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Jan Philipp Reemtsma über Hass : „Als würden Sie von einer widerlichen Person angefasst“

Führen böse Worte zu bösen Taten? Rechte Demonstranten im vergangenen Sommer in Chemnitz. Bild: dpa

Wie verändert all der Hass die Gesellschaft? Führen böse Worte zur bösen Tat? Und müssen wir uns auf mehr Gewalt einstellen? Ein Gespräch mit dem Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma.

          Eine Grundannahme Ihrer Arbeiten über die Gewalt ist, dass wir uns als westliche Gesellschaft in einer Kultur befinden, in der Gewalt immer stärker geächtet wird und unter immer stärkerem Legitimationszwang steht. Gilt diese Annahme noch?

          Rainer Schmidt

          Verantwortlicher Redakteur Frankfurter Allgemeine Quarterly.

          Die Annahme, dass dies das Selbstbild der Moderne ist, unser Selbstverständnis, die gilt immer noch – trotz der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Sonst würden wir uns an Gewaltphänomenen nicht stören und sie nicht so skandalisieren.

          Die jüngste Kriminalitätsstatistik konstatierte: Es gibt weniger Verbrechen, die Entwicklung ist durchaus positiv. Aber die gefühlte Wahrheit scheint für viele eine andere zu sein. Wie erklären Sie sich das?

          Weil wir uns eben nicht nur an Statistiken orientieren, sondern an dem, was im Gespräch ist. Und das bestimmen weitgehend die Medien. Die aber reden lieber über das, was nicht klappt.

          Daran sind allein die Medien schuld?

          Nicht nur. Auch bestimmte Einzelfälle verändern die Wahrnehmung. Wenn plötzlich Übergriffe in Gegenden geschehen, die vorher als „sicher“ galten, haben sofort viele Leute das Gefühl, die Situation habe sich dramatisch verändert – obwohl insgesamt die Zahlen vielleicht zurückgegangen sind. Aber so verändert sich die Sicht der Dinge.

          Was fasziniert uns so an Gewalt in der Fiktion, in Büchern und Filmen?

          Die Vermutung ist, dass wir uns mit dieser ausgeprägten Neigung immer wieder bestätigen lassen wollen: Das ist nicht wahr. Damit bekämpfen wir das latente Gefühl der Unsicherheit, denn im 20. Jahrhundert hat es fürchterliche Gewaltkatastrophen gegeben, die uns gezeigt haben: Diese Moderne ist nicht stabil. Das Institutionsgefüge nach 1945 ist zwar erstaunlich fest, aber ein Restzweifel bleibt. Die Beschäftigung mit Gewalt in der Fiktion beruhigt uns: Es hält doch!

          „Wenn man Leute, die Unappetitliches, Aggressives verbreiten, ächtet, wird dadurch bestätigt, was in unserer Gesellschaft gelten sollte“, sagt Jan Philipp Reemtsma, der Vorsitzende des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

          Aber warum interessiert viele die Skandalisierung echter Verbrechen so? Ist das die Folge einer erfolgreichen Ächtung der Gewalt – weil die Öffentlichkeit entsetzter, enttäuschter, frustrierter ist, wenn entgegen ihrer Selbsteinschätzung doch etwas passiert?

          Die Fiktion bestätigt uns permanent: Es ist nicht wahr. Dann sagt die Schlagzeile: Es ist doch wahr. Das ist ein Schock. Unser Misstrauen gegenüber der Moderne wird bestätigt. Als ob wir plötzlich Gespenster, die es nicht geben soll, tatsächlich herumtappen hören. Und wir sind uns als Menschen sehr unserer Verletzlichkeit bewusst. Es gruselt uns, wenn wir Verletzungen sehen. Wir bleiben stehen und starren hin. Das ist keine Schadenfreude, es ist mehr eine Selbstvergewisserung: Ich bin noch heil. Wir alle aber gehen mit dem Bewusstsein durchs Leben, dass das nicht so bleiben muss.

          In den sozialen Medien gibt es besonders viel ungebremste Aggression und Hass, Beleidigungen und Drohungen. Ist das für Sie auch schon Gewalt?

          Das sind Belästigungen und Bedrohungen. Die Drohung funktioniert, weil sie uns unsere Verletzlichkeit deutlich macht. Wer bedroht mich, wo ist er, wie weit geht das noch? Im echten Leben ist soziale Kontrolle ein wesentlicher Faktor für eine gewaltarme Gesellschaft. Im Internet haben Sie eine Tarnkappe auf, das verändert alles. Platon hat schon gefragt, wem könnten wir noch trauen, wenn es einen Ring gäbe, der unsichtbar macht? Die Verhaltensweisen im Internet sind so vorhersehbar wie beunruhigend, wir müssen lernen, damit zu leben.

          Zur sozialen Kontrolle gehört, Ausfälle anderer zu missbilligen. Und das notwendige Vertrauen in einer Gesellschaft, betonen Sie, entsteht auch durch die Dinge, die nicht gesagt oder getan werden …

          Dieses Vertrauen entsteht sogar vor allem durch die Sachen, die nicht gesagt und getan werden!

          … aber im Netz werden Sachen geäußert, die vorher in dem Ausmaß öffentlich eher undenkbar waren. Wird die Atmosphäre dadurch gewaltbereiter?

          Viele genießen die Unkontrollierbarkeit im Netz. Aber anderswo sind sie eben nicht unbeobachtet. Diese Medien erlauben allen, eine fiktive Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Existenz zu führen. Die Schimpfereien im Netz sind unangenehm, das heißt aber nicht, dass dadurch eine ganze Gesellschaft ruiniert wird.

          Auch virtuelle Bedrohungen fühlen sich für die Adressaten real an.

          Das stimmt. Ich habe im Laufe meines Lebens durchaus Drohbriefe bekommen. Hinter jedem Drohbrief kann eine Person stehen, die es ernst meint, aber nicht hinter allen steht eine. Hinter den meisten nicht. Viele wollen sich durch solche Hassäußerungen selbst großartig und mächtig vorkommen, für eine Minute einer sein, der Schrecken verbreitet, und schreiben, dass sie einem dieses oder jenes antun würden, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten, auch wenn sie das nie tun würden. Nur: Wer es ernst meint, das wissen Sie nicht. Solche Hassbriefe zu erhalten, ob als elektronische oder klassische Post, diese Konfrontation mit zügellosem Hass ist schockierend, ein elementarer Übergriff. Das fühlt sich an, als würden Sie von einer widerlichen Person plötzlich angefasst. Das ist wie ein Einbruch in die eigene Wohnung: Man fühlt sich beschmutzt. Oder ist auf lange Zeit verängstigt. Die Konfrontation mit dem Hass ist ähnlich und kann einen Menschen sehr beeinträchtigen.

          Vertreter der AfD provozieren immer mit rhetorischen Tabubrüchen. Ist das ein effektives Mittel, die Normalitätsachse ins Radikale zu verschieben?

          Das kann passieren, wenn man es geschehen lässt, denn die Wirkung ist nicht nur abhängig von denen, die sprechen, sondern auch von denen, die es tolerieren. Wenn man Leute, die Unappetitliches, Aggressives verbreiten, ächtet, wenn sie gemieden und isoliert werden, wird dadurch bestätigt, was in unserer Gesellschaft gilt und weiterhin gelten sollte.

          Bereitet eine semantische Radikalisierung den Boden für Gewalt vor? Gibt es diese klare Kausalität?

          Nein, der eine bereitet sich mit Reden auf etwas vor, der andere redet, statt zu handeln.

          Linksradikale wüten im Sommer 2017 am Rande des G-20-Gipfels in der Hamburger Innenstadt.

          Aber Rechtsradikale könnten sich etwa durch AfD-Rhetorik zu Aggression und Gewalt ermutigt fühlen, weil sie unterstellen könnten, stellvertretend für viele Menschen zu agieren?

          Natürlich, Menschen brauchen immer eine Rückendeckung, es sei denn, wir reden über isolierte Einzeltäter, Verrückte oder selbsternannte Märtyrer. Da kommt es auf die Reaktion der anderen an. Nach den Pogromen Anfang der neunziger Jahre in Hoyerswerda und anderswo signalisierten etwa bundesweite Lichterketten den Tätern: „Man mag euch nicht!“ Und die Sachen haben sich nicht wiederholt. Jetzt gibt es wieder Übergriffe durch Rechtsradikale und eine Partei im Bundestag, die – direkt nicht, aber indirekt irgendwie schon, immer sehr diffus, sonst wäre es strafrechtlich relevant – Verständnis für bestimmte Haltungen signalisiert, das ist gefährlich. Aber mehrheitsfähig ist das noch nicht.

          Aber es verschiebt den Rahmen für einige.

          Es signalisiert Sympathie.

          Fehlt es an Lichterketten?

          Das kann man nicht wiederholen, so was wird schnell zum Ritual und albern. Das ist eine gewisse Gefahr. Auf eine Demonstration folgt eine Gegendemonstration. Aber besser als nichts.

          In Chemnitz pöbelten Bürgerliche mit Rechtsradikalen Seite an Seite, es gab keine Berührungsängste. Wie gefährlich ist das?

          Natürlich ist das gefährlich, auch bei den Pogromen gegen Ausländer in den Neunzigern wurde man aus der „bürgerlichen Mitte“ recht aktiv, und diese „Mitte“ kann, unter Umständen, verdammt aggressiv werden. Das war schon immer so. Aber die meisten haben diese Ereignisse in Chemnitz schockiert. Das zeigt, dass wir uns daran nicht gewöhnt haben, sondern das als sehr skandalös empfinden.

          Über die Attitüde linker Revolutionsgruppen gegenüber Andersdenkenden schrieben Sie in Ihrem Buch „Vertrauen und Gewalt“: „Wer politisch abweicht, tut dies nicht, weil er anders denkt, sondern weil er moralisch minderwertig ist.“ Diese Haltung …

          … ist eine historische Pathologie der Linken. Der Andersdenkende wurde zum moralisch Minderwertigen, zum Verräter. Wenig hat die europäische Linke mehr geschwächt als diese selbstzerstörerische Rhetorik.

          Heute scheinen schnell alle für die anderen moralisch minderwertig. Entweder als „linksgrün versiffte Gutmenschen“ oder als „Rechtsradikale“.

          Manches gehört eben zur öffentlichen Rhetorik. Man darf auch nicht zimperlich sein. Auch hier bitte keine Rituale. Beleidigtsein ist unpolitisch.

          Was bestimmt unser Verhältnis zur Gewalt?

          Die Kultur, in der Sie aufwachsen, das Milieu, in dem Sie sich bewegen, die Familie, in der Sie groß werden, leben, Ihre persönliche Disposition, das gehört alles zusammen, aber unsere generelle gesellschaftliche Gewaltaversion ist kein globales Phänomen. Man würde sich merkwürdig vorkommen, wenn man dieses Gespräch in Kinshasa in Kongo in einem hoffentlich gesicherten Raum führen würde. Ich rede immer von der transatlantischen Moderne, die sich nach dem Dreißigjährigen Krieg entwickelt hat, die mit ihren normativen Eigenheiten nicht für alle Weltteile gilt. Aber dadurch, dass die führenden Länder dieser Moderne zum Beispiel die Idee von Menschenrechten in die Welt gebracht haben oder die Idee einer Weltgemeinschaft in Form der Vereinten Nationen, ist das ein weltweiter Anspruch geworden, den auch Länder behaupten, deren Wirklichkeit diesem Anspruch Hohn spricht.

          Haben Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen wirklich unterschiedliche Einstellungen zur Gewalt?

          Zu uns kommen ja auch Menschen aus Regionen, wo es eine andere Normalität von alltäglicher, männlicher, familiärer, jugendlicher Gewalt gibt, das ist eine Tatsache. Auf solche Konfrontationen muss man sich gefasst machen, damit muss man umgehen. Daraus wird nur zu schnell das Argument, dass solche Kulturbegegnungen scheitern müssen. Aber wieso denn? Die Gesellschaft, in der wir leben, ist sehr, sehr integrationsfähig, das haben die Fünfziger und Sechziger gezeigt. Aber was einmal gutgegangen ist, muss nicht immer wieder gutgehen. Man muss etwas dafür tun. Wenn in einer Gesellschaft neue Formen von Gewalttätigkeit auftauchen, müssen die Institutionen reagieren, die dazu da sind, das zu tun: Polizei und Staatsanwaltschaft. Das reicht.

          Statistisch ist die Zahl der politisch motivierten Straftaten gesunken. Aber dann liest man von Neonazis, die in Berlin Autos von linken Politikern abfackeln, oder von einem maoistischen Schlägertrupp wie dem „Jugendwiderstand“ in Neukölln, der Andersdenkende angreift, und hört den bekannten Kriminologen Christian Pfeiffer sagen: „Die gesellschaftliche Auseinandersetzung an den Flügeln hat eindeutig an Schärfe gewonnen.“ Kommentatoren warnen bei solchen Szenen schnell vor „Weimarer Verhältnissen“ – zu Recht?

          Ach was. Das war die Angstvokabel in den Fünfzigern und Sechzigern, als das Grundgesetz noch neu war und man nicht wusste, wie krisenresistent es ist. Aber es hat sich bewährt, und wer solche Sachen mit Weimar vergleicht, den kann ich nicht ernst nehmen, weil das Quatsch ist, lächerlich.

          Reemtsma in der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur: „Zivilisation ist immer gehemmtes Tun. Das ist anstrengend. Deswegen gibt es eine neidvolle Faszination für jemanden, der auf die Regeln pfeift.“

          Die Bilder von brennenden Barrikaden beim G-20-Gipfel in Hamburg im vergangenen Jahr, wo Gewalt teilweise auch als Happening zelebriert wurde, haben viele zu wilden Vergleichen und Alarmgeschrei animiert: Hat der Staat noch alles im Griff?

          Da hatten sich Leute versammelt, um sich machtvoll zu inszenieren und den Staat als hilflos vorzuführen. Es ist gelungen, jedenfalls in der medialen Optik, etwas wie Räume zu schaffen, in denen das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr existiert. Die Stadt hatte die Gefahr unterschätzt und sich Dummheiten geleistet, wie den G-20-Gipfel neben das Schanzenviertel zu legen. Das konnte ja nur schiefgehen. Aber grundsätzlich ging es allein um die Selbstvergewisserung einer marginalisierten politischen Szene, die unter ihrer Marginalisierung gar nicht so leidet, sondern sich mit ihr wohlfühlt. Darin liegt die Verführung durch Verantwortungslosigkeit. Was war denn das sogenannte politische Ziel? Das Treffen zu verhindern? Im Ernst? Nein, Hamburg war ein So-tun-als-ob, praktizierter Größenwahn. Leider geht dabei viel kaputt. Auch politischer Ernst.

          Sie haben einmal gesagt, es gebe eine Verklärung von Gewalt in intellektuellen Kreisen, eine „heimliche Bewunderung für die vulgäre Virilität des Straßenschlägers …“ Warum?

          Freud sprach von dem „Unbehagen in der Kultur“. Wir sind alle strapaziert durch unsere Gehörigkeitsrahmung.

          Was heißt „Gehörigkeitsrahmung“?

          Das ist der Rahmen unseres Handelns, der Bereich, in dem wir gesellschaftlich definieren, was uns als Normalität gilt. Das heißt, dass wir nicht alles tun dürfen, was wir tun könnten. Zivilisation ist immer gehemmtes Tun. Das ist anstrengend. Es gibt deswegen eine neidvolle Faszination für jemanden, der auf diese Regeln pfeift. Davon haben die Helden der Italo-Western in den Sechzigern gelebt, von dieser Faszination hat auch Andreas Baader gelebt. Der war mit seinem Waffenfetischismus, seiner Virilität und seiner Rücksichtslosigkeit gegenüber Frauen das wesentliche Identifikationsmoment der RAF in linken Kreisen, ohne den hätte es die nicht in der Form gegeben, und er stand für nicht mehr gerahmte, nur noch sich selbst verantwortliche Gewalt.

          Fördert heute eine, wie es oft heißt, entsolidarisierte, neoliberale Gesellschaft die Bereitschaft …

          … wann waren wir denn jemals in einer solidarischen Gesellschaft, was denken wir uns dabei, wenn wir solche Begriffe verwenden? „Die“ Gesellschaft ist nicht weniger solidarisch als im 20. oder 19. Jahrhundert, ganz im Gegenteil, siehe Sozialgesetzgebung. Aber „Gesellschaften“ sind überhaupt nicht solidarisch. Solidarisch sind relativ kleine Gruppen, und wir sollten heilfroh sein, dass unsere Gesellschaft nicht verfasst ist wie eine kleine Gruppe. Das war das Programm des Nationalsozialismus, der – das tut mir leid für die Linke und ihr Beschwören des Wortes „Solidarität“ – eine solidarische Volksgemeinschaft gründen wollte, solidarisch auf dem Schlachtfeld und zu Hause, was zu Blockwarten und Terror geführt hat und zur Verfolgung derer, die nicht dazugehören sollen.

          Aber macht eine Gesellschaft, die den anderen nur noch als Konkurrenten sieht, als Gegner, macht die tendenziell aggressiver und gewalttätiger?

          Nein. Natürlich, ein Betrieb, wo es eine sehr starke Konkurrenzkultur gibt, ist ein ungemütlicher Ort, aber ein Unternehmen, das so funktioniert, funktioniert nicht gut. Aber das hat mit dem, worüber wir reden, nichts zu tun. Die Gruppen, die Selbstbestätigung in Gewalt suchen, sind keine Reaktion auf solche Verhältnisse.

          Wir hören von zunehmender Brutalität an Schulen, verstärkt von Angriffen auf Lehrer. Sind das Anzeichen einer Verrohung?

          Mich stört, wenn man konkrete Probleme zu Indikatoren für große Trends macht. Wenn sich zwei prügeln, muss ein Lehrer dazwischengehen, damit es nicht eskaliert. Wenn das nicht klappt, hat die Schule ein Problem, das sie lösen muss. Natürlich sind die Zustände an vielen Schulen katastrophal, es fehlt an Geld und Lehrern, man leidet unter zu großen Klassen – es gibt das Sprachproblem –, das muss man angehen, aber nicht, in dem man pessimistische Theorien über die Gesellschaft verbreitet. Es hat keinen Sinn, auf miserable Schulverhältnisse zu blicken wie auf einen Gruselfilm.

          Aber was sagt uns das über die Gesellschaft, wenn auf Schulhöfen Worte wie „Schwuchtel“ oder „Jude“ zu den wichtigsten Schimpfwörtern gehören?

          Sind es „die wichtigsten“? Es sind die, die uns auffallen – und gewiss ist so was äußerst beunruhigend, dann muss man darüber nachdenken, wie ein Lehrer reagieren sollte, wie ein Schuldirektor, wie die Schulbehörde. Das interessiert mich mehr, als das zu großen gesellschaftlichen Trends hochzurechnen, denn damit können wir nicht umgehen. Aber wir können mit konkreten Fällen vor Ort umgehen – und damit Trends umkehren. Das funktioniert.

          Eine Form von Gewalt, die den Westen besonders beschäftigt, ist islamistischer Terrorismus. Über den haben Sie einmal gesagt: „Dahinter steckt kein religiöses Geheimnis, das wir Säkularen nicht verstehen können. Sondern der innere Triumph, es in der Hand zu haben, eine Diskothek in die Luft zu sprengen.“ Sprechen Sie dem islamistischen Terror jegliche Art von religiöser oder politischer Motivation ab?

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          Motivation ist doch nur das, womit die Leute ihr Handeln erklären, das können Sie dann für plausibel halten oder nicht. Der Gewaltakt als solcher ist Triumphalismus, es geht allein um extreme Machtausübung. Das ist Gewalt, die jemand nicht ausübt, um etwas zu erreichen, es geht nur um Zerstörung und um die Demonstration vor sich selbst, dass man derjenige ist, der das kann. Es ist übrigens interessant, wie sehr sich Terroristen rund um den Globus gleichen, Rechtsradikale, religiöse Fanatiker und so weiter, wie der amerikanische Soziologe Juergensmeyer sehr genau untersucht hat. Da stimmen viele Einstellungen lager- und ideologieübergreifend überein: Sie mögen ihr eigenes Land im aktuellen Stadium nicht, sie verabscheuen Amerika, die Juden (und Rechtsradikale in Israel verabscheuen Tel Aviv), Schwule, wollen die Frauen unterdrücken und fetischisieren Gewalt. In einen Raum gesteckt, würden die sich untereinander hervorragend verstehen – und sich dann wechselseitig umbringen. Insofern halte ich nicht viel davon, die Dynamik solcher Gewalt aus der Legtimationsrhetorik ableiten zu wollen, die solche Gruppen brauchen, um den Zusammenhalt zu stärken. Und natürlich lässt sich aus jeder Religion heraus unter bestimmten Umständen grausame Gewalt legitimieren, selbst aus dem Buddhismus, wie wir leider wissen.

          Was wären die Schlussfolgerungen aus dieser Überlegung bezüglich des islamistischen Terrors?

          Dass sich Staatsanwaltschaft und Polizei darum kümmern müssen. Und man gute Geheimdienstarbeit braucht.

          Wie verhindert man politisch eine Radikalisierung?

          Natürlich muss man darauf achten, was in Moscheen gepredigt wird, man muss den Islamunterricht staatlich so beaufsichtigen, wie der christliche Unterricht beaufsichtigt wird. Theologie wird ja an Universitäten gelehrt, nicht weil man das für eine Wissenschaft hält, sondern weil der Staat den Anspruch hat, das zu kontrollieren. Das ist die Errungenschaft der Säkularisierung des 18. und 19. Jahrhunderts. Und diese Kontrolle der Religion, die wir beim Christentum unter großen politischen Schwierigkeiten erreicht haben, muss auch für einen Islam gelten, der zu Deutschland gehört.

          Früher war die Hinrichtung durch Köpfen den Adeligen vorbehalten, heute finden wir diese Art des Tötens besonders barbarisch. Der IS hat das eine Zeitlang exzessiv betrieben. Warum?

          In Europa war das eine privilegierte Hinrichtungsform, weil sie mit der Waffe des Adeligen, dem Schwert, vollzogen und der Körper danach nicht – anders als bei den Gehängten – ausgestellt wurde. Man nahm dann die Guillotine. Aber der Akt des Köpfens verschwand mit dem Ende der Französischen Revolution bald von den öffentlichen Plätzen und gilt seit dem 18. Jahrhundert als Zeichen einer barbarischen Politik und Gesellschaft. Das war im Nahen Osten nie so. Da hat sich das öffentliche Hinrichten bis heute gehalten, das Köpfen mit dem Säbel, das Abhacken von Körperteilen, das Steinigen. Unsere Abscheu darüber hat der IS ausgenutzt, weil er unsere empfindlichen Stellen sehr gut kennt. Aber die einzige Frage, die uns der IS damit stellt, ist, wie man ihn militärisch besiegen kann.

          Clan-Gewalt und Clan-Kriminalität sind ein neueres Phänomen. Einerseits macht sie laut Statistik nur einen bestimmten Teil der organisierten Kriminalität aus, andererseits fasziniert sie die Öffentlichkeit mehr, wohl weil sie sichtbarer zu sein scheint, unverhohlener körperlich aggressiv – und oft unverhohlen ignoranter gegenüber gesellschaftlichen Regeln. Warum beschäftigen uns Clans so?

          Das ist eine Form von Bandenkriminalität, wie man sie vielleicht aus Chicago früher kannte, aber nicht in unseren Breiten. Diese Banden funktionieren besonders gut, weil die Familie sich als verschworene Gemeinschaft nicht erst durch Aktionen konstituieren muss. Ihre Machenschaften werden erleichtert, wenn sie in bestimmten Stadtteilen ein Umfeld haben, in dem sie anerkannt sind. Das kennen wir aus Mafiafilmen, und ganz weitab von der Wirklichkeit sind die ja nicht. Aber historische Beispiele, nicht die Filme natürlich, zeigen doch, wie man so etwas wieder in den Griff bekommt.

          Bei den vielen Verbrechen während der Nazizeit, aber auch in modernen Kriminalfällen wird beim Erkennen der Täter oft gefragt: „Wie konnte so ein normaler Familienvater bloß so ein monströses Verbrechen begehen?“ Die Frage fanden Sie immer schon albern. Warum?

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          Wer soll es denn sonst machen? Die Menschheit besteht nun mal aus normalen Leuten, deshalb heißen die ja so. Wo es für Massenverbrechen eine große Anzahl von Tätern braucht, können Sie nicht nach Sadisten suchen. So viele gibt es davon nicht. Keine folternde Diktatur hat je Personalprobleme gehabt. So ist das einfach. Das wissen wir, also können wir bitte mal aufhören, uns darüber zu wundern.

          Wenn im politischen Raum Menschen als „Schädlinge“ und „Ungeziefer“ beleidigt werden, gilt das vielen als Rhetorik, die den anderen entmenschlichen soll, um ihm leichter Gewalt antun oder schlimmstenfalls töten zu können. Das sehen Sie anders.

          Diese Rhetorik soll sie nur entwürdigen, um eine Legitimation herzustellen. Es geht nicht darum, irgendeine unterstellte Tötungshemmung auszuschalten, das ist völliger Unsinn. Menschen haben als Menschen keine Tötungshemmung. Mit Blick auf die blutige Weltgeschichte ist es eine völlig verrückte Vorstellung, nach der Tötungshemmung des Menschen zu suchen, das ist einfach Quatsch. Aber nicht alle Menschen verhalten sich gleich. Manche machen gerne mit, manche nicht. Und: Kulturen sind mehr oder weniger gewaltstimulierend. Das ist etwas ganz anderes.

          Jan Philipp Reemtsma ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Uni Hamburg und geschäftsführender Vorstand der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur sowie Gründer – und bis März 2015 Leiter – des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Arbeitsschwerpunkt: Literatur des 18. und 20. Jahrhunderts, Zivilisationstheorie und Geschichte der menschlichen Destruktivität. Im Jahr 1996 wurde er entführt. Darüber schrieb er das Buch „Im Keller“.

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