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Jan Philipp Reemtsma über Hass : „Als würden Sie von einer widerlichen Person angefasst“

… wann waren wir denn jemals in einer solidarischen Gesellschaft, was denken wir uns dabei, wenn wir solche Begriffe verwenden? „Die“ Gesellschaft ist nicht weniger solidarisch als im 20. oder 19. Jahrhundert, ganz im Gegenteil, siehe Sozialgesetzgebung. Aber „Gesellschaften“ sind überhaupt nicht solidarisch. Solidarisch sind relativ kleine Gruppen, und wir sollten heilfroh sein, dass unsere Gesellschaft nicht verfasst ist wie eine kleine Gruppe. Das war das Programm des Nationalsozialismus, der – das tut mir leid für die Linke und ihr Beschwören des Wortes „Solidarität“ – eine solidarische Volksgemeinschaft gründen wollte, solidarisch auf dem Schlachtfeld und zu Hause, was zu Blockwarten und Terror geführt hat und zur Verfolgung derer, die nicht dazugehören sollen.

Aber macht eine Gesellschaft, die den anderen nur noch als Konkurrenten sieht, als Gegner, macht die tendenziell aggressiver und gewalttätiger?

Nein. Natürlich, ein Betrieb, wo es eine sehr starke Konkurrenzkultur gibt, ist ein ungemütlicher Ort, aber ein Unternehmen, das so funktioniert, funktioniert nicht gut. Aber das hat mit dem, worüber wir reden, nichts zu tun. Die Gruppen, die Selbstbestätigung in Gewalt suchen, sind keine Reaktion auf solche Verhältnisse.

Wir hören von zunehmender Brutalität an Schulen, verstärkt von Angriffen auf Lehrer. Sind das Anzeichen einer Verrohung?

Mich stört, wenn man konkrete Probleme zu Indikatoren für große Trends macht. Wenn sich zwei prügeln, muss ein Lehrer dazwischengehen, damit es nicht eskaliert. Wenn das nicht klappt, hat die Schule ein Problem, das sie lösen muss. Natürlich sind die Zustände an vielen Schulen katastrophal, es fehlt an Geld und Lehrern, man leidet unter zu großen Klassen – es gibt das Sprachproblem –, das muss man angehen, aber nicht, in dem man pessimistische Theorien über die Gesellschaft verbreitet. Es hat keinen Sinn, auf miserable Schulverhältnisse zu blicken wie auf einen Gruselfilm.

Aber was sagt uns das über die Gesellschaft, wenn auf Schulhöfen Worte wie „Schwuchtel“ oder „Jude“ zu den wichtigsten Schimpfwörtern gehören?

Sind es „die wichtigsten“? Es sind die, die uns auffallen – und gewiss ist so was äußerst beunruhigend, dann muss man darüber nachdenken, wie ein Lehrer reagieren sollte, wie ein Schuldirektor, wie die Schulbehörde. Das interessiert mich mehr, als das zu großen gesellschaftlichen Trends hochzurechnen, denn damit können wir nicht umgehen. Aber wir können mit konkreten Fällen vor Ort umgehen – und damit Trends umkehren. Das funktioniert.

Eine Form von Gewalt, die den Westen besonders beschäftigt, ist islamistischer Terrorismus. Über den haben Sie einmal gesagt: „Dahinter steckt kein religiöses Geheimnis, das wir Säkularen nicht verstehen können. Sondern der innere Triumph, es in der Hand zu haben, eine Diskothek in die Luft zu sprengen.“ Sprechen Sie dem islamistischen Terror jegliche Art von religiöser oder politischer Motivation ab?

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