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Zehntausende demonstrieren : „Aggressoren, Stalker, ihr seid erledigt“

  • Aktualisiert am

Zeigen ihr Gesicht im Kampf gegen Gewalt an Frauen und Diskriminierung: Zehntausende Frauen und Männer sind in Paris und in anderen Städten Frankreichs am Samstag auf die Straße gegangen. Bild: AFP

Mindestens 116 Frauen wurden in Frankreich seit Jahresbeginn von ihren Partnern oder ehemaligen Partnern getötet. Zehntausende Frauen und Männer fordern deshalb landesweit einen besseren Schutz. Die Politik räumt ein, versagt zu haben.

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          In Frankreich haben Zehntausende Menschen gegen Gewalt an Frauen und Diskriminierung demonstriert. Allein in Paris gingen nach einer von mehreren Medien in Auftrag gegebenen unabhängigen Zählung 49.000 Menschen unter dem Motto #noustoutes (Wir alle) auf die Straße. Landesweit gab es rund 30 Kundgebungen. Die Teilnehmer wollten unter anderem auf die hohe Zahl sogenannter Femizide aufmerksam machen – Tötungen von Frauen wegen ihres Geschlechts.

          Die Veranstalter sprachen am Samstag von 100.000 Demonstrierenden allein in Paris. Es habe sich um den „größten Marsch der französischen Geschichte“ gegen sexistische und sexualisierte Gewalt gehandelt, erklärte eine der Organisatorinnen, Caroline De Haas. Landesweit seien 150.000 Menschen auf die Straße gegangen. So etwa auch in Lille, Bordeaux, Rennes, Straßburg, Saint-Étienne und Toulouse. Zu den Protesten hatten knapp 70 Organisationen, Parteien, Gewerkschaften und Verbände aufgerufen. Die Kundgebungsteilnehmer in Paris forderten einen besseren Schutz für Frauen. Auf Schildern war unter anderem „Brecht das Schweigen, nicht die Frauen“ oder „Aggressoren, Stalker, ihr seid erledigt, die Frauen sind auf der Straße“ zu lesen. Viele Personen trugen Schilder mit dem Foto ihrer ermordeten Angehörigen.

          „Brecht das Schweigen, nicht die Frauen“: Das Thema „Gewalt gegen Frauen“ bewegt in Frankreich seit Monaten die Massen. Bilderstrecke

          Unter dem Motto „Nicht eine weniger“ gingen auch in Rom Tausende Frauen auf die Straße. An der Spitze marschierten Vertreterinnen von Frauenhäusern und Beratungsstellen. In Italien wurden in diesem Jahr laut Medienberichten 94 Frauen ermordet. Erst am Freitag wurde eine 30-jährige Frau in Palermo von ihrem Liebhaber erstochen. „Es scheint leider wie ein Virus zu sein, eine schreckliche Sache, die da geschieht, und die nicht den gesellschaftlichen Skandal auslöst, den sie sollte“, sagte die frühere Parlamentspräsidentin Laura Boldrini als eine der Prominenten unter den Demonstrantinnen.

          Die Organisatoren in Frankreich hatten auf Facebook vor der Großdemonstration ein schärferes Vorgehen des Staates bei Verbrechen gegen Frauen gefordert. „Mit diesem Marsch werden wir die Behörden zu angemessenen Maßnahmen zwingen“, hieß es. Caroline De Haas warf der Regierung vor, keine konkreten Maßnahmen gegen die Gewalt an Frauen vorzubringen. „Wir brauchen einen echten Richtungswechsel in der Politik“, sagte sie und forderte die Regierung auf, eine zusätzliche Milliarde Euro für Aufklärungs- und Präventionsarbeit einzusetzen.

          „Unser System schafft es nicht, diese Frauen zu schützen“

          Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AFP hat es in diesem Jahr mindestens 116 Femizide in Frankreich gegeben. Aktivisten berichteten dagegen von mindestens 137 Frauen, die getötet wurden. Im gesamten vergangenen Jahr waren es 121. Experten des Europarats hatten Frankreich in dieser Woche einen Mangel an Schutzunterkünften und zu laxe Gesetze vorgeworfen.

          Frankreichs Justizministerin Nicole Belloubet hatte das Versagen der öffentlichen Einrichtungen eingeräumt. „Unser System schafft es nicht, diese Frauen zu schützen“, sagte die Politikerin aus dem Macron-Kabinett. Die französische Regierung will am Montag Ergebnisse eines Runden Tischs gegen häusliche Gewalt vorstellen. Initiiert hatte diesen Gleichstellungsministerin Marlène Schiappa im Sommer.

          In Deutschland versucht laut einer Statistik des Bundeskriminalamts aus dem Jahr 2017 jeden Tag ein Mann, seine Partnerin zu töten. Gelingen tue das an jedem dritten Tag. So wurden 2017 147 Frauen von ihren aktuellen oder früheren Partner getötet, dazu fast 2.400 vergewaltigt oder sexuell genötigt. Jede vierte Frau habe außerdem mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt. Opfer von Partnerschaftsgewalt sind zu mehr als 82 Prozent Frauen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hatte die Zahlen schockierend genannt. „Das ist für ein modernes Land wie Deutschland eine unvorstellbare Größenordnung.“

          Derweil gingen in Russland knapp 200 Gegner einer geplanten Gesetzesverschärfung zum Schutz von Frauen auf die Straße. Das Gesetz sieht härtere Strafen für häusliche Gewalt vor. Der Organisator der Kundgebung, der orthodoxe Aktivist Andrej Kormuchin, sagte, die bestehenden Gesetze würden Frauen bereits ausreichend schützen. Die geplanten Änderungen verstießen gegen die „traditionellen Familienwerte“.

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