Jahr gewesen, in dem „der Verband die Förderung des Frauenfußballs in seine Satzung aufnahm“.

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