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Jan Philipp Reemtsma über Hass : „Als würden Sie von einer widerlichen Person angefasst“

Führen böse Worte zu bösen Taten? Rechte Demonstranten im vergangenen Sommer in Chemnitz. Bild: dpa

Wie verändert all der Hass die Gesellschaft? Führen böse Worte zur bösen Tat? Und müssen wir uns auf mehr Gewalt einstellen? Ein Gespräch mit dem Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma.

          Eine Grundannahme Ihrer Arbeiten über die Gewalt ist, dass wir uns als westliche Gesellschaft in einer Kultur befinden, in der Gewalt immer stärker geächtet wird und unter immer stärkerem Legitimationszwang steht. Gilt diese Annahme noch?

          Rainer Schmidt

          Verantwortlicher Redakteur Frankfurter Allgemeine Quarterly.

          Die Annahme, dass dies das Selbstbild der Moderne ist, unser Selbstverständnis, die gilt immer noch – trotz der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Sonst würden wir uns an Gewaltphänomenen nicht stören und sie nicht so skandalisieren.

          Die jüngste Kriminalitätsstatistik konstatierte: Es gibt weniger Verbrechen, die Entwicklung ist durchaus positiv. Aber die gefühlte Wahrheit scheint für viele eine andere zu sein. Wie erklären Sie sich das?

          Weil wir uns eben nicht nur an Statistiken orientieren, sondern an dem, was im Gespräch ist. Und das bestimmen weitgehend die Medien. Die aber reden lieber über das, was nicht klappt.

          Daran sind allein die Medien schuld?

          Nicht nur. Auch bestimmte Einzelfälle verändern die Wahrnehmung. Wenn plötzlich Übergriffe in Gegenden geschehen, die vorher als „sicher“ galten, haben sofort viele Leute das Gefühl, die Situation habe sich dramatisch verändert – obwohl insgesamt die Zahlen vielleicht zurückgegangen sind. Aber so verändert sich die Sicht der Dinge.

          Was fasziniert uns so an Gewalt in der Fiktion, in Büchern und Filmen?

          Die Vermutung ist, dass wir uns mit dieser ausgeprägten Neigung immer wieder bestätigen lassen wollen: Das ist nicht wahr. Damit bekämpfen wir das latente Gefühl der Unsicherheit, denn im 20. Jahrhundert hat es fürchterliche Gewaltkatastrophen gegeben, die uns gezeigt haben: Diese Moderne ist nicht stabil. Das Institutionsgefüge nach 1945 ist zwar erstaunlich fest, aber ein Restzweifel bleibt. Die Beschäftigung mit Gewalt in der Fiktion beruhigt uns: Es hält doch!

          „Wenn man Leute, die Unappetitliches, Aggressives verbreiten, ächtet, wird dadurch bestätigt, was in unserer Gesellschaft gelten sollte“, sagt Jan Philipp Reemtsma, der Vorsitzende des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

          Aber warum interessiert viele die Skandalisierung echter Verbrechen so? Ist das die Folge einer erfolgreichen Ächtung der Gewalt – weil die Öffentlichkeit entsetzter, enttäuschter, frustrierter ist, wenn entgegen ihrer Selbsteinschätzung doch etwas passiert?

          Die Fiktion bestätigt uns permanent: Es ist nicht wahr. Dann sagt die Schlagzeile: Es ist doch wahr. Das ist ein Schock. Unser Misstrauen gegenüber der Moderne wird bestätigt. Als ob wir plötzlich Gespenster, die es nicht geben soll, tatsächlich herumtappen hören. Und wir sind uns als Menschen sehr unserer Verletzlichkeit bewusst. Es gruselt uns, wenn wir Verletzungen sehen. Wir bleiben stehen und starren hin. Das ist keine Schadenfreude, es ist mehr eine Selbstvergewisserung: Ich bin noch heil. Wir alle aber gehen mit dem Bewusstsein durchs Leben, dass das nicht so bleiben muss.

          In den sozialen Medien gibt es besonders viel ungebremste Aggression und Hass, Beleidigungen und Drohungen. Ist das für Sie auch schon Gewalt?

          Das sind Belästigungen und Bedrohungen. Die Drohung funktioniert, weil sie uns unsere Verletzlichkeit deutlich macht. Wer bedroht mich, wo ist er, wie weit geht das noch? Im echten Leben ist soziale Kontrolle ein wesentlicher Faktor für eine gewaltarme Gesellschaft. Im Internet haben Sie eine Tarnkappe auf, das verändert alles. Platon hat schon gefragt, wem könnten wir noch trauen, wenn es einen Ring gäbe, der unsichtbar macht? Die Verhaltensweisen im Internet sind so vorhersehbar wie beunruhigend, wir müssen lernen, damit zu leben.

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