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Chefin pakistanischer Herkunft : „Ich will Frankfurts Bürokönigin werden“

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Beim Umzug, also im Jahr 2012, waren die Schwestern bereits mit dabei. Die Syed Sisters: Chanda, Henna und Faria. So wurden sie immer schon genannt. Sie ist die Älteste, die Chefin, sagt, wo es langgeht. Sie wiederum wissen, dass sie sich total einsetzt, Notfälle erledigt. Wenn also am Donnerstagnachmittag jemand anruft und ankündigt, ich komme am Montag mit 60 Personen. Umgekehrt können die Schwestern sie kritisieren. Die Mitarbeiter übrigens auch. Die schätzt sie ohnehin. Natürlich gibt es auch mal Streit mit den Schwestern. Aber länger als einen Tag dauert er nicht. „Mehr geht nicht“, sagt Chanda.

Chanda Syed ist bisher zweimal in Pakistan gewesen, einmal zur Beerdigung ihres Großvaters. Das war vor Jahren, sie war elf. Und einmal 2016 zum Shoppen für die Hochzeit ihrer Schwester. „Das Land bedeutet dir was“, habe sie im Flugzeug gedacht. „Hier bist du auch zu Hause.“ Die Wärme, die Mentalität, das gefällt ihr alles gut. Dort könne der Strom vier Stunden ausfallen, und alle blieben glücklich. Und hier? Trotzdem sagt sie: „Ich gehöre nach Frankfurt.“

Wie ein Symbol für ihren Willen

Manchmal, wenn sie die Mainzer Landstraße mit ihrem „Coffee to go“ in der Hand runtergeht, kommt ihr ein Schulausflug in den Sinn. Er führte nach Frankfurt, sie war in der achten oder neunten Klasse. An der S-Bahn-Haltestelle Taunusanlage fuhren sie mit der Rolltreppe hoch in die Stadt. Die Lehrerin hatte es so gewollt. Die Fahrt mit der Rolltreppe ins Bankenviertel habe sie nie vergessen, sagt Chanda Syed, die Fahrt ist wie ein Symbol für ihren Willen, irgendwann einmal eine erfolgreiche Geschäftsfrau zu werden. „Das war in mir drin.“ Und jetzt? Sie reist viel, macht viel, kennt viele. Das bringe ihr Bewunderung ein, sagt sie, „aber nicht, dass ich nicht geheiratet habe“. In ihrem Kulturkreis „tut man das. Das ist so.“

Chanda Syed ist die Älteste. Als Älteste war sie beispielsweise die Betreuerin des kranken Onkels. „Ich hatte immer die Verantwortung.“ Daran hat sich nichts geändert. Deswegen fällt ihr wohl auf die Frage, was sie tut, wenn sie nicht arbeitet, nicht gleich etwas ein. „Was hat man in Merkenfritz für Hobbys?“ Merkenfritz, das war für sie: Schule, Hausaufgaben und Landfrauen-Brot-Backen. Und ihr Zuhause. „Meine Eltern wollten keine Rolex, keine Statussymbole“, sagt sie. Dem Vater sei es immer wichtig gewesen, ein Dach über dem Kopf zu haben. Er habe viel dafür gearbeitet, dass sie in einem Haus leben konnten und dass der Kühlschrank immer voll war. „Essen ist wichtig, aber man isst daheim.“

Auch noch Nachbarin

Chanda Syed lebt immer noch mit ihren Eltern in Karben unter einem Dach. Nun jedoch in einem Haus, das ihr gehört. „Da war ich stolz.“ Sie will ihnen etwas zurückgeben. Unten die Eltern, die Mitte wird gerade umgebaut, oben sie. Zudem wohnt eine Schwester gleich nebenan. Sie ist nicht nur Kollegin und Reisegefährtin, sondern auch noch Nachbarin.

Wenn sie nicht arbeitet, macht sie übrigens Sport oder liest, hauptsächlich Bücher über Unternehmen, Oper und Theater sind nicht so ihre Sache. Vor drei Jahren war sie zum ersten Mal im Kino. Jetzt schaut sie sich ab und zu einen Film an – „zum Runterkommen“, sagt sie. Im Kino ist das Handy aus. Außerdem ist ihr Hobby die Arbeit.

„Ich will noch etwas erreichen.“ Eben die Bürokönigin von Frankfurt zu sein und gemeinsam mit ihrem Bremer Chef Expansionspläne austüfteln. Ein finanzielles Polster wünscht sie sich auch, damit sie Gutes tun kann, Frauen in Pakistan oder anderswo unterstützen kann. Denn: „Nicht jede Frau hat es einfach.“

So weit ist sie aber noch nicht, sondern freut sich derweil über die kleinen Dinge des Lebens. Chanda Syed putzt sage und schreibe gerne – weil man das Ergebnis gleich sieht und weil es für sie nichts Schöneres gibt, als am Samstagabend in frischer Bettwäsche zu liegen und zu wissen: Morgen ist erst mal Sonntag.

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