https://www.faz.net/-gum-7yf6s

Anke Engelke im Interview : „Elternsprecher? Um Gottes willen!“

  • Aktualisiert am

Übermutter: Engelke im Kinofilm „Frau Müller muss weg“. Bild: Constantin

Anke Engelke spielt in ihrem neuen Film „Frau Müller muss weg“ eine Übermutter. Im Interview spricht sie über entspannte Erziehung, egoistische Erwachsene und privaten Müll im Klassenraum.

          5 Min.

          Frau Engelke, wie ist das so als Fernsehstar mit drei Kindern: Gehen Sie zum Elternabend?

          Die Frage stellt sich gar nicht, das ist Pflicht. Ich fände es auch befremdlich, wenn Eltern sagen würden, das interessiert mich nicht oder ich kriege den Termin nicht freigeschaufelt.

          Und? Wie schlimm war’s beim letzten Mal?

          Wie immer total entspannt. Wenn man das Glück hat oder daran arbeitet, dass so eine schöne Waage-Situation herrscht zwischen Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein auf beiden Seiten, dann kann das gutgehen. Wenn die Eltern den Lehrern signalisieren: Ich vertraue euch, aber bitte nehmt die Verantwortung, die ihr habt, auch ernst. Und wenn die Lehrer auf der anderen Seite ausstrahlen: Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst, aber bitte vertraut mir auch und lasst mich machen.

          Was für eine Rolle haben Sie bei solchen Veranstaltungen? Erwarten andere Eltern, dass Sie witzig sind oder die Moderation übernehmen?

          Ich habe wohl Glück, denn Menschen, mit denen ich privat zu tun habe, reduzieren mich nie auf meinen Beruf. Wir sind ja hier nicht in Hollywood, und ich bin kein Superstar. Ich gehe da ganz normal hin. Und ich bin kein Kasper. Ich war schon zu Schulzeiten nie Klassensprecher. Ich war noch nie die Nummer eins.

          Wie wäre es mit Elternsprecher?

          Um Gottes willen. Ich weiß gar nicht, ob sich das entwickelt hat, nach dem Motto, weil ich das beruflich mache, muss ich es nicht privat machen. Oder ob es nichts mit meinem Beruf zu tun hat, und ich möchte das einfach nicht, weil es nicht meinem Naturell entspricht. Ich bin privat kein Redner.

          In Ihrem neuen Film, „Frau Müller muss weg“, wollen die Eltern einer vierten Klasse eine angeblich unfähige Lehrerin vertreiben. Nach und nach kommt heraus, dass es um ganz andere Dinge geht, am Ende dreschen die Eltern gegenseitig aufeinander ein. Was treibt Mütter und Väter heute an?

          Schon das Theaterstück, auf dem der Film beruht, hat das gut herausgearbeitet: Die Eltern tanzen da an mit einer Menge privatem Müll. Die haben nicht aufgeräumt, bevor sie zu diesem Termin gehen.

          Und sie haben eine Heidenangst, dass ihre Kinder es wegen schlechter Noten nicht aufs Gymnasium schaffen. Ist es Ihnen persönlich wichtig, dass Ihre Kinder aufs Gymnasium gehen?

          Schön wäre, wenn Kinder, die einfach Menschen sind und später mal Erwachsene werden, die hier das Sagen haben, wenn die die Möglichkeit bekämen, rauszufinden, wer sie sind und was sie wollen. Das fände ich super.

          Für den Film mussten Sie sich ausziehen und nur in Unterwäsche in ein Schulschwimmbad springen. Warum hat Ihre Figur diese kalte Dusche nötig?

          Die Mutter, die ich spiele, ist extrem kontrolliert und beherrscht. Sie gibt nach außen die perfekte Checkerin. Die Sprecherin. Die Chefin. Sie arbeitet in einem Ministerium, sie hat x Angestellte und Menschen um sich, die machen, was sie sagt. Interessant wird es, wenn man sieht, wie so ein Mensch mit Druck umgeht. Deshalb ist die Schwimmbadszene sehr interessant. Die Wimperntusche, oder was das ist, verschmiert, und man sieht sofort: Alles Fassade. Das Image bröckelt. Aber das ist ein Phänomen meiner Generation, unabhängig von Elternabenden. Viele Erwachsene setzen sich sehr mit ihrer Wirkung auseinander: Als was trete ich auf? Und wie will ich eigentlich gesehen werden? Ich finde das fürchterlich anstrengend. Aber sonst wäre es nur ein Kurzfilm geworden (lacht). Und dann hätten wir nicht die Probleme, die mein zentrales Interesse an diesem Film und meiner Rolle begründen: Keiner denkt an die Kinder. Alle haben nur sich auf dem Schirm. Total ätzend.

          Sie meinen, Eltern heute - im Film und in echt - machen ein wahnsinniges Bohei um die Kinder, haben sie aber eigentlich nicht im Blick?

          Das ist genau meine Beobachtung.

          Woran liegt das?

          Uns geht’s zu gut. Totaler Kackspruch, ich weiß. Aber wenn’s einem richtig gutgeht, macht man sich Probleme, irgendwie. Gerade bei dieser Elternsituation ist das mein Eindruck. Wo so viele Türen aufgehen, wird die Tür unwichtiger, auf der „Kind“ steht. Da steht dann plötzlich auf einer „Gesundheit“ oder „berufliche Weiterentwicklung“, „Finanzen“, „Beziehung“, „Familie“, „Urlaub“. Plötzlich geht es hysterisch um Yoga, Ernährung und Nachhaltigkeit. Das hat überhaupt nicht mehr diesen relaxten Schwung eines entspannten Lebens, das man auf sich zukommen lässt und nicht steuert, sondern maximal insofern mitgestaltet, dass man Augen und Ohren offen hält. Ich finde, man muss sich vorher überlegen, warum man Kinder haben will.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frei, aber nicht begnadigt: Roger Stone.

          Mehrjährige Haftstrafe : Trump bewahrt Ex-Berater vor dem Gefängnis

          Der Ex-Wahlkampfberater Roger Stone wurde im Zuge der Russland-Affäre zu über drei Jahren Haft verurteilt. Nun ist er ein „freier Mann“ - dank seines langjährigen Freundes Donald Trump. vor dem Gefängnis= Washington, 11. Jul (Reuters) - US-Präsident Donald Trump bewahrt seinen zu einer ...

          Hochwasserschutz in Venedig : Mose gegen das Meer

          Sie hat sechs Milliarden Euro verschlungen und war Teil eines monumentalen Korruptionsskandals: Die riesige Anlage mit dem Namen des Propheten soll Venedigs Altstadt vor den Fluten schützen und ist so gut wie fertig. Dass sie auch funktioniert, bezweifeln aber viele.

          Bidens Wirtschaftspolitik : Mit Trump-Rhetorik gegen Trump

          Präsidentschaftskandidat Biden skizziert sein Wirtschaftsprogramm: Wie sein Rivale will er mit Protektionismus begeistern – und er verschärft seinen Anti-Wall-Street-Populismus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.