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Jan Philipp Reemtsma über Hass : „Als würden Sie von einer widerlichen Person angefasst“

Aber es verschiebt den Rahmen für einige.

Es signalisiert Sympathie.

Fehlt es an Lichterketten?

Das kann man nicht wiederholen, so was wird schnell zum Ritual und albern. Das ist eine gewisse Gefahr. Auf eine Demonstration folgt eine Gegendemonstration. Aber besser als nichts.

In Chemnitz pöbelten Bürgerliche mit Rechtsradikalen Seite an Seite, es gab keine Berührungsängste. Wie gefährlich ist das?

Natürlich ist das gefährlich, auch bei den Pogromen gegen Ausländer in den Neunzigern wurde man aus der „bürgerlichen Mitte“ recht aktiv, und diese „Mitte“ kann, unter Umständen, verdammt aggressiv werden. Das war schon immer so. Aber die meisten haben diese Ereignisse in Chemnitz schockiert. Das zeigt, dass wir uns daran nicht gewöhnt haben, sondern das als sehr skandalös empfinden.

Über die Attitüde linker Revolutionsgruppen gegenüber Andersdenkenden schrieben Sie in Ihrem Buch „Vertrauen und Gewalt“: „Wer politisch abweicht, tut dies nicht, weil er anders denkt, sondern weil er moralisch minderwertig ist.“ Diese Haltung …

… ist eine historische Pathologie der Linken. Der Andersdenkende wurde zum moralisch Minderwertigen, zum Verräter. Wenig hat die europäische Linke mehr geschwächt als diese selbstzerstörerische Rhetorik.

Heute scheinen schnell alle für die anderen moralisch minderwertig. Entweder als „linksgrün versiffte Gutmenschen“ oder als „Rechtsradikale“.

Manches gehört eben zur öffentlichen Rhetorik. Man darf auch nicht zimperlich sein. Auch hier bitte keine Rituale. Beleidigtsein ist unpolitisch.

Was bestimmt unser Verhältnis zur Gewalt?

Die Kultur, in der Sie aufwachsen, das Milieu, in dem Sie sich bewegen, die Familie, in der Sie groß werden, leben, Ihre persönliche Disposition, das gehört alles zusammen, aber unsere generelle gesellschaftliche Gewaltaversion ist kein globales Phänomen. Man würde sich merkwürdig vorkommen, wenn man dieses Gespräch in Kinshasa in Kongo in einem hoffentlich gesicherten Raum führen würde. Ich rede immer von der transatlantischen Moderne, die sich nach dem Dreißigjährigen Krieg entwickelt hat, die mit ihren normativen Eigenheiten nicht für alle Weltteile gilt. Aber dadurch, dass die führenden Länder dieser Moderne zum Beispiel die Idee von Menschenrechten in die Welt gebracht haben oder die Idee einer Weltgemeinschaft in Form der Vereinten Nationen, ist das ein weltweiter Anspruch geworden, den auch Länder behaupten, deren Wirklichkeit diesem Anspruch Hohn spricht.

Haben Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen wirklich unterschiedliche Einstellungen zur Gewalt?

Zu uns kommen ja auch Menschen aus Regionen, wo es eine andere Normalität von alltäglicher, männlicher, familiärer, jugendlicher Gewalt gibt, das ist eine Tatsache. Auf solche Konfrontationen muss man sich gefasst machen, damit muss man umgehen. Daraus wird nur zu schnell das Argument, dass solche Kulturbegegnungen scheitern müssen. Aber wieso denn? Die Gesellschaft, in der wir leben, ist sehr, sehr integrationsfähig, das haben die Fünfziger und Sechziger gezeigt. Aber was einmal gutgegangen ist, muss nicht immer wieder gutgehen. Man muss etwas dafür tun. Wenn in einer Gesellschaft neue Formen von Gewalttätigkeit auftauchen, müssen die Institutionen reagieren, die dazu da sind, das zu tun: Polizei und Staatsanwaltschaft. Das reicht.

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