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Jan Philipp Reemtsma über Hass : „Als würden Sie von einer widerlichen Person angefasst“

Statistisch ist die Zahl der politisch motivierten Straftaten gesunken. Aber dann liest man von Neonazis, die in Berlin Autos von linken Politikern abfackeln, oder von einem maoistischen Schlägertrupp wie dem „Jugendwiderstand“ in Neukölln, der Andersdenkende angreift, und hört den bekannten Kriminologen Christian Pfeiffer sagen: „Die gesellschaftliche Auseinandersetzung an den Flügeln hat eindeutig an Schärfe gewonnen.“ Kommentatoren warnen bei solchen Szenen schnell vor „Weimarer Verhältnissen“ – zu Recht?

Ach was. Das war die Angstvokabel in den Fünfzigern und Sechzigern, als das Grundgesetz noch neu war und man nicht wusste, wie krisenresistent es ist. Aber es hat sich bewährt, und wer solche Sachen mit Weimar vergleicht, den kann ich nicht ernst nehmen, weil das Quatsch ist, lächerlich.

Reemtsma in der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur: „Zivilisation ist immer gehemmtes Tun. Das ist anstrengend. Deswegen gibt es eine neidvolle Faszination für jemanden, der auf die Regeln pfeift.“

Die Bilder von brennenden Barrikaden beim G-20-Gipfel in Hamburg im vergangenen Jahr, wo Gewalt teilweise auch als Happening zelebriert wurde, haben viele zu wilden Vergleichen und Alarmgeschrei animiert: Hat der Staat noch alles im Griff?

Da hatten sich Leute versammelt, um sich machtvoll zu inszenieren und den Staat als hilflos vorzuführen. Es ist gelungen, jedenfalls in der medialen Optik, etwas wie Räume zu schaffen, in denen das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr existiert. Die Stadt hatte die Gefahr unterschätzt und sich Dummheiten geleistet, wie den G-20-Gipfel neben das Schanzenviertel zu legen. Das konnte ja nur schiefgehen. Aber grundsätzlich ging es allein um die Selbstvergewisserung einer marginalisierten politischen Szene, die unter ihrer Marginalisierung gar nicht so leidet, sondern sich mit ihr wohlfühlt. Darin liegt die Verführung durch Verantwortungslosigkeit. Was war denn das sogenannte politische Ziel? Das Treffen zu verhindern? Im Ernst? Nein, Hamburg war ein So-tun-als-ob, praktizierter Größenwahn. Leider geht dabei viel kaputt. Auch politischer Ernst.

Sie haben einmal gesagt, es gebe eine Verklärung von Gewalt in intellektuellen Kreisen, eine „heimliche Bewunderung für die vulgäre Virilität des Straßenschlägers …“ Warum?

Freud sprach von dem „Unbehagen in der Kultur“. Wir sind alle strapaziert durch unsere Gehörigkeitsrahmung.

Was heißt „Gehörigkeitsrahmung“?

Das ist der Rahmen unseres Handelns, der Bereich, in dem wir gesellschaftlich definieren, was uns als Normalität gilt. Das heißt, dass wir nicht alles tun dürfen, was wir tun könnten. Zivilisation ist immer gehemmtes Tun. Das ist anstrengend. Es gibt deswegen eine neidvolle Faszination für jemanden, der auf diese Regeln pfeift. Davon haben die Helden der Italo-Western in den Sechzigern gelebt, von dieser Faszination hat auch Andreas Baader gelebt. Der war mit seinem Waffenfetischismus, seiner Virilität und seiner Rücksichtslosigkeit gegenüber Frauen das wesentliche Identifikationsmoment der RAF in linken Kreisen, ohne den hätte es die nicht in der Form gegeben, und er stand für nicht mehr gerahmte, nur noch sich selbst verantwortliche Gewalt.

Fördert heute eine, wie es oft heißt, entsolidarisierte, neoliberale Gesellschaft die Bereitschaft …

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