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Illustratorin Amelie Persson : Wie man sich mit sich selbst anfreundet

Der detailverliebte Blick: In ihrem Buch zeigt die Illustratorin Amelie Persson Körper in ihrer Vielfalt. Bild: Sandra Schildwächter

Die Frankfurter Illustratorin Amelie Persson hat ein Buch darüber gemacht, warum es den idealen Körper nicht gibt. Damit will sie Jugendliche dazu ermutigen, sich so zu mögen, wie man nun einmal aussieht.

          4 Min.

          Viel Platz ist nicht. Der kleine Holztisch steht so, dass der Blick in den Garten fällt. Pinsel liegen auf ihm herum, Notizbücher, ein Tuschkasten, ein London-Stadtführer. Auf der Fensterbank darüber wackelt eine asiatische Winkekatze gemächlich im Takt, daneben thront eines der roten, schwedischen Dalapferde aus Holz. Amelie Persson kramt den Kasten mit den Buntstiften hervor. Darin hat sie Stifte in den unterschiedlichsten Hauttönen gesammelt: zartes Rosa, dunkles Braun, Beige, ein heller Sandton. „An die Hauttöne musste ich mich erst einmal herantasten“, sagt die Illustratorin.

          Alexander Jürgs

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Haut hat die 39 Jahre alte Persson in den vergangenen Monaten viel gemalt und gezeichnet. Und Körperteile: Brüste, Nasen, Augenpartien, Münder, Hände, Penisse, Rücken, Ohren. Entstanden sind die Illustrationen für ein Jugendbuch, das den Titel „Wie siehst du denn aus?“ trägt. Und den programmatischen Untertitel „Warum es normal nicht gibt“. Erschienen ist es im März bei Beltz & Gelberg, gerade wurde die zweite Auflage ausgeliefert. Persson hat das Buch zusammen mit der Autorin Sonja Eismann, der Herausgeberin des feministischen Pop-Magazins „Missy“, gemacht. Eismann lieferte die Texte, die sich, manchmal vielleicht eine Spur zu akademisch im Tonfall, damit beschäftigen, warum Körper sich unterscheiden und wie sie wahrgenommen werden. Persson hat diese Vielfalt mit ihren Körperskizzen abzubilden versucht.

          Die Doppelseiten mit ihren Zeichnungen haben oft etwas Komisches und Charmantes, weil sie die Unterschiede so augenscheinlich unterstreichen. Etwa das Blatt mit den Füßen. Da sieht man weiße Haut mit braunen Tupfern darauf, da sieht man abstehende „dicke Onkel“, langgestreckte Füße und kompakte Klumpen, Warzen und lackierte Nägel.

          Strich und Farben: Im März ist Amelie Persson aus London nach Frankfurt zurückgekehrt, rechtzeitig zum Erscheinen des Buches „Wie siehst du denn aus? – Warum es normal nicht gibt.“ Am Schreibtisch in Ginnheim zeichnet sie neue Bilder auch aus England.
          Strich und Farben: Im März ist Amelie Persson aus London nach Frankfurt zurückgekehrt, rechtzeitig zum Erscheinen des Buches „Wie siehst du denn aus? – Warum es normal nicht gibt.“ Am Schreibtisch in Ginnheim zeichnet sie neue Bilder auch aus England. : Bild: Sandra Schildwächter

          Oder die Brüste. Mal scheinen sie in Richtung Himmel zu hüpfen, mal zieht es sie gen Boden, mal sind sie kräftig behaart, mal blass, mal riesig, mal klein. Welche von Männern und welche von Frauen stammen, erfährt man nicht.

          Das Unperfekte ist die Regel

          „Mit dem Buch geht es mir auch darum, Jugendlichen zu zeigen, wie wichtig es ist, sich so zu mögen, wie man ist“, sagt die Illustratorin. Mit Wohlwollen auf das zu blicken, was man selbst oder ein anderer als nicht perfekt einstufe, sei enorm wichtig. „Die Teenager stehen heute unter einem krassen Druck“, sagt Persson. Denn vorgesetzt bekommen sie, auf Instagram, in den Posts von Influencern, in der Werbung und in Filmen, meist ausschließlich perfekte, „gephotoshopte“ Körper. Ihr selbst ging es bei der Arbeit am Buch ganz genauso. Im Netz war Persson auf der Suche nach Vorlagen für ihre Illustrationen. „Ich wollte einen faltigen Hals zeichnen, doch im Internet findet man keine Darstellungen“, sagt sie: „Es gibt im Netz so gut wie keine ungefilterten Bilder mehr.“

          Kampf um den richtigen Hautton: Blick auf den provisorischen Arbeitsplatz von Amelie Persson.
          Kampf um den richtigen Hautton: Blick auf den provisorischen Arbeitsplatz von Amelie Persson. : Bild: Sandra Schildwächter

          Auch an ihre eigene, jugendliche Unzufriedenheit mit ihrem Körper kann Persson sich noch erinnern. „Ich hatte mit Hautunreinheiten zu kämpfen, das hat mich geprägt“, erzählt sie. Ganz frei vom skeptischen Blick auf das eigene Aussehen sei sie auch heute noch nicht. „Wenn man in der Schwangerschaft plötzlich zwanzig Kilo zunimmt, dann muss man sich als Frau auch erst einmal neu mit sich selbst anfreunden“, sagt Persson, die bald ihr zweites Kind bekommen wird, deren Babybauch nicht zu übersehen ist: „An dem Buch zu arbeiten, hatte deshalb auch etwas Therapeutisches.“ Weil es den Blick dafür schärfte, dass das vermeintlich Unperfekte die Regel ist.

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