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Jan Philipp Reemtsma über Hass : „Als würden Sie von einer widerlichen Person angefasst“

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Motivation ist doch nur das, womit die Leute ihr Handeln erklären, das können Sie dann für plausibel halten oder nicht. Der Gewaltakt als solcher ist Triumphalismus, es geht allein um extreme Machtausübung. Das ist Gewalt, die jemand nicht ausübt, um etwas zu erreichen, es geht nur um Zerstörung und um die Demonstration vor sich selbst, dass man derjenige ist, der das kann. Es ist übrigens interessant, wie sehr sich Terroristen rund um den Globus gleichen, Rechtsradikale, religiöse Fanatiker und so weiter, wie der amerikanische Soziologe Juergensmeyer sehr genau untersucht hat. Da stimmen viele Einstellungen lager- und ideologieübergreifend überein: Sie mögen ihr eigenes Land im aktuellen Stadium nicht, sie verabscheuen Amerika, die Juden (und Rechtsradikale in Israel verabscheuen Tel Aviv), Schwule, wollen die Frauen unterdrücken und fetischisieren Gewalt. In einen Raum gesteckt, würden die sich untereinander hervorragend verstehen – und sich dann wechselseitig umbringen. Insofern halte ich nicht viel davon, die Dynamik solcher Gewalt aus der Legtimationsrhetorik ableiten zu wollen, die solche Gruppen brauchen, um den Zusammenhalt zu stärken. Und natürlich lässt sich aus jeder Religion heraus unter bestimmten Umständen grausame Gewalt legitimieren, selbst aus dem Buddhismus, wie wir leider wissen.

Was wären die Schlussfolgerungen aus dieser Überlegung bezüglich des islamistischen Terrors?

Dass sich Staatsanwaltschaft und Polizei darum kümmern müssen. Und man gute Geheimdienstarbeit braucht.

Wie verhindert man politisch eine Radikalisierung?

Natürlich muss man darauf achten, was in Moscheen gepredigt wird, man muss den Islamunterricht staatlich so beaufsichtigen, wie der christliche Unterricht beaufsichtigt wird. Theologie wird ja an Universitäten gelehrt, nicht weil man das für eine Wissenschaft hält, sondern weil der Staat den Anspruch hat, das zu kontrollieren. Das ist die Errungenschaft der Säkularisierung des 18. und 19. Jahrhunderts. Und diese Kontrolle der Religion, die wir beim Christentum unter großen politischen Schwierigkeiten erreicht haben, muss auch für einen Islam gelten, der zu Deutschland gehört.

Früher war die Hinrichtung durch Köpfen den Adeligen vorbehalten, heute finden wir diese Art des Tötens besonders barbarisch. Der IS hat das eine Zeitlang exzessiv betrieben. Warum?

In Europa war das eine privilegierte Hinrichtungsform, weil sie mit der Waffe des Adeligen, dem Schwert, vollzogen und der Körper danach nicht – anders als bei den Gehängten – ausgestellt wurde. Man nahm dann die Guillotine. Aber der Akt des Köpfens verschwand mit dem Ende der Französischen Revolution bald von den öffentlichen Plätzen und gilt seit dem 18. Jahrhundert als Zeichen einer barbarischen Politik und Gesellschaft. Das war im Nahen Osten nie so. Da hat sich das öffentliche Hinrichten bis heute gehalten, das Köpfen mit dem Säbel, das Abhacken von Körperteilen, das Steinigen. Unsere Abscheu darüber hat der IS ausgenutzt, weil er unsere empfindlichen Stellen sehr gut kennt. Aber die einzige Frage, die uns der IS damit stellt, ist, wie man ihn militärisch besiegen kann.

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