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Chefin pakistanischer Herkunft : „Ich will Frankfurts Bürokönigin werden“

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Buntes Bild und weiße Möbel: Syed an ihrem Arbeitsplatz im Frankfurter Bankenviertel Bild: Bäuml, Lucas

Ihre Familie floh aus Pakistan und kam in einem Dorf in Hessen an. Die Tochter ging zur Schule, studierte und arbeitet nun im Bankenviertel. Chanda Syed wusste früh: Eine Frau soll machen dürfen, was sie will.

          In ihrem Büro steht ein rosa Elefant aus Holz. Er ist todschick, sieht nach nordischem Design aus. Wenn ihre Nichte mal kommt, kann sie auf ihm reiten. Neben dem Holztier Schreibtisch, Konferenztisch, Regale und in der Ecke eine Liege – alles in diesem Raum ist geschmackvoll. Chanda Syed schaltet und waltet jedoch nicht nur in ihrem Büro, sondern ist Herrin über 70 Büros. Große, kleine, mittlere, mit einem Arbeitsplatz oder mehreren. Alle haben Namen und sind über mehrere Stockwerke verteilt. Tausende Quadratmeter Büro- und Tagungsräume. Sie tragen ihre Handschrift, wurden von ihr eingerichtet und werden von ihr gehütet. Chanda Syed möchte aber noch mehr: „Ich will Bürokönigin von Frankfurt werden.“

          Unter einem anderen Aspekt ist sie es schon. Business Center, in denen man sich ein Büro samt Service wie Schreibarbeiten oder Catering mieten kann, gibt es einige in Frankfurt. Chanda Syed, ihres Zeichens Managing Director des „ecos office center“ an der Mainzer Landstraße, spricht von etwa 80 Konkurrenten. Sie kennt aber kein anderes Business-Center, kein Co-Working–Haus, in dem eine Chefin mit pakistanischen Wurzeln das Sagen hat. Sie kennt auch keines, in dem die zwei Schwestern der Chefin mitmachen. Drei schöne Frauen mit prächtigem schwarzem Haar: die „Syed Sisters“.

          Kein Geheimnis in den Büros

          Sie arbeiten zusammen, sie telefonieren am Abend noch einmal, sie reisen zusammen. Wenn es eine Familienfeier gibt, ziehen sie sich auch gleich an und malen sich die Lippen gleich rot an. Das ist dann nicht der Partner-, sondern der „Sister-Look“. Für die Hochzeit der einen Schwester sind sie dafür extra zum Einkaufen nach Islamabad gefahren. Es sollte ein traditionelles pakistanisches Gewand sein. Das Fest muss rauschend gewesen sein. Dass die eine Schwester heiratet – es war kein Geheimnis in den Büros.

          Ein Business Center mit einem derartigen Familienanschluss, das auch noch Zeugnis von gelungener Integration ablegt, existiert wohl eher selten in Frankfurt. Obwohl – die Integration ist Chanda Syed nicht schwergefallen. Sie wuchs in einem winzigen Ort auf, Merkenfritz in der Wetterau. Da bleibt einem gar nichts anderes übrig, als sich einzufinden in die Gemeinschaft. Merkenfritz ist ein Ortsteil der Gemeinde Hirzenhain im südlichen Vogelsberg und zählt keine 200 Seelen. Andere pakistanische Familien, die auch fliehen mussten? Fehlanzeige. Die lebten in Frankfurt, in Bonames oder am Frankfurter Berg. In Merkenfritz gab es bis zum Zuzug der Syeds nur Deutsche, wahrscheinlich nur Wetterauer.

          Freunde in Deutschland

          Die Syeds kamen 1988 nach Deutschland, der Vater, ein Optiker, war der Erste. Die Mutter, der Opa, die Oma, der kranke Onkel und die zwei Töchter machten sich später auf den Weg. Chanda war zwei, Henna ein Jahr jünger, die dritte Schwester noch nicht auf der Welt. Die Familie gehört der islamischen Ahmadiyya-Gemeinschaft an, die von anderen Muslimen nicht anerkannt, deren Glaubensauffassung als Häresie abgetan und bekämpft wird. Ihre Gegner zündeten das Haus von Chandas Familie an, den Laden des Vaters. Für sie gab es nur die Flucht. Ein Onkel aus Islamabad beschaffte dem Vater ein Visum für Frankreich, er hatte jedoch Freunde in Deutschland.

          Das deutsche Leben begann in einem Flüchtlingsheim in Limeshain, das liegt auch in der Wetterau und hat ein paar tausend Einwohner. Sie fanden das Haus in Merkenfritz, der Vater arbeitet bis heute bei einem Sicherheitsdienst. Sie lebten alle unter einem Dach. Zu ihren alten Freundinnen aus Merkenfritz hat Chanda immer noch engen Kontakt. Dass sie mit Deutschen groß geworden ist, macht ihrer Meinung nach auch einen Unterschied zu anderen in Deutschland lebenden Pakistanern aus. Sie sagt, man merke es an ihrem Akzent – sie hat übrigens keinen. Und sie verhalte sich anders: „Ich weiß genau, was ich will.“ Sie wollte Karriere machen, die anderen wollten heiraten.

          „Meine Mutter liebt das Zuhause“

          Karriere hat sie gemacht, sie war schon mit 25 Jahren Chefin. Wobei sie viel von ihrem Vater geerbt haben muss. Wenn der Vater etwas wolle, „dann zieht er es durch“. Ihre Mutter sei eine ganz liebe Person, mache alles mit, da habe der Vater Glück gehabt, obwohl er schon anerkenne, was sie alles für die Familie getan hat. „Meine Mutter liebt das Zuhause“, sagt sie, das Haus sei ihr Leben, sich zu kümmern, alle zu bekochen, darauf zu achten, dass nicht zu viel „öliger Reis“ gegessen wird, weil auf den Bauchumfang aufgepasst werden muss. Ihre Tochter Chanda findet jedoch, dass für die Frau das Gleiche gelte wie für den Mann. Sie muss ebenfalls machen können, was sie will.

          Der Vater wollte, dass seine drei Töchter, es gibt noch zwei Söhne, eine gute Ausbildung bekommen. Chanda studierte nach dem Abitur in Friedberg Volkswirtschaftslehre in Marburg. Sie erhielt Bafög, pendelte jeden Tag, mittlerweile waren sie nach Karben umgezogen, fand die Uni schön und Marburg wunderschön. „Guck mal, wie Venedig“, habe mal eine Freundin beim Blick aus dem Zugfenster auf Marburg entzückt gesagt. Na ja.

          Es ging alles seinen Gang

          Eines Tages entdeckte sie in der Uni einen Aushang, das Business Center, das sie nun seit zehn Jahren leitet, suchte eine studentische Aushilfskraft. Warum nicht ich?, dachte sie sich, bewarb sich, um acht Uhr in der Früh kam der Anruf, um elf war sie aus Karben da. Es ging alles seinen Gang. Die Vorgesetzte nahm sich viel Zeit für sie, Chanda wiederum hatte ein wenig Angst vor dem Chef: „Das war früher so.“ Sie stand um fünf auf, nahm um sechs den ersten Bus, stieg um in den Zug und war Viertel vor sieben im Büro, um noch vor acht für den Chef aufzulisten, was am Tag zuvor erledigt worden war. „Männer verlangen als Chef mehr als Frauen“, glaubt sie. Sie könnten auch mehr erzählen, und es werde ihnen geglaubt.

          Sie sparte für ein iPhone, es wurde ihr erstes Telefon überhaupt. Jetzt konnte sie überall arbeiten, Mails lesen und gleich beantworten. Irgendwann wurde sie fest als Office Manager angestellt, die nette Vorgesetzte war gegangen, der Chef krank geworden. Das bedeutete Verantwortung und Visitenkarten – sie war „superhappy“.

          „Mehr geht nicht“

          Der nächste Schritt war, einen Umzug zu organisieren, mit dem Umzug wurde sie Chefin und glücklich, als die Umsätze stiegen, sie zum ersten Mal alle Büros und Konferenzräume vermietet hatte. „Das war ein tolles Gefühl.“

          Beim Umzug, also im Jahr 2012, waren die Schwestern bereits mit dabei. Die Syed Sisters: Chanda, Henna und Faria. So wurden sie immer schon genannt. Sie ist die Älteste, die Chefin, sagt, wo es langgeht. Sie wiederum wissen, dass sie sich total einsetzt, Notfälle erledigt. Wenn also am Donnerstagnachmittag jemand anruft und ankündigt, ich komme am Montag mit 60 Personen. Umgekehrt können die Schwestern sie kritisieren. Die Mitarbeiter übrigens auch. Die schätzt sie ohnehin. Natürlich gibt es auch mal Streit mit den Schwestern. Aber länger als einen Tag dauert er nicht. „Mehr geht nicht“, sagt Chanda.

          Chanda Syed ist bisher zweimal in Pakistan gewesen, einmal zur Beerdigung ihres Großvaters. Das war vor Jahren, sie war elf. Und einmal 2016 zum Shoppen für die Hochzeit ihrer Schwester. „Das Land bedeutet dir was“, habe sie im Flugzeug gedacht. „Hier bist du auch zu Hause.“ Die Wärme, die Mentalität, das gefällt ihr alles gut. Dort könne der Strom vier Stunden ausfallen, und alle blieben glücklich. Und hier? Trotzdem sagt sie: „Ich gehöre nach Frankfurt.“

          Wie ein Symbol für ihren Willen

          Manchmal, wenn sie die Mainzer Landstraße mit ihrem „Coffee to go“ in der Hand runtergeht, kommt ihr ein Schulausflug in den Sinn. Er führte nach Frankfurt, sie war in der achten oder neunten Klasse. An der S-Bahn-Haltestelle Taunusanlage fuhren sie mit der Rolltreppe hoch in die Stadt. Die Lehrerin hatte es so gewollt. Die Fahrt mit der Rolltreppe ins Bankenviertel habe sie nie vergessen, sagt Chanda Syed, die Fahrt ist wie ein Symbol für ihren Willen, irgendwann einmal eine erfolgreiche Geschäftsfrau zu werden. „Das war in mir drin.“ Und jetzt? Sie reist viel, macht viel, kennt viele. Das bringe ihr Bewunderung ein, sagt sie, „aber nicht, dass ich nicht geheiratet habe“. In ihrem Kulturkreis „tut man das. Das ist so.“

          Chanda Syed ist die Älteste. Als Älteste war sie beispielsweise die Betreuerin des kranken Onkels. „Ich hatte immer die Verantwortung.“ Daran hat sich nichts geändert. Deswegen fällt ihr wohl auf die Frage, was sie tut, wenn sie nicht arbeitet, nicht gleich etwas ein. „Was hat man in Merkenfritz für Hobbys?“ Merkenfritz, das war für sie: Schule, Hausaufgaben und Landfrauen-Brot-Backen. Und ihr Zuhause. „Meine Eltern wollten keine Rolex, keine Statussymbole“, sagt sie. Dem Vater sei es immer wichtig gewesen, ein Dach über dem Kopf zu haben. Er habe viel dafür gearbeitet, dass sie in einem Haus leben konnten und dass der Kühlschrank immer voll war. „Essen ist wichtig, aber man isst daheim.“

          Auch noch Nachbarin

          Chanda Syed lebt immer noch mit ihren Eltern in Karben unter einem Dach. Nun jedoch in einem Haus, das ihr gehört. „Da war ich stolz.“ Sie will ihnen etwas zurückgeben. Unten die Eltern, die Mitte wird gerade umgebaut, oben sie. Zudem wohnt eine Schwester gleich nebenan. Sie ist nicht nur Kollegin und Reisegefährtin, sondern auch noch Nachbarin.

          Wenn sie nicht arbeitet, macht sie übrigens Sport oder liest, hauptsächlich Bücher über Unternehmen, Oper und Theater sind nicht so ihre Sache. Vor drei Jahren war sie zum ersten Mal im Kino. Jetzt schaut sie sich ab und zu einen Film an – „zum Runterkommen“, sagt sie. Im Kino ist das Handy aus. Außerdem ist ihr Hobby die Arbeit.

          „Ich will noch etwas erreichen.“ Eben die Bürokönigin von Frankfurt zu sein und gemeinsam mit ihrem Bremer Chef Expansionspläne austüfteln. Ein finanzielles Polster wünscht sie sich auch, damit sie Gutes tun kann, Frauen in Pakistan oder anderswo unterstützen kann. Denn: „Nicht jede Frau hat es einfach.“

          So weit ist sie aber noch nicht, sondern freut sich derweil über die kleinen Dinge des Lebens. Chanda Syed putzt sage und schreibe gerne – weil man das Ergebnis gleich sieht und weil es für sie nichts Schöneres gibt, als am Samstagabend in frischer Bettwäsche zu liegen und zu wissen: Morgen ist erst mal Sonntag.

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