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Jan Philipp Reemtsma über Hass : „Als würden Sie von einer widerlichen Person angefasst“

Zur sozialen Kontrolle gehört, Ausfälle anderer zu missbilligen. Und das notwendige Vertrauen in einer Gesellschaft, betonen Sie, entsteht auch durch die Dinge, die nicht gesagt oder getan werden …

Dieses Vertrauen entsteht sogar vor allem durch die Sachen, die nicht gesagt und getan werden!

… aber im Netz werden Sachen geäußert, die vorher in dem Ausmaß öffentlich eher undenkbar waren. Wird die Atmosphäre dadurch gewaltbereiter?

Viele genießen die Unkontrollierbarkeit im Netz. Aber anderswo sind sie eben nicht unbeobachtet. Diese Medien erlauben allen, eine fiktive Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Existenz zu führen. Die Schimpfereien im Netz sind unangenehm, das heißt aber nicht, dass dadurch eine ganze Gesellschaft ruiniert wird.

Auch virtuelle Bedrohungen fühlen sich für die Adressaten real an.

Das stimmt. Ich habe im Laufe meines Lebens durchaus Drohbriefe bekommen. Hinter jedem Drohbrief kann eine Person stehen, die es ernst meint, aber nicht hinter allen steht eine. Hinter den meisten nicht. Viele wollen sich durch solche Hassäußerungen selbst großartig und mächtig vorkommen, für eine Minute einer sein, der Schrecken verbreitet, und schreiben, dass sie einem dieses oder jenes antun würden, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten, auch wenn sie das nie tun würden. Nur: Wer es ernst meint, das wissen Sie nicht. Solche Hassbriefe zu erhalten, ob als elektronische oder klassische Post, diese Konfrontation mit zügellosem Hass ist schockierend, ein elementarer Übergriff. Das fühlt sich an, als würden Sie von einer widerlichen Person plötzlich angefasst. Das ist wie ein Einbruch in die eigene Wohnung: Man fühlt sich beschmutzt. Oder ist auf lange Zeit verängstigt. Die Konfrontation mit dem Hass ist ähnlich und kann einen Menschen sehr beeinträchtigen.

Vertreter der AfD provozieren immer mit rhetorischen Tabubrüchen. Ist das ein effektives Mittel, die Normalitätsachse ins Radikale zu verschieben?

Das kann passieren, wenn man es geschehen lässt, denn die Wirkung ist nicht nur abhängig von denen, die sprechen, sondern auch von denen, die es tolerieren. Wenn man Leute, die Unappetitliches, Aggressives verbreiten, ächtet, wenn sie gemieden und isoliert werden, wird dadurch bestätigt, was in unserer Gesellschaft gilt und weiterhin gelten sollte.

Bereitet eine semantische Radikalisierung den Boden für Gewalt vor? Gibt es diese klare Kausalität?

Nein, der eine bereitet sich mit Reden auf etwas vor, der andere redet, statt zu handeln.

Linksradikale wüten im Sommer 2017 am Rande des G-20-Gipfels in der Hamburger Innenstadt.

Aber Rechtsradikale könnten sich etwa durch AfD-Rhetorik zu Aggression und Gewalt ermutigt fühlen, weil sie unterstellen könnten, stellvertretend für viele Menschen zu agieren?

Natürlich, Menschen brauchen immer eine Rückendeckung, es sei denn, wir reden über isolierte Einzeltäter, Verrückte oder selbsternannte Märtyrer. Da kommt es auf die Reaktion der anderen an. Nach den Pogromen Anfang der neunziger Jahre in Hoyerswerda und anderswo signalisierten etwa bundesweite Lichterketten den Tätern: „Man mag euch nicht!“ Und die Sachen haben sich nicht wiederholt. Jetzt gibt es wieder Übergriffe durch Rechtsradikale und eine Partei im Bundestag, die – direkt nicht, aber indirekt irgendwie schon, immer sehr diffus, sonst wäre es strafrechtlich relevant – Verständnis für bestimmte Haltungen signalisiert, das ist gefährlich. Aber mehrheitsfähig ist das noch nicht.

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