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Fragen an Bernd Gäbler : „Casting macht gehorsam“

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Schlechtes Vorbild: Aber „Klum und Bohlen sind für mich nur Prototypen“, sagt Bernd Gäbler. Bild: dpa

Bernd Gäbler hat eine Studie über Castingshows veröffentlicht. Im Interview spricht er über ehrliche Momente im Leben von Dieter Bohlen, falsche Werte und Chancen, die keine sind.

          Herr Gäbler, was ist denn Ihr liebster Spruch von Dieter Bohlen?

          Ich liebe keinen, weil keiner wirklich spontan ist. Aber sein Buch habe ich mit großem Interesse gelesen: „Der Bohlenweg: Planieren statt Sanieren“. Darin mochte ich vor allem eine Stelle sehr gerne: Da erklärte er, dass er die Sehnsucht hatte, wirklich Kunst zu machen, sich dann aber doch auf „BUM-BUM-BUM“ konzentriert hat, was gängig ist, was mitgegrölt werden kann.

          Warum gerade diese Stelle?

          Das fand ich sehr ehrlich. Da klingt eine kleine Traurigkeit an, die sonst durch dieses selbstbewusste Ich-bin-der-erfolgreichste-Mensch-der-Welt-Gehabe in den Hintergrund gedrängt wird. Eben diese äußerlichen Ideale, die er in seinen Casting-Shows auch anderen für ein erfolgreiches Lebens nahelegt. Der Maßstab ist dann am Ende immer nur die Einschaltquote oder die Anzahl der Hits – das ist Bohlen wie er es seinen Kandidaten predigt.

          In Ihrer medienwissenschaftlichen Studie „Hohle Idole“, die von der Otto-Brenner-Stiftung gefördert wurde, gehen Sie vor allem mit Dieter Bohlen und Heidi Klum als Casting-Juroren hart ins Gericht. Was ist denn das Problem mit Casting-Shows?

          Es werden die falschen Werte vermittelt. Es wird zwar immer betont, dass es um die Persönlichkeit geht. Tatsächlich wird die Selbstentfaltung aber darauf eingeengt, was sich am besten verkaufen lässt. Bei Heidi Klum zum Beispiel ist immer der Kunde König, die Kandidatinnen sind nur dann professionell, wenn sie genau das machen, was der Kunde will. Und wenn er will, dass sie sich einen stinkenden Fisch auf den Kopf legen, dann müssen die das machen.

          Heidi Klum und Dieter Bohlen würden vermutlich sagen, dass sie der Jugend beibringen, dass man für seine Träume kämpfen muss und im Leben nichts geschenkt bekommt.

          Das ist völlig richtig. Aber tatsächlich ist es doch so, dass jeder, der sich eigensinnig entwickeln will, der beispielsweise Rocker sein will, keine Chance hat und im Zweifelsfall sogar noch mit Häme übergossen wird. Das ist das Gegenteil von Selbstentfaltung.

          Entsprechen solche Shows damit nicht der Lebensrealität vieler Jugendlicher, die lieber mit dem Strom schwimmen, weil die Zukunft auch so schon unsicher genug ist.

          Genau das ist meine These: Diese Shows haben eine Entsprechung im alltäglichen Leben der Zuschauer. Das sind Schüler, Lehrlinge, Studenten, die eine ähnliche Ohnmacht fühlen. Man wird geprüft, muss sich bewerben, weiß nicht genau, was von einem verlangt wird, will aber gefallen. Diese Shows sind dementsprechend Schulen für Konformismus, ja sogar für Gehorsam. Das tut einer Gesellschaft nicht gut. Nicht nur für das Selbstgefühl des Einzelnen ist es besser, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt, wenn Menschen Eigensinn und Nonkonformismus entwickeln. Es ist erwiesen, dass heterogene Gruppen effektiver arbeiten als homogene.

          Sie haben sich für ihre Studie nicht nur mit den Casting-Shows von Bohlen und Klum beschäftigt, sondern auch mit der Sendung „Natürlich blond“ über die Berufsblondine Daniela Katzenberger. Das ist eine ganz anderes Format. Was haben Sie denn daran auszusetzen?

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