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Jan Philipp Reemtsma über Hass : „Als würden Sie von einer widerlichen Person angefasst“

Clan-Gewalt und Clan-Kriminalität sind ein neueres Phänomen. Einerseits macht sie laut Statistik nur einen bestimmten Teil der organisierten Kriminalität aus, andererseits fasziniert sie die Öffentlichkeit mehr, wohl weil sie sichtbarer zu sein scheint, unverhohlener körperlich aggressiv – und oft unverhohlen ignoranter gegenüber gesellschaftlichen Regeln. Warum beschäftigen uns Clans so?

Das ist eine Form von Bandenkriminalität, wie man sie vielleicht aus Chicago früher kannte, aber nicht in unseren Breiten. Diese Banden funktionieren besonders gut, weil die Familie sich als verschworene Gemeinschaft nicht erst durch Aktionen konstituieren muss. Ihre Machenschaften werden erleichtert, wenn sie in bestimmten Stadtteilen ein Umfeld haben, in dem sie anerkannt sind. Das kennen wir aus Mafiafilmen, und ganz weitab von der Wirklichkeit sind die ja nicht. Aber historische Beispiele, nicht die Filme natürlich, zeigen doch, wie man so etwas wieder in den Griff bekommt.

Bei den vielen Verbrechen während der Nazizeit, aber auch in modernen Kriminalfällen wird beim Erkennen der Täter oft gefragt: „Wie konnte so ein normaler Familienvater bloß so ein monströses Verbrechen begehen?“ Die Frage fanden Sie immer schon albern. Warum?

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Wer soll es denn sonst machen? Die Menschheit besteht nun mal aus normalen Leuten, deshalb heißen die ja so. Wo es für Massenverbrechen eine große Anzahl von Tätern braucht, können Sie nicht nach Sadisten suchen. So viele gibt es davon nicht. Keine folternde Diktatur hat je Personalprobleme gehabt. So ist das einfach. Das wissen wir, also können wir bitte mal aufhören, uns darüber zu wundern.

Wenn im politischen Raum Menschen als „Schädlinge“ und „Ungeziefer“ beleidigt werden, gilt das vielen als Rhetorik, die den anderen entmenschlichen soll, um ihm leichter Gewalt antun oder schlimmstenfalls töten zu können. Das sehen Sie anders.

Diese Rhetorik soll sie nur entwürdigen, um eine Legitimation herzustellen. Es geht nicht darum, irgendeine unterstellte Tötungshemmung auszuschalten, das ist völliger Unsinn. Menschen haben als Menschen keine Tötungshemmung. Mit Blick auf die blutige Weltgeschichte ist es eine völlig verrückte Vorstellung, nach der Tötungshemmung des Menschen zu suchen, das ist einfach Quatsch. Aber nicht alle Menschen verhalten sich gleich. Manche machen gerne mit, manche nicht. Und: Kulturen sind mehr oder weniger gewaltstimulierend. Das ist etwas ganz anderes.

Jan Philipp Reemtsma ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Uni Hamburg und geschäftsführender Vorstand der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur sowie Gründer – und bis März 2015 Leiter – des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Arbeitsschwerpunkt: Literatur des 18. und 20. Jahrhunderts, Zivilisationstheorie und Geschichte der menschlichen Destruktivität. Im Jahr 1996 wurde er entführt. Darüber schrieb er das Buch „Im Keller“.

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